Hilary Hahn ist ein Phänomen. Als die Münchner Philharmoniker vor etwa 15 Jahren zum ersten Mal mit der damals noch blutjungen amerikanischen Geigerin konzertierten, bekannten einige Orchestermitglieder in der Pause einer öffentlichen Generalprobe mit ungläubigem Staunen, dass sie noch niemals ein derart außergewöhnliches Talent gehört hätten – und diese Musiker haben wahrlich schon viele großartige Solisten hautnah miterleben dürfen.

Hilary Hahn © Michael Patrick O'Leary
Hilary Hahn
© Michael Patrick O'Leary
Was aber macht Hilary Hahns Talent so außergewöhnlich? Ist es die engelsgleiche Reinheit ihres Spiels, die so oft zitiert wird? Oder ihre stupende technische Souveränität, die so gar keine Schwierigkeiten und Herausforderungen erkennen lässt? Oder vielleicht die stets perfekte Tonschönheit, das wunderbar kernige und doch so sanfte Vibrato und ihre Ausdrucksstärke, die jedem noch so kleinen Tönchen eine Seele einhauchen? Es ist wohl all das zusammen, und doch gibt es noch einen weiteren Aspekt, der ihrer Musikalität so einzigartig macht: Ihr untrüglicher Sinn für Phrasierung.

Manche Menschen haben die Gabe, komplizierte Sachverhalte für jedermann verständlich darzustellen. Hilary Hahn gelingt dies ein ums andere Mal bei noch so komplexen musikalischen Ideen. Diese Gabe stellte sie erneut eindrucksvoll unter Beweis bei ihrem Konzert am 24. Januar im Münchner Gasteig im Rahmen ihrer Europa- und USA-Tournee, bei der sie im Wesentlichen das Dvořák- und das Vieuxtemps-Violinkonzert spielt. Begleitet wurde sie dabei von den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Lahav Shani, der für den erkrankten Philippe Jordan eingesprungen war.

Nachdem das frisch und frei aufspielende Orchester den Abend mit der Karneval-Ouvertüre (Op. 92) eingeläutet hatte, betrat Hilary Hahn auf die Bühne und man merkte am Raunen des Publikums, dass die meisten Hörer vor allem da waren, um sie spielen zu hören. Das Violinkonzert von Antonín Dvořák k in a-Moll beginnt ungewöhnlich abrupt, indem das slawisch geprägte Hauptthema bereits im fünften Takt von der Solovioline präsentiert wird. Von Beginn an harmonierte die Solistin perfekt mit dem einfühlsam spielenden Orchester und man spürte und sah die große Musizierfreude an den lächelnden Gesichtern und den kleinen pointierten Gesten und Impulsen, die Hahn ins Orchester schickte. Wie sie da inmitten des groß besetzten Symphonieorchesters stand, ihren Oberkörper im Takt der Musik wiegte, tanzte, und damit den musikalischen Herzschlag des lyrischen Dvořák-Konzerts in die Mitte der Bühne und hinaus ins Publikum trug, das wäre auch ohne Ton allerhöchstes Kunstvergnügen gewesen.

Hilary Hahn interpretierte das Dvořák-Konzert in gewohnt makel- und schnörkelloser Art, die vor allem den Komponisten und sein Werk vollends respektiert und keine eigensüchtigen Experimente kennt. Wünscht man sich angesichts derartiger Reinheit und Präzision denn nicht ab und zu ein kleines Kratzen, ein wenig Hässlichkeit bei all der dionysischen Lebenslust dieses slawischen Konzerts? Die Antwort ist ganz klar: Nein. Denn freilich kann man das Dvořák-Konzert anders spielen. Aber nicht besser. Als Zugaben spielte Hilary Hahn noch zwei Sätze aus der Partita Nr. 3 in E-Dur von Johann Sebastian Bach (BWV 1006).

Wiener Symphoniker © Andreas Ballon
Wiener Symphoniker
© Andreas Ballon

Wer an diesem Abend vor allem für Hilary Hahn gekommen war, der hatte bereits in der ersten Hälfte erkannt, dass sich der Konzertbesuch noch aus zwei weiteren Gründen lohnen würde: Das Orchester war erstens in einer glänzenden Verfassung und wurde zweitens von dem eindrucksvoll souveränen Jungdirigenten Lahav Shani angeleitet, der von Beginn an keinen Zweifel daran ließ, warum er als einer der spannendsten Entdeckungen seiner Dirigentengeneration gehandelt wird. Shanis noch junge Karriere nahm 2013 mit dem ersten Preis beim Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb ihren Lauf; zur Spielzeit 2017/2018 konnten ihn die Wiener Symphoniker als Ersten Gastdirigent verpflichten. Wozu diese Kombination fähig ist, erfuhren die Zuhörer nach der Pause mit der Vierten Symphonie von Johannes Brahms.

Diese oft als „herb“ bezeichnete Symphonie in e-Moll (Op. 98) schwelgt doch in Wirklichkeit in Bläserchorälen, mäandernden Streicherpassagen, kontrapunktischen Dialogen und den für Brahms typischen hemiolischen Verflechtungen. Sie gipfelt mit der abschließenden Passacaglia (Allegro energico e passionato) in einem Fest der Variationen aus Orchestrierung, Klangfarben und musikalischen Stimmungen. Das der Passacaglia zugrundeliegende Thema ist an den Schlusschor aus Johann Sebastian Bachs Kantate Nach dir, Herr, verlanget mich (BWV 150) angelehnt. Brahms zeigt sich hier auf dem Höhepunkt seines genialen Schaffens, und auch die Wiener Symphoniker wurden von dem fordernden und doch nie zwingenden Lahav Shani zu wahren Höchstleistungen motiviert. Mit welcher Instrumentengruppe soll man das Lob beginnen? Am besten gar nicht, denn es waren schlicht alle Musiker grandios und mitreißend, so dass auch das Orchester erst nach zwei weitere Zugaben von einem restlos begeisterten Publikum entlassen wurde.



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