Hänsel und Gretel wurde 1893 am Weimarer Hoftheater unter der Leitung von niemand Geringerem als Richard Strauß uraufgeführt. Da gebietet es der Ehrgeiz der Wiener Staatsoper, für eine Neuinszenierung von Engelbert Humperdincks bekanntestem Werk einen ganz Großen der heutigen Zeit ans Pult zu holen. Und Christian Thielemann kam, dirigierte und siegte.

Adrian Eröd (Peter) und Janina Baechle (Gertrud) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Adrian Eröd (Peter) und Janina Baechle (Gertrud)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Wer Operette dirigieren kann, so Thielemann, ist für Humperdincks Geniestreich gerüstet, und daher hat man in Wien, wo Operette bekanntermaßen nicht nur auf der Bühne stattfindet, tatsächlich schon viele hervorragende Dirigate von Hänsel und Gretel erlebt. Wenn allerdings Thielemann mit dem ihm eigenen Talent fürs Grandiose dem Hexenritt die Eleganz von Siegfrieds Rheinfahrt verleiht und den Abendsegen mit der Inbrunst von „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ verbindet, dann ist das ein überwältigendes Erlebnis und beileibe nicht zu viel des Guten; schließlich war Humperdinck Wagners Assistent und dem Klangideal seiner Zeit verpflichtet.

Zu dem, was an Farbenpracht und Nuancen aus dem Graben drang, stand jedoch das, was von der Bühne tönte, leider des Öfteren im Gegensatz. Das kann man in diesem Fall jedoch weniger den Sängerinnen und Sängern selbst anlasten (wer sagt schon nein zu einer Zusammenarbeit mit Christian Thielemann?), sondern viel eher einer wenig durchdachten Besetzung: Natürlich ist Adrian Eröd ein Publikumsliebling, aber sein schlanker und wenig väterlicher Bariton prädestinieren ihn nicht unbedingt für den Peter Besenbinder; mehr Orgeln und Poltern hätte dem von weiblichen Stimmen dominierten Abend gutgetan. Das Donnergrollen kam wohl eher unfreiwillig von Janina Baechle, deren Mezzosopran leider recht strapaziert wirkte. Ihre Mezzo-Kollegin Daniela Sindram gab zum Ausgleich mit schön geführter Stimme und jugendlich-burschikosem Spiel einen ausgezeichneten Hänsel und bot insgesamt die erfreulichste Leistung des Abends.

Ileana Tonca (Gretel) und Daniela Sindram (Hänsel) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ileana Tonca (Gretel) und Daniela Sindram (Hänsel)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Demgegenüber hatte Ileana Tonca als Gretel keinen leichten Stand. Zum einen hatte ihr Instrument nicht immer das nötige Volumen, sich im romantischen Klangrausch zu behaupten, zum anderen wurde sie von Ausstatter Anthony Ward in ein Kostüm gesteckt, das zwar der gängigen Vorstellung eines armen Mädchens des 19. Jahrhunderts entspricht, aber wohl jede Trägerin unvorteilhaft älter macht. Positiv muss man anmerken, dass Tonca ihre Aufgabe den Umständen entsprechend gut meisterte und das Gretel-Kostüm die einzige Verfehlung des Ausstatters ist. Annika Gerhards machte als Sandmännchen und Taumännchen zwar nichts falsch, blieb aber eher farblos.

Das lag vielleicht auch daran, dass die Timbres von Sindram, Tonca und Gerhards einander recht ähnlich sind, was speziell den Hänsel-und-Gretel-Szenen Kontrast und Spannung nahm. Für die Besetzung der Hexe entschied man sich mit Michaela Schuster dem Original entsprechend für eine Sopranistin, doch blieb diese mit viel Vibrato und nicht immer sicherer Intonation einiges schuldig – da haben, bei aller Spielfreude Schusters, doch die alternden Volksopern-Tenöre die krumme Hexennase vorn und die Lacher auf ihrer Seite.

Die altgediente und immer noch entzückende „klassische“ Inszenierung der Volksoper (diesen Dezember so wie jedes Jahr wieder am Programm) mag einer der Gründe sein, weshalb die Wiener Staatsoper sechs Jahrzehnte lang auf Hänsel und Gretel verzichtet hat, doch darf man Traditionen natürlich auch brechen – allerdings hat man dafür mit Adrian Noble nicht gerade einen großen Neuerer geholt. Seiner Inszenierung mit der erwähnten Ausstattung von Anthony Ward, der Beleuchtung von Jean Salman und der Videoarbeit von Andrzej Goulding liegt die Idee zugrunde, dass an einem Londoner Weihnachtsabend um 1890 einem viktorianischen Kinderpaar durch eine Laterna magica das Tor zu einer märchenhaften Welt geöffnet wird, ähnlich wie bei Alice im Wunderland.

Daniela Sindram (Hänsel) und Michaela Schuster (Knusperhexe) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Daniela Sindram (Hänsel) und Michaela Schuster (Knusperhexe)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Dieses Thema wiederholt sich noch einmal mit einem recht kleinen Knusperhäuschen, welches wiederum das Portal zur riesigen Hexenstube mit überlebensgroßem Raben bildet; alles Weitere bleibt jedoch bieder-konventionell. Dass der Bühnenausschnitt rund ist und nicht nur mit der zauberhaften Lichtregie das Thema der Laterna magica aufgreift, hat allerdings Charme und ist immer hübsch anzuschauen (speziell der Wald aus beweglichen, Scherenschnitt-artigen Kulissen). Leider irritiert die banale Personenführung, denn wie in einem Massen-Musical neuen Zuschnitts ist speziell für Hänsel und Gretel Rampensingen und –tanzen vorgesehen, Interaktion gibt es kaum.

Sollen oder können so besonders Kinder angesprochen werden? Wohl kaum, denn gerade Kinder haben neben einer großen Vorliebe für alles Fantastische einen untrüglichen Sinn für das Echte, Natürliche. Theater und Oper brauchen den Zeichentrickfilm aus dem Vorabendprogramm daher nicht zu kopieren, denn auch dabei gilt, dass das Original in der Regel besser als die Kopie ist. Wenn für Wiederaufnahmen an diesem Punkt gearbeitet wird, darf sich Wien nun zweier klassisch-repertoiretauglicher Inszenierungen von Hänsel und Gretel brüsten. Womit wir wieder bei der Operette wären, aber gerade die gehört zu Wien wie das Kaffeehaus.