Beim Betreten des Zuschauerraums der Stuttgarter Staatsoper findet man den Vorhang bereits offen, kann in Ruhe das Bühnenbild betrachten und ist auf Anhieb irritiert. Man weiß, diese spätbarocke Oper spielt im antiken Ephesus. Im Vordergrund sieht man das Atrium eines antiken Palasts, vorne eine Freitreppe, in der Mitte ein Brunnen; Säulen begrenzen den Vordergrund. Aber hinten stehen ziemlich schäbige Häuserfassaden, ein heruntergekommener Hinterhof in einer Großstadt irgendwo. Wie soll das zusammenpassen?

Ana Durlovski, Catriona Smith, Sebastian Kohlhepp, Igor Durlovski & Helene Schneiderman © A. T. Schaefer | Oper Stuttgart
Ana Durlovski, Catriona Smith, Sebastian Kohlhepp, Igor Durlovski & Helene Schneiderman
© A. T. Schaefer | Oper Stuttgart

Während der Sinfonia sieht man dann Leute über die Bühne stürmen, bis sich aus dem Getümmel die Darsteller der ersten Szene lösen. Ganz erschließt sich der Sinn erst am Schluss, wenn alle Akteure wieder aus ihren Kostümen schlüpfen. Dann begreift man, dass ein Spiel im Spiel stattfand: eine Opernhandlung aus ganz frühen Zeiten, die hier als Kulisse vor die Gegenwart gestellt ist.

Als Il Vologeso wurde die Oper 1766 im Hoftheater Ludwigsburg an der damaligen württembergischen Residenz uraufgeführt, wo Niccolò Jommelli 16 Jahre lang als Kapellmeister wirkte. Nun ist sie unter dem Titel Berenike, Königin von Armenien am Stuttgarter Opernhaus zum ersten Mal wieder zu erleben. Ebenso könnte auch der Name der dritten Hauptfigur Lucio Vero den Titel für dieses Werk hergeben, in dem noch mit einer vierten Hauptperson (Lucilla) ein Geflecht aus Begehren, Treue und vor allem Liebe gesponnen wird, das diese für eine Opera seria ungewöhnlich schlüssige Handlung spannungsvoll zusammenhält.

Jommelli hat all dies in eine stark expressive Musik gefasst, die vom Staatsorchester Stuttgart mit enormer Spannung aufgeladen wird. Besonders bei Jommellis Spezialität, dem Orchestercrescendo, dreht Gabriele Ferro die Dramatikschraube kräftig an. Das Staatsorchester spielt scharf pointiert und dank einer besonderen Aufteilung der Streicher in Untergruppen im Kammermusikformat auch sehr transparent. Dies kommt vor allem der Begleitung der Arien zugute, die dadurch schlank im Klang, federnd im Tempo und dynamisch in der Lautstärke bestens gelingt.

Ana Durlovski (Berenike), Sebastian Kohlhepp (Lucio Vero) und Helene Schneiderman (Lucilla) © A. T. Schaefer | Oper Stuttgart
Ana Durlovski (Berenike), Sebastian Kohlhepp (Lucio Vero) und Helene Schneiderman (Lucilla)
© A. T. Schaefer | Oper Stuttgart

Noch mehr als in den Arien sind es bei Jommelli die vom Orchester begleiteten Rezitative, in denen er Situation und Seelenlage der Figuren musikalisch eindrücklich zeichnet. Die Hauptfigur Berenike wird vor eine der denkbar schwersten Entscheidungen gestellt: Sie könnte Vologeso, ihren Geliebten, vor dem Tod retten und ihm die Freiheit verschaffen, wenn sie sich von ihm lossagen und dem römischen Kaiser Lucio Vero hingeben würde, in dessen Gefangenschaft sich beide befinden. Berenike führt dies fast an den Rand der Verzweiflung. In einer der ergreifendsten Szenen muss sie annehmen, dass ihr das abgeschlagene Haupt Vologesos auf einem Silbertablett präsentiert wird.

Jommelli hat diese Situation in ein Rezitativ gefasst, welches von gedämpften chromatischen Streicherfiguren in trauermarschartigem Rhythmus begleitet wird. Ana Durlovski verkörpert diese Figur in ihrer ganzen Aufgewühltheit und Erschütterung. Facettenreich stellt sie die innere Zerrissenheit der Figur dar, zwischen Zweifel und Entschlossenheit, Mut und Verzweiflung hin- und hergerissen. Stimmlich gestaltet die Sängerin dies ausdrucksvoll und überaus anrührend. Nur in der Höhenlage klingt ihre Stimme mitunter etwas scharf.

Dass Lucio Vero mit fast pubertärem Gefühlsüberschuss in Berenike vernarrt ist, zeigt der Tenor Sebastian Kohlhepp (mit wild aufgeföhntem Blondhaar) nicht nur durch aggressiv Besitz fordernde Gestik, auch die halsbrecherischen Koloraturen der Arien, in welche maßlose Verliebtheit bis zur Blindwütigkeit hineinkomponiert sind, meistert er in ihrem atemberaubenden Tempo mit funkelnder Brillanz.

Die Rolle des gefangenen Parther-Königs Vologeso, von Jommelli für die Kehle eines Kastraten gedacht, wird nun von der Sopranistin Sophie Marilley verkörpert, die der Figur ein ausdrucksstarkes Profil gibt. Als wahren Leidensmann stellt sie Vologeso dar, der im Kampf mit den Römern sogar einen Arm verlor. Entsprechend erbittert ist sein Hass auf den Feind und entschieden sein Widerstand gegen jeden Kompromiss mit dem römischen Kaiser. Unmissverständlich macht er Berenike klar, dass er lieber sterben würde, als sie an Lucio Vero zu verlieren. Stimmlich gibt die Sängerin das Maximum an Expression und meistert die auch in diese Arien eingebauten extremen Koloraturen mit bewundernswert stimmlicher Beweglichkeit.

Ana Durlovski als Berenike © A. T. Schaefer | Oper Stuttgart
Ana Durlovski als Berenike
© A. T. Schaefer | Oper Stuttgart

Auch für die Rolle der Marc Aurel-Tochter Lucilla, eigentlich die Verlobte des jungen Kaisers Lucio Vero, hat die Regie ein deutliches Profil entworfen. Sie kommt ins Spiel, um ihn zur Heirat nach Rom zu holen, will aber der bitteren Erkenntnis, dass sie ihm inzwischen lästig geworden ist, zuerst nicht ins Auge blicken. Helene Schneiderman spielt diese Figur mit eindrücklicher Präsenz in all ihren Nuancen zwischen gekränkter Eitelkeit und tiefem Schmerz und vermag diese Seelenlagen auch vokal bestens zu beglaubigen.

Lucilla ist es, die schließlich römische Truppen gegen den Kaiser aufbringt um ihn umzustimmen. Nach dessen Niederlage führt sie das hier höchst brüchige „glückliche“ Ende herbei, verzeiht Lucio seine Eskapaden und führt Berenike und Vologeso wieder zusammen. Mit diesem Schluss erklärt sich dieser Regieansatz schließlich vollends; denn er ist buchstäblich unglaublich und fern jeder Realität, selbst der fiktiven Wirklichkeit in einer Oper. Das Spiel auf der antik ausstaffierten Bühne war also nichts anderes als Spiel. Im besten Sinne theatralischer kann Oper eigentlich nicht sein.



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