Die Ereignisse überschlagen sich und ebenso die Intervalle. Die Uraufführung von Hossam Mahmouds Tahrir zieht das Publikum mitten ins Geschehen und lässt es in eine Mischung aus Klangexperimenten, tonalen und atonalen Melodien fallen. Es ist bereits das zweite Auftragswerk des ägyptischen Komponisten Hossam Mahmoud . Nach 18 Tage… ist auch Tahrir abermals ein Plädoyer für die Freiheit, wo auch immer auf dieser Welt, denn „Tahrir“ ist nicht nur der Name des Platzes in Kairo, der heute ein Symbol des Befreiungsaufstands ist, sondern auch das arabische Wort für Freiheit.

Frances Pappas als Mutter © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Frances Pappas als Mutter
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater

Diese Freiheit suchen die vier Protagonisten des Stückes auf verschiedene Weise: Da ist der Sohn, der sich an den Protesten gegen die Regierung beteiligt und dafür mit dem Leben bezahlt. Die Mutter, die nach der Wahrheit über den Tod ihres Sohnes sucht. Der Regierungsmann, der die Gunst der Stunde und damit die Aufstände für sein politisches Vorwärtskommen nutzen will und zuletzt seine Partnerin, die ihn und die ganze Welt um sich nicht mehr versteht.

Neben der Musik stammt auch das Libretto von Hossam Mahmoud selbst. Seine Sprache und seine Töne irren ebenso wie die Protagonisten umher. Es ist ein Mix aus Europa und dem nahen Osten. Einen Moment lang wiegt man sich in tonalen Melodieläufen, dann lösen sich Gesang und Musik auf einmal in viele kleine Sekunden auf. Die Musik ist überall, wortwörtlich, denn das Orchester ist im ganzen Saal verteilt. Streicher und Schlagwerk mit den Sängern auf der Bühne, die Bläser in Balkon und Logen. Dieser „Surround Sound“, in dessen Mitte das Publikum sitzt, umschließt das ganze Gesehen und bindet gleichzeitig alles und jeden darin ein.

Diese Wirkung unterstützt Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla, die das Mozarteumorchester fest im Griff hat. Sie akzentuiert viel mit Pausen, nutzt die Stille, um sich umzusehen und die Reaktion des Publikums abzuwarten. Man weiß nie genau, wie es weiter geht. Die Streicher seufzen dabei mit angeschliffenen Tönen, Zupfen, Klopfen, gestrichen wird dabei erstaunlich wenig. Die verteilten Bläser schaffen einen bedrohlichen dunklen Klangteppich, auf dem die Sänger mit einzelnen Spitzentönen fast verschluckt werden. Der Geist des Sohnes, der sich für die Revolution geopfert hat, schwebt dabei über allem. Immer wieder taucht er auf, manchmal nur stimmlich, und bestärkt seine Mutter, weiter für die Wahrheit zu kämpfen.

Giulio Alvise Caselli (Mann), Laura Nicorescu (Sahr), Beatrix Doderer (Moderatorin) und Chor © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Giulio Alvise Caselli (Mann), Laura Nicorescu (Sahr), Beatrix Doderer (Moderatorin) und Chor
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater

Ilker Arcayürek gab diesem Sohn durch seinen klaren und starken Tenor eine Färbung, die ihn gelegentlich ein wenig wie einen Heldentenor Wagners erscheinen ließ. Erst zum Schluss verflüchtigte sich sein Vibrato, als der Sohn ins Jenseits übertreten durfte. Frances Pappas als Mutter hingegen trat sehr zurückhaltend auf, jedoch gleichzeitig bestimmt, fest entschlossen, die Wahrheit zu finden. Das zeigte sie auch stimmlich, indem sie, obwohl nicht Muttersprachlerin, sehr deutlich und klar sang. Laura Nicorescu sang Sahr, die Geliebte eines machthungrigen Politikers, die im laufe des Stückes immer mutiger wird, was Nicorescu besonders durch ansteigende dynamische Phrasierungen und stimmliche Präsenz zum Ausdruck brachte. Von Ihrem Mann (Giulio Alvise Caselli) und dessen grollenden, tiefen Passagen entsagt sich Sahr zum Schluss ganz. 

Besondere Erwähnung verdienen auch Chor und Extrachor des Landestheaters (Einstudierung: Stefan Müller), der auch in den geflüsterten Passagen sehr deutlich blieb, und dem darstellerisch der größte Teil der Dynamik dieser Inszenierung zu verdanken war, sei es als Passanten oder wütende Demonstranten-Meute. Davon berichtet in Video-Einspielern als Moderatorin Beatrix Doderer, die stets im typischen Nachrichtenmodus Wahrheit und Regierungswahrheit vermischt. Neben den Nachrichtenvideos gibt es auch immer wieder aktuelle Aufnahmen der tatsächlichen Revolution Ägypten zu sehen, die sich mit thematisch passenden Street Art-Bildern abwechseln. Diese sind so aussagekräftig, dass Yekta Kara (Regie) den Rest völlig schlicht hält und die Videoleinwand zum zentralen Informationsvermittler wird.

Tahrir behandelt ein brandaktuelles Thema, ist dabei jedoch selten zu emotional und plakativ. Durch die schlicht gehaltene Inszenierung lässt dieses Stück jedem einzelnen Besucher die Möglichkeit, auch eigene Gedanken zu fassen und zu verfolgen. Sekunde für Sekunde.

Chor, Ilker Arcayürek (Sohn) und Frances Pappas (Mutter) © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Chor, Ilker Arcayürek (Sohn) und Frances Pappas (Mutter)
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater