Marktkirche zu Halle, Händels Tauf- und Lehrstätte. Ein schwüler Sommerabend draußen, angenehm kühler drinnen; Bedingungen, die umso mehr Lust machten auf die inhaltliche Fülle des Galakonzerts der diesjährigen Festspiele mit Paul McCreeshs Gabrieli Consort & Players. Dieses stand ganz im Zeichen der italienischen Periode, zumal es von instrumentalem Arcangelo Corelli eingeleitet wurde. Ein eindimensionales Programm also?

Gabrieli Consort & Players © Andy Staples
Gabrieli Consort & Players
© Andy Staples

Im Gegenteil: bei ein wenig genauerer Betrachtung ergab sich eine externe wie interne Spannung, mit der die weltbürgerliche Größe des deutschen Sohnes seiner Stadt einmal mehr kohärent und spielerisch ins Licht rückte. Es zeigte außerdem, dass eine Gala auch ohne Krönungs-Bläser-Pomp festlich sein kann. Während das englische Ensemble schon von seiner Originalität her an die erfindungs- und ruhmreiche Superstar-Zeit im Empire sowie die Kunst Italiens erinnerte, offenbarten auch das bekannte Dixit Dominus sowie die Kantate Donna che in ciel mit ihren verbauten und wiederverwerteten Elementen in anderem Schaffen einige Verbindungslinien.

Mit Corellis bekanntestem Concerto grosso Op.6 Nr.4 läuteten die Gabrieli Players den italienischen Abend ein, der nachfolgend von dramatischer Vokalität bestimmt war. Unter Leitung von Konzertmeisterin Catherine Martin durchlüfteten sie das mit starken Doppelviolinkonzert-Elementen strukturierte Stück, frei beschwingt, aber auch frei von rassigen Extremen. Im Tempo aller Sätze moderat, in Agogik und Phrasierung elegant präsentierten sie diesen äußerlich italienischen Barock-Klassiker, der sonst alles andere als gemäßigt im Gedächtnis ist. Das kam vor allem dem neuartigen Inszenesetzen des Schmückenden, Legeren und Gustohaften zugute. Bei zurückhaltenden Bässen gab das Ensemble den dirigentenlosen Eröffnungspart als leichten Einstieg mit regionaler Noblesse.

Deutlich kerniger wurde es mit Erscheinen Paul McCreeshs, der die Ouvertüre zu Händels Kantate Donna, che in ciel feuriger gestaltete. Markantere Basseinsätze, größere dynamischere Kontrastierung sowie kurze Abreißer brachten nicht nur den bei Corelli etwas vermissten Zug in die Interpretation, sondern zeugten auch von der inhaltlichen Grundlage, wurde das Stück doch anlässlich der Feier zur Verschonung des heiligen römischen Zentrums vor einem Erdbeben geschrieben. Nach dem langsamen Agrippina-Intro zeigte das Allegro Parallelen zu Corellis Werk mit doppeltem Violineinsatz.

Dieses inhaltliche obligate Concerto grosso setzte sich in erster Arie fort, in der sich Ann Hallenberg als Traumbesetzung für gebührende musikalische Händel-Hommagen erwies. Das ist freilich nicht überraschend, hörte ich ihr gelungenes Debüt mit der Kantate bereits in Köln mit dem Collegium 1704. Dem Aufführungsort geschuldet kam ihr wunderschöner Mezzo in der tragenden, ausfüllenden Akustik der Marktkirche noch besser zur Geltung, sodass die Artikulations- und Diktionsbrillanz der Schwedin zu gesteigertem Genuss führte.

Ann Hallenberg © Orjan Jakobsson
Ann Hallenberg
© Orjan Jakobsson
Nachdem Hallenberg das weiche wie tatkräftige, vom Ensemble allegorisch herausgeformte Accompagnato überstrahlte, merkte man förmlich das gemeinsame Aufhorchen des Publikums, als die Sängerin die himmlische Arie „Tu sei la bella serena stella“ beendete, sternenklar, träumerisch wie besungen und hingebungsvoll in frommer Dankbarkeit mit ihrem ansatzlos geschmeidigen Ton. Zurückhaltung und Ausdruckskraft sind und bleiben einfach stete sich bedingende Markenzeichen ihrer Klasse. Das 19-köpfige Gabrieli Consort bildete im oratorienhaften Finale mit hervorragender Balance den feierlich durchdringenden, kompakten Partner zu Ann Hallenberg, die im Sechzehntel-Feuer ihre zuverlässige Geläufigkeitsmaschine anschmiss.

Diese Balance bewahrten sich Chor und Orchester zudem in Händels fünfstimmigem Dixit Dominus, dem krönenden Abschluss. Ebenfalls im italienischen Klanggewand mit typischer Concerto-grosso-Streicherbesetzung eröffnet sich dessen rassige, geniale Stilistik mit kreuzrhythmischem Groove sofort im ersten Satz, in dem ein Instrumentalkonzert als Teppichunterlage verwebt ist. Gabrieli Consort & Players intonierten einen dramatischen Psalmbeginn mit Spritzigkeit und ernsthafter Theatralik, wobei die Akustik im Großen ihre Aufgabe als voluminöser Verstärker erfüllte, die feine Durchmischung der kleinen musikalischen Details aber etwas verschwimmen ließ. Dennoch verlor das Ensemble nicht seinen durchgängig noblen Charakter, den auch Altus David Allsopp im „Virgam virtutis tuae“ an den Tag legte. Seine Stimme mit stark durchdringendem Ton umgab ein hellkaramelliger Schimmer von Geschmeidigkeit.

Auch Zoe Brookshaws „Tecum pricipium“, dem sie mit ihrem weichen, nicht ausladend mehligen sondern klaren, seidig-schmuckhaften Sopran zur strahlenden Eindrücklichkeit verhalf, musste jedes Kritikerherz höherschlagen lassen. Und es wurde noch atemraubender: nach recht unstraffen „non“-Ausrufen im rasanten „Juravit“-Teil und aufgeheitzerem „Tu es accerdos“ erhob sich der Chor unter Streicherwalzen wuchtig aus den Soli des „Dominus a dextris tuis“ empor, um dann mit dem fließend dramatischen Wechselbad des „Judicabit“ und „implebit ruinas“ zu punkten. Dabei überraschte McCreesh mit einem aberwitzig stürmenden „conquassabit“, bei dem man die Verwertung von Händels englischen Chandos Anthems Let God Arise kaum mehr wahrnehmen konnte.

Doch zwangsläufig maximal kontrastreich entwickelte der Dirigent so das magisch-schwebende „De torrente“, welches mit den hell-reinen, vibratolosen Stimmen von Zoe Brookshaw und (besonders) Jessica Cale bei friedlichen Untermalungen einwerfender Männerstimmen aus anderen Sphären kam. Mit feierlicher Expressivität der Basskompetenz in einem rauschenden Gloria endete eine spannende italienische Gala, deren Festlichkeit in der Musik Händels von den englischen Gabrielis vorzüglich zelebriert wurde.