Zusammen mit Piotr Anderszewski präsentierte das Zürcher Kammerorchester ein Programm aus einer Symphonie und zwei Klavierkonzerten der Wiener Klassik, angereichert mit einem spätromantischen Intermezzo (als Werkbezeichnung und in der Funktion) von Franz Schreker, letzteres in audiovisueller Präsentation. Am Ende war es insgesamt leider eher Musikkommerz als Wagnis.

Piotr Anderszewski © MG de Saint Venant
Piotr Anderszewski
© MG de Saint Venant

Haydn hat mehr als 100 Symphonien geschrieben. In seiner Zeit als Chefdirigent mit dem ZKO erarbeitete Sir Roger Norrington eine kleine Auswahl davon. Die sechs Pariser Symphonien (Nr. 82 - 87) wurden zudem in Aufnahmen verfügbar gemacht. Das Konzertprogramm mit den von Anderszewski gespielten Mozart-Konzerten verlangte offenbar nach einer Ergänzung, und Haydn schien hierzu eine geeignete, unproblematische Wahl. Es ist verständlich, dass das Ensemble dabei auf Bewährtes zurückgriff, zumal die intensive Reisetätigkeit die Möglichkeiten zur Erarbeitung neuer Werke vermutlich einschränkt. Deshalb wohl der Rückgriff auf die Symphonie Nr. 86 und zugleich möglicherweise der Versuch, zu zeigen, dass man es noch kann. Vieles, was Norrington dem Ensemble beigebracht hatte, war durchaus präsent, beginnend mit der historisch korrekten, antiphonalen Aufstellung; die Violinen auf beiden Seiten des Podiums. Dann natürlich die leichte Artikulation, sorgfältige Dynamik, die Agilität, das lebendige, wache Spiel im ganzen Orchester unter der Leitung des Konzertmeisters, Willi Zimmermann.

Dennoch fehlte Sir Rogers provokante Note, das bewusste Anecken einer angedeuteten Unrast, mit leicht überakzentuiertem Sforzato und Synkopen. Auch die Agogik war spürbar, im Schlusssatz ein leicht forciertes Tempo (worunter die Klarheit etwas litt). Es blieb ein tendenziell schaler Eindruck von Routine, von allzu sauberem, glattem und gekonntem, wenn nicht gar leicht sterilem Musizieren, Genuss statt Engagement. Wieviel besser wäre gewesen, das Ensemble hätte Neues gewagt, hätte seine anerkannten Fähigkeiten zur Erweiterung des Repertoires genutzt – und sei es auch nur eine der vielen anderen Haydn-Sinfonien.

Im kleinen A-Dur Konzert von Mozart leitete der polnische Pianist Piotr Anderszewski das Orchester am Steinway-D, wobei sich sein Dirigat auf angedeutete Tempovorgaben und Phrasenschwerpunkte beschränkte. Für den Rest konnte er ganz auf die zuverlässige Mitarbeit des Konzertmeisters zählen. Die Interpretation lässt sich mit „so gut es auf dem modernen Flügel eben geht” charakterisieren und mit der Einschränkung, dass sich Anderszewski jegliches Extra versagte: keine, oder kaum Extraverzierungen, keinerlei angedeutetes Continuospiel (und sei es nur mit der linken Hand). Und natürlich fehlte der Farbreichtum historischer Instrumente. Zweifelsohne musizierte der Pianist mit Herzblut, dabei leicht, relativ glatt, sehr sorgfältig im Anschlag, dynamisch differenziert, lyrisch, stimmungsvoll. Er nutzte jedoch wenig Agogik (am ehesten noch in der Durchführung), und das Mittel der lokalen Klangrede, der detaillierten Artikulation auf Motiv-Ebene, hat er spärlich genutzt. Oft spielte er beinahe unendlich subtil, im Andante verträumt, aber auch eher einförmig. Bereits aus der Anzahl der Kadenzen (alle gespielten waren vom Komponisten selbst) war ersichtlich, dass Mozart dieses Konzert für sich selbst als Klaviervirtuosen geschrieben hatte. Es ist deshalb kaum vorstellbar, dass er dabei derart subtiles, geglättetes, wenn nicht gar introvertiertes Spiel intendierte.

Das Intermezzo in fis-Moll von Schreker ist ein kurzes Stück von etwa 7 Minuten, stimmungsvoll, tonal und erinnerte mich entfernt an Schönbergs Verklärte Nacht. Diese Musik wurde begleitet von einer Videoprojektion auf Großleinwand: im Prinzip ein farbig, horizontal durchlaufendes Tonhöhendiagramm des ganzen Werks. Dem Durchschnittshörer brachte das vermutlich wenig, außer der Information, dass die Form der Komposition dem Schema A (Orange-Töne) – B (stahlblau) – A folgt. Aus meiner Sicht eine unnötige Zutat, die höchstens von der (durchaus attraktiven) Musik ablenkte.

Meine Anmerkungen zu Mozarts G-Dur Konzert unterscheiden sich nur in Nuancen von denjenigen zum A-Dur Konzert. Hier wie dort arbeiteten Solist und Orchester harmonisch und aufmerksam zusammen. Das Tempo im langsamen Satz mag in der Tradition romantischer Interpretationen gelegen haben, hatte jedoch mit der Bezeichnung Andante nicht viel zu tun. Das Klavier konnte die Melodien schön ausspielen, aber die Kantilenen der Bläser wirkten arg zerdehnt. Dafür hatte der Schlusssatz (Allegretto) danach den Charakter eines fröhlichen Kehraus, mit derb hingeworfenen Vorschlägen, eher oberflächlichen kleinen Notenwerten, und einem Presto-Schluss, bei dem vor allem das Orchester kaum mehr differenzieren konnte.

Das Finale schien auf Applaus hin angelegt und so erhielt das Publikum zum Abschluss noch eine Zugabe: die erste von Beethovens 6 Bagatellen, Op.126, ein ruhig-besinnliches Stück. Das war vermutlich der Höhepunkt des Abends.

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