Im Zentrum von Händels Oratorium Messias steht der Chor – hier das Gabrieli Consort unter der Leitung von Paul McCreesh: ein kleines, professionelles Ensemble, das bezüglich Flexibilität, Virtuosität in schnellsten Passagen, Präzision und Diktion alle Laienchöre weit hinter sich lässt. Trotz der geringen Zahl der Singenden ist die stimmliche Homogenität außerordentlich, die Ausgewogenheit der Stimmen ausgezeichnet. Das Klangvolumen des Ensembles ist erstaunlich, ebenso auch das tragende, intensive Pianissimo sowie die differenzierte Gestaltung von Dynamik und Phrasierung. Im Weiteren überzeugten die leichte Artikulation und die lockeren, sicher und präzise vorgetragenen Koloraturen.

Gabrieli Consort & Players © Andy Staples Photography
Gabrieli Consort & Players
© Andy Staples Photography

Der Leiter des Chors, Paul McCreesh, dirigierte das ganze Werk auswendig; das Oratorium erklang ungekürzt. McCreesh bevorzugte zügige Tempi (speziell für die virtuosen Nummern) und lotete die technischen Fähigkeiten von Chor und Orchester bis an die Grenze aus. Er vermied anderseits auch in den wohlbekannten „Highlights“ jedes Pathos, und in den ruhigen Partien wählte er ein natürliches Zeitmaß ohne übermäßige Süße. Das mochte gelegentlich dazu geführt haben, dass einzelne Passagen (wie z.B. die bekannte Pifa) vorbei waren, bevor man richtig realisiert hatte, dass sie gespielt wurden – ich fand das Konzept des Dirigenten aber durchwegs überzeugend.

Das Fundament und verbindende Glied ist das Orchester, die Gabrieli Players: ein kompaktes, in der Größe ideal bemessenes Orchester mit historischem Instrumentarium (Barockbögen bei den Streichern), erfahren in der barocken Musizierpraxis, leicht artikulierend, mit dem weichen, samtenen Klang von Darmsaiten. Speziell gefiel mir, wie sich die Barockoboen ganz mit dem Orchesterklang mischten, nie dominierten. Auch hier überzeugte die leichte Artikulation bis auf wenige Stellen, an denen McCreesh das Tempo etwas zu stark ausreizte. Die Intonation in Chor und Orchester war makellos, außer anfänglich bei den erst im zweiten Teil hinzutretenden Trompeten, was aber bei der ersten Gelegenheit korrigiert wurde.

Zu den Interpreten, in der Reihenfolge des Auftretens: Der Tenor Stuart Jackson (knapp 30, körperlich ein Hüne) verfügt über eine eher weiche, samtene Stimme, mit angenehmem Timbre, ausgeglichen, tragend, allerdings nicht sehr groß, nicht dominierend, mit guter Diktion. Der Sänger unterstützte seinen Gesang durch lebendige Mimik und Gestik, ohne dabei theatralisch zu übertreiben. Am wenigsten überzeugten mich die Koloraturen und die wenigen freien Kadenzen – eine Fähigkeit, die er sich sicher noch aneignen wird.

Bass Neal Davies sang expressiv, dramatisch, ausdrucksstark. Ich würde aber die Stimme nicht als „groß“ bezeichnen (oder hat seine kleine Statur – zumal neben Stuart Jackson – meinen Höreindruck beeinflusst?); mir schien, er müsse in einigen Stücken fehlendes Volumen durch übermäßig offene Artikulation kompensieren, was einerseits die Klarheit seiner Diktion beeinträchtigte, zum anderen auch sein Timbre unnötig aufhellte. In „Why do the nations“ wirkten die Koloraturen etwas forciert, dafür war die bekannte Arie „The trumpet shall sound“ beeindruckend (allerdings ist diese von Händel so ideal gesetzt, dass sie zum pièce de résistance der Ausbildung jedes Bassisten geworden ist).

Iestyn Davies © Marco Borggreve
Iestyn Davies
© Marco Borggreve
Am wenigsten überzeugt hat mich die Sopranistin Sarah Tynan. Mir war ihr Vibrato zu stark, die Stimme zu dramatisch, nicht sehr ausgeglichen. In einigen Koloraturen kam ihr Vibrato in Konflikt mit der Stimmführung – das mag teils auch am raschen Tempo gelegen haben. Am meisten enttäuscht hat mich ihre Arie „I know that my redeemer liveth“, eine von Händels schönsten Eingebungen: hier fehlte es in den tieferen Lagen an Volumen, zudem erlag die Sängerin der Versuchung, die Spitzennoten noch unnötig zu verstärken (statt sie etwas zurückzunehmen); der Gesang war dramatisch, dennoch ohne Intensität und Eindringlichkeit, die gerade bei dieser Arie so zentral wären.

Zusammen mit dem Chor war für mich der Countertenor Iestyn Davies der klare Höhepunkt des Abends: er hatte die größte Solistenpartie, zumal er noch zwei eigentlich der Sopranistin zugedachte Nummern übernahm. Was seiner Stimme an Volumen (im Vergleich zu „großen“ Altistinnen) fehlen mag, machte er mehr als wett durch die stimmliche und dynamische Ausgeglichenheit, die überlegene Gestaltung, die Natürlichkeit der Koloraturen und Verzierungen, sein Messa di voce, und vor allem die Intensität und Tiefe des Ausdrucks. Ich fand schon seinen ersten Auftritt im „Thus said“ und „But who may abide“ sehr berührend. Zum eigentlichen Höhe- und Angelpunkt des Werks wurde für mich allerdings die Arie „He was despised“: ein Moment, der mir Schauer über den Rücken jagte. Die zusätzlichen Verzierungen im da capo Teil der Alt-Arien waren zudem ausgesprochen passend, nie aufgesetzt. Im Duett „O death, where is thy sting“ behielt Iestyn Davies stimmlich die Oberhand gegenüber dem Tenor. Das Konzert endete mit einem „Amen“, das sich aus einem sanften Piano eindrücklich steigerte, ohne überladenes Pathos.