Es sind blutrünstige Märchen, die Antonín Dvořák in seinen symphonischen Dichtungen verarbeitet hat: Holoubek (Die Waldtaube) ist da keine Ausnahme. Es ist das Märchen von der Frau, die ihren Mann vergiftet hat, um ihren Geliebten zu heiraten. Eine Waldtaube auf dem Grab des Verstorbenen erinnert die Frau an ihre Tat und treibt sie in den Selbstmord.

Dieses Werk stellte Bernard Haitink an den Beginn seines Konzerts mit dem Chamber Orchestra of Europe im Rahmen des Lucerne Festival im KKL Luzern. Der mittlerweile 87-jährige Dirigent ist ein Phänomen: er mag körperlich fragil wirken, betritt das Podium bedächtig, mit behutsamen Schritten, aber sobald er den Taktstock aufgenommen hat ist unzweifelhaft, dass er geistig so voll da ist wie eh und je. Seine Rechte agiert mit präziser Schlagtechnik, mit seiner Linken formt er den Klang, differenziert er die Dynamik innerhalb des Orchesters.

Bernard Haitink und das COE © Prisca Ketterer | Lucerne Festival
Bernard Haitink und das COE
© Prisca Ketterer | Lucerne Festival

Holoubek beginnt wie eine ferne Ankündigung, eine ländliche Weise, harmlos, geruhsam. Zwar erklingen leise Paukenschläge, doch bleibt die Musik vorerst gedankenvoll. Melancholische, wehmütige Stimmung kommt auf, dann aber künden gespenstische, diabolische Zwischenrufe von Unheil; eine Drohkulisse baut sich auf, wie ein aufziehendes Gewitter, erzählt von vergangenen Untaten. Bald wendet sich die Musik dem Geschehen der Hochzeit mit dem neuen Geliebten zu – Tanzen, lieblich, freudig, scheinbar ungetrübtes Geschehen, überbordend, sich nach einer Klimax wieder beruhigend. Dann wird die Braut von ihren Untaten eingeholt; nach einem herben Beckenschlag hört man das Taubengurren (Holzbläser); Fagott und Hörner drohen, das Drama nimmt seinen Lauf. Ob das verklingende Ende Friedhofsruhe oder Versöhnung und Vergebung bedeuten soll, sei dahingestellt.

Über die mehr als 20 Minuten dieses Stücks schaffte es Haitink, die Spannung bis zum letzten Takt aufrecht zu erhalten, „auf Draht“ zu bleiben, ohne dabei zu beschleunigen oder die Musik noch zusätzlich aufzuladen. Anderseits kam ich auch in den ruhigen Stellen nie in Gefahr, die Gedanken schweifen zu lassen.

Isabelle Faust © Prisca Ketterer | Lucerne Festival
Isabelle Faust
© Prisca Ketterer | Lucerne Festival
Die Grimm'schen Märchen sind zwar oft auch grausam, aber im Violinkonzert von Dvořák ließ uns die von Isabelle Faust gespielte Stradivari „Dornröschen“ jegliche erzählerische Unbill vergessen: ein Instrument mit ausgeglichenem, seidenem Klang über alle Register. Die Solistin intonierte das Konzert mit weicher, warmer Ansprache, anfangs mit betontem Legato. In Pausen bereitete sie sich durch fast meditatives Mitgehen auf die nächsten Einsätze vor, setzte dann aber ganz bestimmt ein, nahm Schwung auf, gab diesen an die anderen Musiker weiter. Sie leitete das Orchester an, vermittelte Impulse auch durch Gestik, mit ausholenden Bewegungen, oft gar tänzerisch. Isabelle Faust spielte auch in den zahlreichen Doppelgriff-Passagen mit traumwandlerischer Intonationssicherheit, wohldosierter Dynamik und Agogik. Haitink begleitete mit seinem Ensemble umsichtig, stellte sich in den Dienst der Solistin: er hat es nicht nötig, sich als Begleiter zu profilieren.

Im Adagio ma non troppo überzeugte Isabelle Faust durch die Ruhe in der elegischen Breite der unendlichen Melodielinien, oft wie liebliches Lerchengetriller, präsent von dramatischen Einwürfen bis hinunter ins zarteste Pianissimo. Immer fühlte ich, dass Ausdruck der Solistin wichtiger ist als technische Brillanz (letztere ist bei ihr eine selbstverständliche Voraussetzung). Das Finale schließlich stimmte der Maestro in einem anspruchsvollen Tempo an, vom Orchester mit leichter Artikulation problemlos gemeistert. Isabelle Faust nahm den Satz spielerisch, tänzerisch, oftmals zu Gunsten der Klarheit fast ohne Vibrato. Im Mittelteil wechselt die Stimmung zu eher wehmütiger, tschechischer Folklore, um dann in einem heiteren Kehraus zum Anfangsthema zurückzufinden. Sicher führte die Solovioline ihren sehr virtuosen Part durch die rhythmisch vertrackten Stellen, bis zum hinreißenden Schluss.

Die Siebte Symphonie schließlich erlaubte nochmals einen Blick auf die Kunst des Altmeisters am Dirigentenpult: Haitink setzte auf deutliche Konturen, klare Artikulation, erzeugte und behielt Spannung ohne Hetzen oder Drücken des Tempos; der Klangkörper blieb transparent auch in der Klimax, nie ging der Schwung verloren. Im Poco adagio überzeugte das Orchester durch sorgfältig gestaltete Steigerungsbögen; es wirkte nirgends zelebriert, und auch hier ließ die Spannung nie nach: eine ausgezeichnete Balance zwischen dramatischer Bögen und Ausleben der wunderbaren Melodik im Wechsel zwischen den Violinen und den durchweg hervorragenden Bläserstimmen.

Bernard Haitink © Prisca Ketterer | Lucerne Festival
Bernard Haitink
© Prisca Ketterer | Lucerne Festival
Das Scherzo erklang beinahe ausgelassen mit seinem lustig-tänzerischen Thema. Es steigerte sich zu fast dramatisch-derber Wildheit. Im TrioPoco meno mosso, verlangsamte Haitink nur graduell, behielt ein leichtes, untergründiges Brodeln aus den Vivace-Teilen bei. Die Wiederkehr des Scherzos wechselte zwischen dramatisch und leisem Wiegen, nie aber ließ der Dirigent den Satz in die Gemütlichkeit abgleiten. Im Allegro des Finale erwies sich das Orchester rhythmisch sicher, mit durchweg ausgezeichneter Koordination. Stets blieb die Interpretation wach, aber nie überbordend, immer kontrolliert durch Bernard Haitinks sichere Führung. Speziell gefielen mir der warme Celloklang sowie der Blechglanz in der majestätischen Schlussverbreiterung.

Nie zeigten sich in der Interpretation Zeichen von Altersmüdigkeit, von Nachlassen in der Intensität. Es war eine Interpretation bar jeglicher Übertreibungen, kontrolliert auch im Rubato, konsistent und durchweg überzeugend. Es verwunderte nicht, dass das Orchester selbst ihrem (offensichtlich verehrten und geliebten) Dirigenten fast noch enthusiastischer applaudierte als das Publikum im praktisch ausverkauften Saal.