Mit der Neuinszenierung von Offenbachs Opéra fantastique durch Renaud Doucet landete die Volksoper 2016 einen großen Publikumserfolg, zumal auch musikalisch Hochwertiges geboten wurde – das führt man sich immer wieder gern zu Gemüte, auch wenn es in der aktuellen Serie noch nicht ganz so rund läuft, wie man das gern hätte. Der Begeisterung des Publikums steht das aber nicht entgegen, denn ein Erlebnis ist so ein Abend allemal.

Rebecca Nelsen (Antonia) und Stefan Cerny (Luther / Krespel) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Rebecca Nelsen (Antonia) und Stefan Cerny (Luther / Krespel)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

In der Ausstattung von André Barbe, für die „opulent“ noch ein Hilfsausdruck ist, rollt Olympia als sexy Gruselclown mit Blech-Krinoline durch die Szenerie; Dr. Mirakel ist der Teufel höchstpersönlich und sorgt dafür, dass die arme Antonia von einer Horde Untoter zu Tode dirigiert wird. Der Geist ihrer Mutter entstieg davor einem Schneehaufen auf einem Klavier, und die Damen, mit denen sich Giulietta am Beginn „ihres“ Aktes umgibt, tragen Totenkopfbikinis. Das macht noch immer sehr viel und auch an den Komponisten, der als lebende Messingstatuette den Abend in den Dienerrollen begleitet, hat man sich gewöhnt.

Als Olympia stand wieder Beate Ritter auf der Bühne, und wer geglaubt hat, dass ihre Glanzleistung bei der Premiere kaum zu überbieten wäre, hat falsch gedacht: An diesem Abend gab es noch mehr Freestyle-Koloraturen, noch mehr Puppenspiel – besser als im Opernhaus am Gürtel wird man Olympia derzeit kaum erleben, und auch einen besseren „Einheizer“ als Vorgeschmack auf die weiteren Akte (derer fünf gegeben wurden) kann man sich nicht wünschen.

Davide Damiani (Lindorf / Coppelius / Dr. Mirakel / Dapertutto) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Davide Damiani (Lindorf / Coppelius / Dr. Mirakel / Dapertutto)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Als Antonia gab Rebecca Nelsen ein gelungenes Rollendebüt – Dramatik gepaart mit Jugendlichkeit ist genau das, was man für diese Partie braucht. Gleichwohl merkt man, dass sie sich im Französischen („Elle a fui, la tourterelle“ wurde, wie auch andere Nummern mit Einlagencharakter, in Originalsprache gegeben) nicht so wohl fühlt wie im Deutschen, auch wenn die Aussprache prinzipiell passte. Caroline Melzer gab erstmals die Giulietta, und bis auf ein paar kantige Töne stimmte das Gesamtpaket – die Verführerin, die gleichzeitig mit großer Stimme das Kommando führt, steht ihr gut.

Die vierte große Partie des Abends ist die Muse/Niklaus, als die Manuela Leonhartsberger bei ihrem Rollendebüt mit einer tollen Leistung überraschte. Diktion und Intonation waren perfekt, und auch das Mitleiden (und fast möchte man sagen: Fremdschämen) an Hoffmans Irrungen stellte sie packend, aber nie übertrieben dar. Damit rückte sie diese Figur in den Fokus, wie es nur selten gelingt.

Marco Jentzsch (Hoffmann) und Caroline Melzer (Giulietta) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Marco Jentzsch (Hoffmann) und Caroline Melzer (Giulietta)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

In der langen, schwierigen Partie des Hoffmann gab Marco Jentzsch ein ansprechendes Hausdebüt. Er bereitet aktuell seinen ersten Tannhäuser vor, hat andernorts schon Parsifal und Lohengrin gesungen, und man kann sich gut vorstellen, dass die schön timbrierte Stimme bei diesen jugendlichen Helden noch besser aufgehoben ist als bei Hoffmann. Die Spitzentöne und insbesondere die Stellen, in denen Durchschlagskraft gefordert ist (etwa die „Automat“-Rufe am Ende des Olympia-Aktes), scheinen ihm angenehmer zu sein als jene, in denen Flexibilität gefragt ist, aber das schmälert die Leistung nicht.

Davide Damiani (Lindorf / Coppelius / Dr. Mirakel / Dapertutto) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Davide Damiani (Lindorf / Coppelius / Dr. Mirakel / Dapertutto)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Leider hatte dieser Hoffmann in Davide Damiani (als Rollendebütant in den verschiedenen Partien des Bösewichts) keinen besonders starken Gegenspieler; zwar gab er sich recht dämonisch und auch „Scintille, diamant“ (als „Erstrahle, Diamant“) gelang adäquat, aber im Vergleich zu den anderen Sängern fehlte es der Stimme an Volumen. Stefan Cerny beeindruckte wieder einmal als teuflischer Wirtshausbesitzer Luther und als Antonias Vater Krespel; als Antonias Mutter wie immer verlässlich gab sich Martina Mikelić. Weitere Rollendebüts in den kleineren Rollen wurden von Ensemblemitgliedern kompetent erledigt (etwa Martina Dorak als Stella).

Was an diesem Abend weniger beeindruckte, war die Orchesterleistung unter Alexander Joel; da klang einiges eher preußisch-hart denn französisch fein; speziell die Barkarole zum Beginn des Giulietta-Aktes kam auf recht eckigen Wellen daher. Da man aber erst am Beginn der neuen Serie steht, stehen die Chancen gut, dass sich diese Wogen noch glätten. Wie wir aus der Hoffmann-Premiere wissen, kann man das in der Volksoper auch anders, da sollten noch ein paar Erinnerungen aufgefrischt werden.

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