Mit der Ouvertüre zu Olympie, einer Schauspielmusik, die der Mozart-Zeitgenosse Joseph Martin Kraus in Mozarts Todesjahr geschrieben hatte, eröffnete der junge schwedische Dirigent Daniel Blendulf sein Einstandskonzert mit dem Zürcher Kammerorchester. In düsteren, drohenden Moll-Klängen ist schon in den ersten, stockenden Akkorden ein tragisches Schicksal vorgezeichnet. Ein tumultuöses Allegro deutet eine dramatische Entwicklung an, enthält aber auch Szenen von Sehnsucht und Schmerz. Diese Entwicklung bricht unvermittelt ab, um wieder zu der stockenden Musik des Anfangs zurückzukehren, die dann rasch im Pianissimo und in Düsternis erstirbt. Dass der Dirigent das Eingangsstück packend zu gestalten wusste, zeigte sich schon an der langen Stille, die ihm folgte.

Daniel Blendulf © Marco Borggreve
Daniel Blendulf
© Marco Borggreve
Ganz im Gegensatz zum in der Eingangsmusik vorgezeichneten Drama folgte in zwei zentralen Werken Beethovens eine Sternstunde sowohl heiterster wie innigster, intimster Art. Das Violinkonzert Op.61 mit Isabelle Faust an der Violine begann mit der vielleicht einzigen kleinen Unsicherheit seitens des Dirigenten, der das Allegro ma non troppo etwas langsam ansetzte, die Unstimmigkeit aber im Laufe der lyrischen, eher weich artikulierten Einleitung problemlos auffangen konnte. Was bei Isabelle Faust sofort auffiel war nicht nur das praktisch vibratolose Spiel, sondern ebenso die klangliche Tragweite ihres Instruments. Dies ist natürlich nicht nur den Qualitäten ihrer Stradivari geschuldet, sondern auch Beethovens umsichtigem Orchestersatz, und es war faszinierend zu hören, wie sich die Violine selbst bei minimalem, leichtem Bogen noch durchsetzen konnte.

Es sei angemerkt, dass das Spiel ohne Vibrato (bekannterweise) nicht etwa einfacher ist, sondern im Gegensatz anspruchsvoller, weil es kleinste Unsicherheiten der Intonation noch hervorhebt. Die Klarheit des Tons schärft zudem das Ohr des Zuhörers, lässt ihn das Leuchten reiner Intervalle erst richtig erfahren - und Isabelle Faust ist eine Meisterin der Intonation! Die Solistin entschied sich für „reinen Beethoven“ und spielt Beethovens Kadenzen für die Klavierfassung des Konzerts. Wolfgang Schneiderhan hat diese für die Violine umgeschrieben, inklusive Pauken-Begleitung. Zu einem unbeschreiblich berührenden Moment im heiteren ersten Satz geriet der Übergang von der Kadenz zum Hauptthema mit Pizzicato-Begleitung.

Im anschließenden Larghetto berückte die Solistin durch innigste, intimste, bezauberndste Töne, ganz verhalten, mit kleinsten Bogenbewegungen am Steg gespielt, fast gesäuselt, aber präsent bis ins feinste ppp. Fast hatte ich das Gefühl, dass das Publikum den Atem anhielt, ganz im Banne dieses Spiels. Das Rondo gestaltete sich tänzerisch, wie mit einem Lächeln, ging aber in den forte-Teilen durchaus auch zur Sache. Ich fand überzeugend, wie Isabelle Faust die um zwei Oktaven versetzte Wiederholung des Themas im Ritornell sehr verhalten, als Echo spielte; sie hat es nicht nötig, ihre Fähigkeiten lautstark herauszustellen. Im ganzen Werk konnte man sehen, wie die Solistin und der Dirigent in engem Kontakt standen, sich „in die Hände spielten“ - eine sehr bereichernde Partnerschaft!

Isabelle Faust © Felix Broede
Isabelle Faust
© Felix Broede
In Beethovens Vierter Sinfonie erschien das einleitende Adagio relativ bewegt, was aber durchaus den Intentionen des Komponisten entsprach, der das nicht nur durch die Alla breve Notation, sondern auch über Metronom-Angaben so notiert hat. Daniel Blendulf aber bewies, dass die Einleitung dadurch nichts an der sich aufbauenden, gespannten Erwartung einbüßen muss. Das sich anschließende Allegro vivace war frisch, heiter, mit Schwung gespielt und folgte, wie auch die weiteren Sätze, ziemlich genau Beethovens Tempovorgaben, in dieser Interpretation schien sich das fast durchwegs ungezwungen zu ergeben. Daniel Blendulf horchte gleichsam in die Feinheiten der Musik hinein, er schenkte Details die nötige Aufmerksamkeit.

Auch das Adagio des zweiten Satzes hat Beethoven mit einem relativ schnellen Tempo bedacht, deutlich schneller als traditionelle, romantische Interpretationen. Der Eindruck von „schnell“ verschwand bei mir jedoch sehr bald, ich empfand den pochenden Rhythmus dieses Satzes als jugendlich-ruhigen Herzschlag. Darüber entfaltete sich wundervoll erblühend die Melodie, und der Satz endete in heiterster Verzückung. Dieser Satz ist mit rhythmischen Vertracktheiten gespickt, die aber vom Orchester souverän gemeistert wurden. Die technischen Anforderungen an die Musiker stiegen im Menuetto  und erst recht im letzten Satz. Der Komponist hat ihn wohl eher augenzwinkernd Allegro ma non troppo überschrieben, denn mit seiner Metronom-Vorgabe ist dieser Teil kaum zu bewältigen.

Die Holzbläser sind bis an die Grenzen des Machbaren gefordert, und die rasenden Sechzehntel-Läufe verführen dazu, den Satz als virtuoses Schaustück zu spielen. Aber selbst in den virtuosesten Passagen entstand hier nie der Eindruck von auf Hochglanz polierter, kalter Perfektion oder einer rein sportlichen Leistung, sondern der eines harmonischen, ja entspannten, gelösten Zusammenspiels. Das Orchester hat dafür hohe Anerkennung verdient, und ich denke, Daniel Blendulf ist ein Dirigent, den man sich merken muss, und den wir hoffentlich noch oft in Zürich erleben dürfen!

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