René Jacobs gilt als gestandener Experte in Sachen historischer Aufführungspraxis, vom Barock bis in die Klassik. Zum Abschluss der Zürcher Festspiele hat er nun in der Tonhalle Haydns Oratorium Die Jahreszeiten dirigiert und man durfte gespannt darauf sein, was Jacobs aus diesem populären Werk machen würde.

Das Oratorium ist beliebt bei Laienchören und bietet an sich keine extremen Anforderungen. Die Schwierigkeiten liegen mehr in Baron van Swietens Libretto, das heute etwas gar harmlos und naiv klingt, sowie in der Gefälligkeit von Haydns Musik. Dadurch kann das Werk rasch in den Bereich der Trivialität abgleiten. René Jacobs begegnete dieser Gefahr zum einen durch die Wahl zügiger Tempi und lebendiger Dynamik, durch Dramatisierung (Theater auf dem Podium) und in einem Falle durch plakative Übertreibung. Er hatte damit durchaus Erfolg: schon in der Einleitung fiel die lebendige, expansive Dynamik, die sprechende Artikulation auf – die Musik wirkte wie nach einer Frischzellenkur.

René Jacobs © Molina Visuals
René Jacobs
© Molina Visuals

Das Tonhalle-Orchester gruppierte sich um den zentralen Hammerflügel (Peter Solomon) als Continuo-Instrument; die beiden Violinstimmen saßen sich auf dem Podium gegenüber. Das verdeutlichte den Dialog zwischen diesen beiden Stimmen, stellte aber höhere Anforderungen bei der Koordination. Leider war René Jacobs' Schlagtechnik nur bedingt geeignet, ein mittelgroßes Orchester (ca. 25 Streicher) im Zaum zu halten, zumal bei seiner Vorliebe für ein zügiges Zeitmaß. Die orchestrale Präzision war nicht immer auf dem gewohnt hohen Niveau und es ist nicht zuletzt dem Konzertmeister und dem neben dem Fortepiano platzierten Solocellisten Thomas Grossenbacher zu danken, dass das nicht weiter auffiel. Vor allem letzterer hatte sichtlich Freude an seiner ungewohnt zentralen Funktion im Ensemble.

Bei den drei Solisten hätte ich mir allgemein eine etwas klarere Diktion gewünscht: wem der Text nicht in Ansätzen vertraut war, hatte kaum eine Chance, das Gesungene zu verstehen. Die Sopranistin Marlis Petersen kommt aus dem Koloratur- und Opernfach; ihre Partie enthält zwar einige Koloraturen, ist aber ansonsten eher lyrisch ausgelegt. Mir schien ihr Vibrato oft eher stark, gelegentlich mangelte es ihr an Klarheit in Tongebung und Artikulation. Anderseits lebte sie im Herbst im Sopran-Tenor-Duett „Ihr Schönen aus der Stadt“ so richtig auf. Auch Werner Güra genoss es sichtlich, seine Partie mit etwas Schauspiel beleben zu können. Seine wahre Stärke zeigte er aber in den leisen Passagen wie der Cavatine „Dem Druck erlieget die Natur“ (Sommer), die für mich zu den Höhepunkten des Abends zählte. Hier schaffte er es auch im feinsten Pianissimo noch, die Spannung bis zur letzten Note zu halten. Güra forcierte seine Stimme nie, nur gelegentlich setzte er Glanzpunkte mit seinem hellen Timbre. Der Bassbariton Johannes Weisser bestach mit seiner warmen, vollen Stimme und zahlreichen sehr ausdrucksvollen Passagen.

Ganz allgemein schienen mir vor allem die lyrischen Segmente sehr überzeugend gestaltet, gelungen; das Orchester erbrachte einmal mehr eine ausgezeichnete Leistung. Allerdings fand ich es schade, dass René Jacobs bei den rascheren Partien selten bis nie durch leichtes Nachgeben die Möglichkeit eröffnete, eine Koloratur oder gelegentliche Arabesken der Vokalsolisten und Bläsersoli sorgfältiger auszugestalten, aufblühen zu lassen. Der Dirigent schien das Tempo oft einfach durchzuziehen und mehrfach wirkten solch gezwungenermaßen rasche Ausschmückungen etwas lieblos, wenn nicht gelegentlich sogar oberflächlich.

Eine zentrale Rolle in diesem Oratorium kommt natürlich dem Chor zu: die von Tim Brown vorbereitete Zürcher Sing-Akademie war für mich der wahre Höhepunkt des Konzerts. Die 36 Sänger (sämtlich Profis) waren vorbildlich in Stimmgebung, Artikulation, dynamischer Gestaltung und Homogenität. Schon der erste Auftritt, „Komm, holder Lenz“, öffnete Ohren und Sinne für die Qualitäten dieses Ensembles. Der Chor blieb auch bei raschen Tempi souverän in Koloraturen und polyphonen Partien, nie nachlassend in Klarheit und Diktion, auch wenn die Stimmen am Schluss für den Doppelchor noch geteilt wurden. Eine wahre Freude insgesamt. Ich bin gespannt, wie sich der Chor unter Tim Browns Nachfolger Andreas Felber weiter entwickeln wird.

Weitere Höhepunkte waren die Jagdszene im Herbst, nicht nur wegen des effektvollen Schusses von der Kesselpauke (selbstverständlich mit Holzschlägel), sondern vor allem wegen der zu beiden Seiten paarweise aufgestellten vier Naturhörner mit ihrem hellen, lebendigen Klang. Den Schlusschor des Herbst mit seiner Weinseligkeit gestaltete Jacobs zur wahren Kiste: hier setzten sich zusätzlich Trommel, Tschinelle, Schellenbaum und Tamburin in Szene; man schien einem ausgelassenen Trinkgelage beizuwohnen, das in einem freudigen Aufschrei endete.