Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Und so drehte sich das Besetzungskarussell vor dem ersten Abend der Saison 2017/18 an der Staatsoper gleich zwei Mal. Zuerst musste Marcelo Álvarez aus gesundheitlichen Gründen absagen und dann meldete sich auch noch Anna Netrebko per WhatsApp-Screenshot krank. Aufgeboten wurden als Ersatz Yusif Eyvazov und Maria José Siri, die ihre Sache zwar gut machten, aber eben nicht die Publikumsmassen anzulocken vermögen; einige Plätze im Parterre und in den Logen blieben frei.

Maria José Siri (Leonora) und Yusif Eyvazov (Manrico) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Maria José Siri (Leonora) und Yusif Eyvazov (Manrico)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Zugegebenermaßen ist es aber nicht verwunderlich, dass die Inszenierung von Verdis Il trovatore von Daniele Abbado, die erst im Februar ihre Premiere hatte, ohne Starbesetzung nicht viel Zugkraft hat. Würde es den Begriff Rampensingen nicht schon geben, man müsste ihn hierfür erfinden. Im Einheitsbühnenbild, das wohl einen Hinterhof zu Zeiten des spanischen Bürgerkriegs darstellen soll, werden die Sänger über weite Strecken völlig alleine gelassen. Daraus resultierten überdurchschnittlich viele, in alle möglichen Richtungen ausgestreckten Arme und eine, manchmal unfreiwillig komische, Ansammlung von Standardgesten, wie etwa dem verzweifelten Kniefall. Angesichts der Umbestzungen kann man das den Einspringern ja noch nachsehen, allerdings wartete schon die, ausführlich geprobte, Premierenserie im Februar nicht mit nennenswerter Personregie auf. Kommen die richtigen Darsteller in dieser Inszenierung zusammen, kann zwar vermutlich durchaus tolles Musiktheater entstehen, diese Vorstellung wirkte eher wie eine konzertante Aufführung mit zusätzlichem Bühnenbild. 

Maria José Siri (Leonora) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Maria José Siri (Leonora)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Und auch die musikalische Umsetzung durch das Sängerensemble ließ, mal mehr, mal weniger, Wünsche offen. So lagen etwa bei Yusif Eyvazov Licht und Schatten nahe beieinander. Um mit dem uneingeschränkt Positiven zu beginnen: Eyvazov verfügt über eine sichere metallische Höhe, viel Kraft und das nötige Volumen, um Eindruck zu machen. In „Di quella pira“ konnte er diese drei Stärken ideal einsetzen und man zweifelte keine Sekunde daran, dass dieser Manrico ebenso entschlossen wie schlagkräftig eilt, um seine Mutter zu befreien. Eine gute Stretta macht allerdings noch keinen Manrico und Lautstärke und Kraft sind nicht immer die beste Wahl. So schien er sich an vielen Stellen selber mit zu viel Druck in der Stimme zu sabotieren, in Folge dessen ein starkes Tremolo jegliche Emotionen und Farben aus dem Klang vertrieb. In einigen Passagen jedoch, besonders am Anfang seiner Arie „Ah si, ben mio“, in der Eyvazov sich um eine sanfte Gestaltung bemühte, konnte die Stimme besser erblühen und auch Emotionen vermitteln. Nach einem etwas holprigen Start, mit einigen Schärfen einerseits und Momenten, in denen sie kaum hörbar war, andererseits, fand Maria José Siri als Leonora zusehends besser in die Rolle hinein und sorgte besonders mit karamelliger Mittellage für Wohlklang. Und auch ihre schwebenden Höhen hatten sich bis zu „D'amor sull'ali rosee“ eingependelt, sodass sie die verzweifelt Liebende stimmlich glaubhaft zeichnete. Lediglich die wilde Entschlossenheit in der folgenden Cabaletta und im Duett mit dem Conte di Luna ließ sie etwas vermissen. 

George Petean (Il conte de Luna) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
George Petean (Il conte de Luna)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Von der ursprünglichen Besetzung der Hauptpartien waren nur noch George Petean und Luciana D'Intino übergeblieben, die beide gesanglich herausstachen. Petean verkörperte den Conte di Luna weniger als jugendlichen Heißsporn, sondern mehr als gesetzten Grafen, der weiß, was er will und lieferte mit seiner Arie im zweiten Akt für mich den Höhepunkt des Abends ab. Warm strömend und mit Eleganz in der samtig timbrierten Stimme gestaltete er dabei ein Portrait eines ehrlich Verliebten, wodurch der Charakter einem (trotz folgender Bösewicht-Momente) unweigerlich sympathisch werden musste. Ebenfalls sehr menschlich, und nicht vorrangig als rachsüchtig, portraitierte D'Intino mit üppiger und dunkler Tiefe die Azucena. Differenziert, auch in der Höhe ohrschmeichelnd und wenn nötig mit ordentlicher Attacke überzeugte sie uneingeschränkt. Für weitere positive Akzente sorgte der Ferrando von Jongmin Park, dessen schwarzer Bass von Saison zu Saison noch sicherer und strahlender zu werden scheint; ebenso setzte Simina Ivan in der kleinen Rolle der Ines angenehme Stimmtupfer im ersten und zweiten Akt.
Yusif Eyvazov (Manrico) und Maria José Siri (Leonora) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Yusif Eyvazov (Manrico) und Maria José Siri (Leonora)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Eine sichere Bank, wie immer, waren der präzise agierende Chor sowie das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Marco Armiliato. Zwar ließen sie es manchmal so ordentlich krachen, dass ein bisschen weniger Lautstärke mehr gewesen wäre, aber angesichts der blühenden Italianità und der grundsätzlich differenzierten Gestaltung war das stellenweise durchgehende Temperament leicht zu verzeihen. Die Fäden zwischen Graben und Bühne hatte Armiliato ohnehin stets in der Hand, atmete mit den Sängern mit und trug so auch die Einspringer sichtlich durch den Abend.

Im Großen und Ganzen eine gute Repertoirevorstellung, aber nicht die glanzvolle Saisoneröffnung, auf die das Haus am Ring wohl spekuliert hatte.