Dunkel ist es auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper, als sich vergangenen Donnerstag der Vorhang für Fromental Halévys La Juive hebt. Im Hintergrund steht eine Betonmauer monolithischen Ausmaßes, davor rückt eine Putzfrau strahlende weiße Wasserkübel in ordentliche Reihen. In den folgenden dreieinhalb Stunden wird sich an dieser bedrückenden Stimmung nicht viel ändern. Calixto Bieito inszeniert die selten gespielte Oper als profundes Meisterwerk und verzichtet fast vollkommen auf Spezialeffekte und Regietheater.

Die Entscheidung, La Juive nach fast 100 Jahren der Abstinenz wieder auf den Spielplan zu nehmen, hat dabei durchaus allerhöchsten Aktualitätsbezug. Im Zentrum des Meisterwerks steht der Glaubenskonflikt zur Zeit des Konstanzer Konzils. Die junge Rachel verliebt sich in den Reichsfürsten Léopold. Sie ist Jüdin, er ist Christ, und somit ist die Liebschaft zum Scheitern verurteilt. Zunächst erfährt ihr Vater von der Affäre, dann die Öffentlichkeit, und alle wollen sie der beiden Tod, so wie es das damalige Gesetz verlangt.

<i>La Juive</i> © Wilfried Hösl
La Juive
© Wilfried Hösl

Das Bühnenbild von Rebecca Ringst wird dabei zum Schauplatz der vielschichtigen Ambivalenzen der Oper. Über alle vier Akte bleibt die riesige Mauer im Zentrum stehen. Sie ist Klagemauer, Auschwitzs berüchtigte schwarze Wand und Sperranlage um den Gaza-Streifen zugleich. Sie wird zum Bollwerk der Ignoranz, an der jegliche Vernunft abprallt. Vor ihr verflucht der Jude Eléazar seine eigene Tochter, vor Ihr entscheidet Léopold, dass eine Flucht mit Rachel unmöglich sei. In ihrem Schatten prangert die gedemütigte Rachel ihren einstigen Liebhaber gnadenlos, und ohne Rücksicht auf Ihr eigenes Leben, in aller Öffentlichkeit an. Vor genau dieser unverrückbaren Mauer findet am Ende das Tribunal statt, und zu ihren Füßen verbrennt Rachel schlussendlich auf dem Scheiterhaufen.

Nur einmal kommt sie kurz ins Wanken. Éléazar sitzt im Kerker und hat die Chance, Kardinal Brogni zu offenbaren, dass Rachel eigentlich seine Tochter und damit Christin ist. Das Unheil, das über beider Köpfe schwebt, könnte er in dieser düsteren Minute zum Guten wenden, die Mauer endgültig zum Einsturz bringen. Doch Eléazar entscheidet sich für die Rache an dem ihm verhassten Kardinal und schweigt.

Roberto Alagna (Éléazar) und Ain Anger (Kardinal Johannes Brogni) © Wilfried Hösl
Roberto Alagna (Éléazar) und Ain Anger (Kardinal Johannes Brogni)
© Wilfried Hösl
Die ausdrucksstarke Lichtführung (Michael Bauer) der Inszenierung wird leider etwas durch die szenischen Schlaglichter von Bieito entkräftet. Schon im ersten Aufzug kommt es in den eingangs erwähnten Wasserkübeln zu Impromptu-Taufen, dann versucht sich der Chor mit Blattbüscheln bewaffnet am Massenexorzismus und zum Schluss wäscht Kardinal von Brogni Éléazar im Kerker die Füße wie einst Jesus den Jüngern. Zurück bleibt leider nur der halb ausformulierte Gedanke, der reduzierten Inszenierung damit mutmaßlich etwas mehr Tiefgang zu verleihen. Wozu? Musikalisch präsentierte sich La Juive da deutlich mutiger und konsistenter. Die Ouvertüre wurde ersatzlos gestrichen und auch sonst zeigten Dirigent Bertrand de Billy und Bieito keine Hemmungen, diverse Passagen zu streichen. Das Gesamtbild war schlüssig. So recht überzeugten konnte Billy das Münchner Publikum mit seinem eher rationalen Dirigat aber dennoch nicht - trotz vieler ausdrucksstarker und kraftvoller Einsätze.

Deutlich mehr Applaus erntete da die fabelhafte Aleksandra Kurzak. Ihre Rachel war subtil, sinnlich und voller Emphase. Die großen Höhen waren indes nicht ganz ihre Stärke, aber das machte die geborene Polin mit ihrer unglaublichen Intensität mehr als wett. Durchweg überzeugend war auch Ain Angers machtvoller und wohl konturierter Bass; die Rolle als Kardinal Brogni füllte er ausdrucksstark. John Osborn (Léopold) kam mit seinem wohltönenden, nur manchmal nicht immer ganz klaren Tenor ähnlich gut an.

John Osborn (Reichsfürst Léopold) und Aleksandra Kurzak (Rachel) © Wilfried Hösl
John Osborn (Reichsfürst Léopold) und Aleksandra Kurzak (Rachel)
© Wilfried Hösl

Nur Robert Alagna ließ in der Rolle als Éléazar eine etwas nuancenreichere Interpretation vermissen. Fast immer laut und selten ausdifferenzierter, forcierte der Tenor die entscheidenden Stellen etwas zu lautstark. Vom Publikum gab es nach seinem „Rachel, quand du Seigneur“ nur verhaltenen Applaus mit vereinzelten Buh-Rufen.

Wer an diesem Abend also ein Wiederaufleben der Grand Opéra erwartete, wurde wohl genauso enttäuscht wie alle, die auf eine Skandalinszenierung von Bieito gewettet hatten. La Juive an der Bayerischen Staatsoper wurde stattdessen aufs Wesentliche reduziert. Im Kern steht die (leider) immer noch wichtige Frage der Religionsfreiheit. Es wird nicht provoziert, es wird nichts beschönigt und auch nicht übertrieben. Die gehaltvolle Oper wird schlicht für sich stehen und wirken gelassen. Eine gute Option, die mit einer ebenso guten Leistung des gesamten Ensembles ausgefüllt wurde.