Mit einem lauten, anhaltenden Paukenwirbel, welcher Joseph Haydns Sinfonie Nr. 103 ihren Namen gab, begann das dritte Philharmonischen Konzert dieser Saison, in dem das Orchester der Oper Zürich zwei Spätwerke unter Cornelius Meister präsentierte, der seit 2012 häufig Gastdirigent dieses Ensembles ist. Der darauf folgende Einsatz von Cello und Bass wirkte leicht zögerlich, tastend; im Nachhinein schien es fast, als ob die Celli durch vermehrtes Vibrato versucht hätten, Schwankungen in der Intonation zu überdecken, wurde doch im weiteren Verlauf der Komposition nur sehr sparsam vibriert. Dieser Anflug von Unsicherheit schwand aber schon im Laufe der Einleitung, vollends dann im Allegro con spirito, das die Musiker mit forschem Tempo angingen — oftmals zu drängend: man spürte, dass dem Dirigenten eher an Schwung und Frische der Musik gelegen war als daran, die letzten Details in Artikulation und Gestaltung von Motiven und Figuren auszuarbeiten. Die Wiederholung des Paukenwirbels zu Beginn der Coda pianissimo auszuführen war ein gelungener Ansatz und gleichsam eine Erinnerung, ein Echo des Anfangs.

Philharmonia Zürich © Dominic Büttner
Philharmonia Zürich
© Dominic Büttner

Das Thema im Variationensatz Andante più tosto Allegretto war gemächlich, fast behäbig; die nachfolgende Variation wurde deutlich schneller gespielt, als ob der Dirigent die Überschrift als Andante, poi Allegretto gelesen hätte. Der ganze Satz war von Tempoänderungen geprägt, die oft ans Rubato grenzten; sie wirkten vielfach etwas unnatürlich, aufgesetzt, ja übertrieben, speziell die Accelerandi oder Ritardandi jeweils am Ende einer Variation. Insgesamt war es eine eher konventionelle Aufführung, deutlich geprägt durch Einflüsse historisierender Musizierpraxis wie limitiertes Vibrato und leichte Artikulation, mit frischen Tempi, lebhaft und aufmerksam dirigiert und vom Orchester im Allgemeinen sehr gut gemeistert.

Mahlers Lied von der Erde führte die Zuhörer aus der Unbeschwertheit von Haydns Klassik in sechs Orchesterliedern in die emotionale Welt von Lebenssucht, Todesahnung und Abschied. Der Australier Stuart Skelton zeigte sich dabei als bühnenerfahrener Heldentenor mit kräftiger Stimme, präsent, und ausdrucksstark – leider mit begrenzter Textverständlichkeit: Als Zuhörer griff man unwillkürlich zum Programmheft, denn ohne Text liefen Mimik und Gestik des Sängers ins Leere. Nach der Dramatik des ersten Lieds ist das dritte, Von der Jugend, eher lyrisch, das relativ rasche Tempo wollte hier nicht recht zum beschaulichen Inhalt passen. Anderseits unterstützte die Bildlichkeit des Inhalts die schauspielerischen Talente des Sängers. Ganz in seinem darstellerischen Element war der Solist dann im fünften Lied – seine beste Leistung an diesem Abend, auch wenn sich abzeichnete, dass er nicht optimal disponiert war und beim hohem Pianissimo mit Kopfstimme singen musste.

Auch die anspruchsvolle Altpartie geriet leider nicht zu einem Höhepunkt des Abends. Sicher war das Umfeld schwierig: die trockene, analytische Akustik des Opernhauses (für Elisabeth Kulman nichts Neues), das Orchester, welches sich in den leisen Gesangspartien wohl etwas mehr hätte zurücknehmen können; dazu kam möglicherweise eine leichte Indisposition der Sängerin — jedenfalls entstand der Eindruck, es mangle ihr speziell in den leisen und tiefen Partien an Präsenz, in der Tiefe auch an Volumen. Im vierten Lied, Von der Schönheit, schienen sich Orchester und Solistin anfangs uneinig über das richtige Tempo zu sein, und das Gefühl eines bewusst gestalteten Rubato wollte sich nicht einstellen. Für meinen Geschmack hätten Mahlers zahlreiche Tempoangaben subtiler, weniger abrupt angegangen werden können. Auch die Diktion der Altistin war nicht immer über alle Zweifel erhaben und oftmals konnte man „s“ und „ß“ kaum hören. Gegen den Schluss hin fehlte im Orchester die Spannung, das Geheimnisvolle.

Schließlich das letzte, längste und emotional anspruchsvollste Lied, Der Abschied, insgesamt eher enttäuschend. Im Orchester wurden Mahlers sehr detaillierte Anweisungen akkurat umgesetzt, aber es mangelte der Aufführung an Poesie und Subtilität und die beschauliche Stimmung dieses Gedichts kam nicht zum Tragen. Vieles war im Orchester zu vordergründig und direkt, vor allem in den Bläsersoli. Der Gesangspart erschien dagegen oftmals kurzatmig; man vermisste die langen Phrasen, die Spannkraft im Überbrücken von Pausen. Schade, dass die Sängerin ihre gute Stimme nicht besser zur Geltung bringen konnte. Mein Gesamteindruck: Dem Dirigenten fehlt wohl noch etwas die Abgeklärtheit in Mahlers schöner, ergreifender Musik, der Sinn für deren Poesie — irgendwie sprang der Funke nicht auf mich über.