Das letzte der Schaffhauser Meisterkonzerte fand im intimen, stimmungsvollen Rahmen der freskengeschmückten Kirche Burg in Stein am Rhein statt: Transzendenz und Subtilität auf höchstem Niveau. Ein Konzert unberührt vom Touristenrummel im historischen Stadtkern am anderen Ufer, auf den man – geistig etwas abgehoben – bei schönstem Herbstwetter hinunterblicken konnte. Das „abgehoben" traf sicher auf den Beginn des Konzerts zu, mit den ersten vier Fugen aus Bachs unvollendet gebliebener Sammlung Die Kunst der Fuge: das unangefochtene Paradebeispiel absoluter Musik, nicht nur in der Barockzeit. Das Hagen Quartett wählte die ersten vier Stücke, davon die ersten drei in der Reihenfolge der Handschrift: die einfachsten Fugen, über das Thema und dessen Umkehrung, danach ein ähnliches Fugenpaar, mit rhythmisch komplexerem Comes: jedes der Stücke unaufgeregt, ohne jegliches Pathos, in einem einzigen, zwingenden Bogen dargeboten, das Tempo flüssig und dennoch ruhig, fast ruhend, so einfach in der Artikulation, dass sogar Lukas Hagens nur angedeutetes Vibrato beinahe negativ auffiel. Auch die Dynamik blieb unauffällig, folgte dem dramatischen Bogen jeder Fuge.

Hagen Quartett © Harald Hoffmann
Hagen Quartett
© Harald Hoffmann

Es war dies die ideale Einleitung zum letzten Quartett von Dmitrij Schostakowitsch: ein Werk in sechs Sätzen, allesamt Adagio überschrieben. Auch hier blieb die Artikulation vorerst einfach, selbst wenn Vibrato und gelegentliches Portamento jetzt vermehrt zur Ausgestaltung von Melodiebögen zum Einsatz kam. Dabei strebte ersteres nie die Intensität an, die man oft bei Ensembles der Russischen Schule beobachtet. Immer aber bleibt Schostkowitsch seinem harmonischen Idiom treu. Meditative Musik, versonnen, über letzte Dinge im Leben reflektierend, auf das absolut Nötigste reduziert: äußerst anrührend dargeboten, jedoch nie rührselig, zieht sie vor allem in leisesten, gehauchten Passagen in ihren Bann. Im zweiten Satz, Serenade, lässt Schostakowitsch stimmenweise aus dem Pianissimo anschwellen, wobei der Bogen in einem Aufstrich mit zunehmendem Druck in die Nähe des Stegs geführt wird, was den Ton in einem obertonreichen Kratzen enden lässt, später in fast explosive, gerissene Pizzicati mündend. Anfänglich meist einstimmig, wieder mit beinahe volkstümlichen Wendungen, bleibt die Musik auch hier auf das Wesentlichste beschränkt, im Grundton heiter, erzeugt Intensität vor allem über extreme Artikulation. Die Interpretation verinnerlichte dies, entsagte sich jeglichen Versuchs, über Vibrato oder Schweller zusätzliche Intensität zu erzeugen. Die wilde Eruption der ersten Violine über der ruhenden Cellobegleitung im Intermezzo – wie der Einbruch einer Katastrophe – bleibt Episode: das Nocturne lässt die Musik wieder in andere Sphären entschweben. Es ist ein elegischer, melancholischer Gesang in einer für Streicher äußerst unbequemen Tonart, mit traumwandlerischer Sicherheit intoniert.

Die Musiker blicken auf 36 Jahre einer gemeinsamen Karriere zurück. Nicht nur die verwandtschaftlichen Bande, sondern auch die Jahre gemeinsamen Musizierens haben Fragen der Interpretation, der Intonation, des Tempos, der Koordination verinnerlicht. Intensive Blickkontakte bei der Aufführung erübrigen sich, speziell die drei Geschwister folgen dem Notentext, ganz dem Musizieren hingegeben – eine eingeschworene Gemeinschaft, in sich selbst ruhend.

Schuberts Streichquartett in d-Moll ist genauso ein Dialog mit dem Jenseits, dennoch mehr den Fährnissen des menschlichen Daseins verhaftet: im ersten Satz eine wilde Mischung von Rebellion, Sehnsucht, Angstgefühlen, Beengung. Das Ensemble musizierte zügig, zielgerichtet, ohne dabei je zu drängen, wiederum mit minimalem Vibrato und ohne dynamische Übertreibungen, perfekt abgestimmt in Dynamik und Agogik. Aus Zeitgründen wiederholten die Musiker im Allegro die Exposition nicht, beachteten aber im Variationensatz mit dem Liedthema alle Repetitionszeichen. Das Quartett vermied jegliche Übertreibung, Schweller waren oft nur angedeutet, Wiederholungen gelegentlich eher leiser denn lauter: gänzlich unprätentiöses Spiel, ohne übertriebene Ästhetik oder Eleganz, ganz Ausdruck bar jeglicher akademischen oder lehrhaften Attitüde, dabei ohne Süßlichkeit und Larmoyanz. Im sehr leidenschaftlichen Scherzo erzeugte das Trio eine ganz eigentümlich verhaltene Stimmung, mit seiner fast ängstlich zitternden, schaudernden, dahinschlitternden Melodiestimme. Im Schlusssatz war das Tempo nahezu halsbrecherisch, an der Grenze des Artikulierbaren, blieb aber präzise und ungehetzt: keine geschliffene, hochglanzpolierte Darbietung, doch eine mit einer inneren Wahrhaftigkeit sondergleichen.

Als Zugabe wählte das Ensemble das Prestissimo aus Schuberts Quartett Nr.10 in Es-Dur, D.87: das Werk (und der Geniestreich) eines Sechzehnjährigen ist deutlich spielerischer, passte jedoch im Charakter ganz zu den dramatischen Sätzen der vorangegangenen Komposition.