Lionel Bringuiers letzte Saison als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters neigt sich dem Ende zu. Dies ist aber weder für den Dirigenten noch für das Orchester Anlass, die Zügel fahren zu lassen – ganz im Gegenteil. Technisch boten Dirigent und Orchester in der gut verkauften Tonhalle Maag ein Konzert auf höchstem Niveau, von Honegger bis Rimskij-Korsakow. Für Brittens Klavierkonzert wurde mit Leif Ove Andsnes zudem ein Solist allererster Güte engagiert. Es war ein Abend, auf den man gespannt sein durfte.

Leif Ove Andsnes © Gregor Hohenberg
Leif Ove Andsnes
© Gregor Hohenberg

Als Auftakt wählte Bringuier den zweiten von Honeggers Mouvements symphoniques, mit dem Titel Rugby. Selbst Kenner dürften aus der Komposition schwerlich Spezifisches dieser Sportart heraushören. Allerdings ist das zumindest aus heutiger Sicht für die Rezeption dieses Werks kaum von Belang, handelt es sich doch primär um äußerst interessante und unterhaltsame Musik. Dennoch, die erratischen Bewegungen des Balls und der Spieler, das Durcheinander auf dem Spielfeld, die schnellen Wechsel von Aktion und Abwarten hat Honegger ausgezeichnet nachgebildet; ein vielfältiges Kaleidoskop von Motiven und unterschiedlichen Rhythmen. Die häufigen Taktänderungen vermitteln trotz ruhelos fortschreitendem Grundtakt das Gefühl wechselnder Tempi. Bringuier setzte auf Transparenz, klare Konturen und rhythmische Übergänge. Streicher und Blech spielen sich gegenseitig Impulse zu. Der Spaltklang, welcher in der Komposition schon angelegt ist, kam in der analytischen Akustik des Saals besonders zur Geltung. Das Orchester zeigte sich in Bestform, folgte bereitwillig den akkuraten Bewegungen des Taktstocks, glanzvoll, virtuos, alert. Anfänglich dominieren Dissonanzen, scharfe, kraftvolle Bewegungen. Im Verlauf mischt sich zunehmend auch die heitere Stimmung der Siegermannschaft dazu, steigert sich zu einem glanzvollen Finale voller packender und spannender Musik mit einem nie nachlassenden Zug zum Schlussakkord hin.

Trotz Zwangspause für die Aufstellung des Flügels schien sich Brittens Klavierkonzert nahtlos an das brillante Eröffnungsstück anzuschließen. Ein Meisterwerk auch dies, hochvirtuos, mit der Geschäftigkeit von Mendelssohns Konzerten, doch ohne deren Leichtfüßigkeit. Es ist ein kräftezehrender Solopart, von Andsnes „auf der Stuhlkante musiziert”, alert, dabei beständig mit Ohren und Augen auf die Begleitung achtend. Schon die parallelen forte-Staccati im ersten Solo sind anstrengend, erst recht die nachfolgenden, zahllosen Tremoli und parallelen Läufe: äußerst intensive Musik mit nie nachlassender Dramatik und Motorik, die dem Pianisten das letzte abfordert. Andsnes blies gelegentlich unbewusst die Wangen auf, beinahe wie ein Boxkämpfer am Ende einer Runde. Dabei war die Zusammenarbeit mit dem Orchester von unerhörter Kohärenz, praktisch perfekt. Ganz selten, etwa da, wo Andsnes die Beschleunigung zur Kadenz des ersten Satzes einleitete, war er dem Orchester momentan eine Spur voraus – aber um dies zu bemerken, musste man schon sehr genau hinhören.

Die kraftvolle Kadenz mit ihren Paraden, die wie gewaltige Meereswogen aufrauschten, ließ auch die Qualitäten des ausgezeichnet intonierten Steinway-D hervortreten: die Klarheit und Transparenz, den leuchtenden Klang im Diskant. Vielleicht, dass die Stimmung im Verlauf des Satzes in der Mittellage eine Spur nachgab. Bringuier blieb einem Großteil des Publikums hinter dem Flügel verborgen. Er ließ dem Pianisten die Führung, war zugleich mit seinem Orchester dem Solisten ein äußerst aufmerksamer Begleiter (mit dem einzigen Makel gelegentlicher, leichter Intonationstrübungen bei den Holzbläsern). In den Mittelsätzen konnte man verfolgen, wie Andsnes jedem Detail des Soloparts nachfühlte. Sein Spiel war jederzeit rhythmisch präzise, die Einsätze extrem gefühlvoll, sensibel, dynamisch detailliert. Den letzten Satz, einen Marsch, spielte der Solist nicht stur, sondern genau dem Takt nachgefühlt. Seine Artikulation und Pedalarbeit war immer klar, stahlhart in den raschen Punktierungen, und dabei trotzdem differenziert. Der Solopart ist wiederum physisch anstrengend, und dennoch stimmte alles perfekt mit der Begleitung überein, auch die Endpunkte langer Skalen (und das ist allen Beteiligten zu danken) – einfach faszinierend, brilliant!

Der Pianist dankte für den Applaus mit der dritten von Debussys Estampes, mit dem Titel Jardins sous la pluie. Auch dies ist technisch anspruchsvoll, wurde aber spielerisch-rhapsodisch dargeboten, die im Laufwerk eingebetteten Kantilenen subtil hervortreten lassend.

Die zweite Konzerthälfte bot mit Rimskij-Korsakows Scheherazade eine orchestrale Meisterleistung, perfekt in Transparenz, Koordination, Dynamik, und Balance, vom Dirigenten sicher geführt. Makellos in der Klanglichkeit, beeindruckend in der Klangfülle, ausgezeichnet in den Soli (allen voran Violine, Cello, Flöte, Fagott), die Bringuier frei gestalten ließ. Umwerfend waren die gestoßenen Staccati der Trompeten im letzten Satz, berührend die Reinheit der Solovioline bis in allerhöchste Töne, zugleich deren voller, warmer Klang in der Tiefe. Dennoch fehlte etwas. Der Komponist hat zwar die ursprünglichen, programmatischen Überschriften zurückgezogen – aber nicht, weil er die vier Sätze plötzlich als absolute Musik verstand, sondern weil er es dem Hörer überlassen wollte, Bilder zu imaginieren. Das ursprüngliche Programm ist damit nicht ungültig: die Musik ist erzählend, dramatisch, theatralisch, und genau diesen Aspekt hat der Dirigent kaum berücksichtigt. Schade, ist dies doch mehr als ein orchestrales Schaustück.

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