„Zurück zur Natur!“ So zeitgeistig das diesjährige Motto der Tage Alter Musik in Herne zur Beleuchtung offensichtlich naturalistischer Auseinandersetzungen in der Musik dient, so leicht lassen sich im Barock die Anklänge Rousseaus Ausspruchs in immer auch früher schon politischen Noten finden. Typischerweise trifft man auf solche in den Erzählungen eines landschaftlich idyllischen Arkadiens, die in Form utopisch menschlicher Friedfertigkeit und Prosperität in der kriegsgebeutelten Welt der Mythologie und Völker herhalten, dem Herrscher im damaligen, reflektierenden Jetzt einerseits zu huldigen sowie ihm und der Gesellschaft andererseits die Hoffnung auf sich besinnende Prinzipiengröße für verheißende Veränderung ins Stammbuch zu schreiben. In Johann Adolf Hasses – wiederum selbst bereits Bote neuer Natürlichkeit – Enea in Caonia bot sich dafür die von Vergils epochaler Irrfahrten-Schilderung inspirierte Begegnung des wundergeplagten römischen Städtegründers und Trojaexilanten mit der von Vater und Sohn Stampiglia ersonnenen Jägerin Ilia an.

Stefano Montanari und Solisten
© WDR | Thomas Kost

Diese neapolitanische Serenata von 1727 spürte – in geübter Tradition zu erklingender italienischer Tonausgrabungen – Musikwissenschaftler Giovanni Andrea Sechi auf, der in Altistin Francesca Ascioti eine Begleiterin fand, diesen Fund recht fürstlich zum Leben zu erwecken. Sie gründete dazu in doppelt und dreifach zielgerichteter Werkidentifikation und Anlassreferenz das römische Enea Barock Orchestra, das das typisch zweiteilige Stück unter Leitung von Stefano Montanari einspielte und nun nach Vorführung in der Heimat zur neuzeitlichen Erstaufführung in Deutschland bringen sollte. Doch war das coronabedingte Verschieben um ein Jahr Schuld, dass Ascioti sowie ihre vier Kolleginnen und Kollegen dieser Ur-Veröffentlichung diesmal nicht zur Verfügung standen, exklusive Paola Valentina Molinari. Daher lernten vier neue Solisten die Partien für jenes Festival, für das es eigens zurück zur Natur hieß. Nämlich zu den Premieren der scheinbar verschwundenen Alten Musik, mit denen Herne auch in Monaten der Coronawirrungen fast wie selbstverständlich wieder seine erbaulichen Markenzeichen setzte.

Eine Marke ist in Hasses Serenata schon Dirigent Montanari, der als geschickter, sich selbst gefallender Verkäufer einer kleinschwesterlichen Miniopern-Rarität mit daher weniger Drama und genrespezifischer Charakterintensität, aber verlässlichem Mitwipp-Nummernbingo die freilich ungeschriebene Rolle einnahm, Hasse als einfühlsamen Piraten das Superstarimage dessen Tage zurückerobern zu lassen. Er tat dies mit einer besonderen, unterhaltenden Lässigkeit, die zum eingängigen, galant-gefälligen Stil des Komponisten passte, wenngleich – dank gefestigter Phrasierungs-, Tempo- und Akzentgrundlagen ohne Gefahr, in bloßer Akzeptabilität oder gar Nachlässigkeit zu kentern – manch theatralischeres oder gesteigertes Ausfechten der CD-Realisation für noch denkwürdigere Affinitätswerbung im Live-Empfinden auf Hernes Bühne wünschenswert gewesen wäre.

Paola Valentina Molinari
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Es gelang Montanari demnach insgesamt, mit dem ganz hassetypisch besetzten – balancemäßig mustergültig und empfehlenswert, vom Erfinder allerdings wohl selbst nicht praktiziert, antiphon aufgestellten – Ensemble aus Streichern, Cembalo, Oboen und Hörnern, vermeintlich Einfaches leicht sowie durch Attacca-Überleitung und generell rhythmischen Schwung den exzellenten Ruf des barocken Melodieschaffers über die Weltmeere zu verteilen. Vor allem bestach er mit einem sicheren Gespür für Dynamik und darin besagte, mit den Vokalisten eben eminent wichtigen Balance, im zweiten Part mit entschieden größerer operaler Sprachfähigkeit (dann zudem mit ausgereizten Pausen vor den variierten Dacapi).

Ein feines Händchen für Gefälliges und Stimmfreudiges besaß Hasse genauso für das Gesangliche, was auch ein persönlicher Pluspunkt bei Primadonna Faustina Bordoni gewesen sein könnte, ihn Hals über Kopf zu heiraten. Wie von Scarlatti übernommen, intendierte er – allen voran bei Serenaden, Bordoni kannte er noch nicht in persona – die maßgeschneiderten Rollen dabei mehrheitlich en travestie zu verkörpern; ein historischer Fakt, der in Asciotis ursprünglicher und nun identisch durchgetauschter Auswahl an Geschlechtern – abgesehen vom titelgebenden Enea und Eleno – nicht übernommen werden konnte.

Dafür reihten sich die Solisten – mit ein paar Abstrichen bei Luca Cervoni als gesichert männlicher, enea-gefährtlichem Tenor-Niso – in den Flow und die äußerst leichtgängige wie exakte, dort im Aspekt der Diktion und Verständigkeit nur bei der geschmeidigen, später auch mal mit schnelleren Figurationen bedachten Gaia Petrone als Caonia-Königin Andromaca etwas unklarer, nicht überladene Handhabung ein. Naturgebiets-König Eleno sowie Enea und Ilia meisterten mit dem warmen und nachher sentimental wirkungsvoller eingesetzten Sopran von Molinari, mit Anthea Pichanicks dunklem, überhaupt nicht irrlichterndem, sondern geradlinig durchschlagend-effektvollem Alt, und Giulia Bolcatos ausgezeichnet angenehmem, höhenaufgespießt strahlend vermittelndem Freiheitssopran Hasses Idee einer naturgemäß geschmackigen Auszeit.

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