Um groß besetzte Orchesterwerke machen Veranstalter in Pandemie-Zeiten gern einen Bogen. Symphonische Reduktionen ins Kammermusik-Format sind in Mode, wie anders könnten auf manchen Podien geltende Abstandsregeln eingehalten werden? Doch wer möchte wirklich eine Alpensinfonie für 13 Instrumente hören? Jakub Hrůša und seine Bamberger Symphoniker bekennen sich zum Breitwand-Klang: sie wollen auch in Corona-Zeiten mit gebührenden Hygienemaßnahmen großformatige Sinfonik den derzeit zugelassenen 200 Hörern im Saal bieten, so der Intendant Markus Rudolf Axt im Gespräch. Sie haben mit dem Joseph-Keilberth-Saal der Regnitz-Konzerthalle einen optimalen Raum, dessen zentrales Orchesterpodium ausreichend Platz bietet; mit einer geringfügigen Podiumserweiterung können sogar die von Strauss für seine Alpensinfonie vorgesehenen 100 Musiker abstandsgerecht, doch ohne musikalische Distanz platziert werden. Eine Konzertreise in Hrůšas Geburtsstadt Brünn musste man allerdings absagen; die Hörer dort werden das Konzert im Livestream erleben können.

Jakub Hrůša © Andreas Herzau
Jakub Hrůša
© Andreas Herzau

Richard Strauss' Alpensinfonie kann als Prototyp tonmalerisch bestimmter Programmmusik gelten. Die 22 erklärenden Teilüberschriften des einsätzigen Werks beschreiben die Stationen und Gefühle einer alpinen Bergtour, wie sie der Komponist in Garmisch auf den Gipfeln vor seiner Haustür erlebt haben mag. Sie gliedern aber auch großflächige Tempo- und Ausdruckskontraste und verbinden so faszinierend „Malerei und Empfindung“ (frei nach Beethoven), indem sie „das Erwachen heiterer und ängstlicher Gefühle beim Anstieg in die Bergwelt“ in Klang setzen. Für ein riesiges Orchester hat Strauss seine symphonische Dichtung komponiert, und neben allerlei Instrumentalverdopplungen (u.a. 8 Hörner!) kommen Windmaschine und Donnerblech, Herdenglocken und Orgel zum Einsatz.

Aus schleierndem Dunkel der Nacht erhoben sich, in murmelnden Posaunen und raunenden Streichern zuerst, mehr erahnt als hörbar die Umrisse des Bergmassivs, das bei blendendem Sonnenaufgang von den gleißenden Fluten festlicher Fanfaren getönt wird – ein überwältigender Eindruck für den Bergwanderer. Satt und sonor gaben die Celli den zügigen Wanderschritt vor, und beim Eintritt in den Wald kamen die Flöten mit Vogelgezwitscher und eine Hörnergruppe hinter der Bühne mit Jagdmotiven zu Klang. Am Wasserfall waren die funkelnd fallenden Tropfen als Tonkaskaden der helltönig und seidig elegant spielenden Streicher voller Zauber, und da tauchte in der Spiegelung der glitzernden Wassermassen-Cluster eine Erscheinung aus flirrenden Tonhöhenstrukturen und Klangfarben auf. Nach allerlei Gestrüpp, Gletscher und Gefahren ist der Wanderer auf dem Gipfel, wo als erste, gleichsam demütige Reaktion auf deren Majestät eine herrlich stille, introvertierte Oboenmelodie erklingt (traumhaft erzählt von Barbara Bode). Dass das gloriose Gipfelglück auch ein Rauschzustand ist, mit vollgesogenem Brustkorb und weit geöffneten Armen, demonstrierten Symphoniker und Hrůša in gewaltigen Fortissimo-Eruptionen: atemberaubend und grandios wie beim echten Bergerlebnis.

Den Anfang machten die Bamberger mit Leoš Janáčeks Suite aus der Oper Das schlaue Füchslein. Hrůša präsentiert seit langem Musik aus seiner Heimat, und er belässt es nicht bei Dvořák-Symphonien, sondern zeigt auch weniger bekannte Werke von Suk, Martinů oder eben Janáček. Dessen in Brünn 1924 uraufgeführte Oper war sehr erfolgreich, bereits 1937 stellte der bedeutende tschechische Dirigent Václav Talich eine dem ersten Akt entnommene Transkription der ausgedehnten Orchestermusik vor. In seiner neuen, fast 40-minütigen Zusammenstellung, die er im September 2020 in Bamberg erstmals musizierte, legt Hrůša Wert darauf, die kompositorische Genialität und Vielfalt Janáčeks herauszustellen und dem Zuhörer ein tieferes Verständnis für das gesamte Opern-Szenario zu vermitteln.

Die Oper erzählt von einem Förster, der einen eingefangenen Fuchs in die Welt der Menschen eingliedern möchte. Doch vergeblich, der Fuchs wütet in Hof und Hühnerstall und erkämpft sich wieder die Freiheit des Waldes, wo er zwar später erlegt wird, aber bereits mit vielen jungen Füchslein für den natürlichen Kreislauf gesorgt hatte. Hrůšas Instrumentierung steht dem Strauss'schen Orchester-Apparat nur wenig nach, und er erzählt nicht nur von der Geräuschkulisse eines ländlichen Hofs, sondern beleuchtet Frohsinn, Ängste und Gefühle seiner Akteure. Da klingen tschechische Volksweisen ebenso heraus wie ein unbeholfener Walzer, da wird Streit im charakteristischen Deklamationsstil Janáčeks ausgetragen. Mit Begeisterung für diese Charakterstudien stürzte sich das Orchester in die oft schroffe, von insistierendem Staccato geprägte Musik, zelebrierte aber ebenso intensiv lyrisch melodiöse Augenblicke, gerade auch zahlreicher exzellenter Instrumentalsoli. Prägnant, mit souveränem Dirigat und offensichtlicher Leidenschaft spannte Hrůša den Bogen vom bukolischen Tier- und Naturstimmen-Imitat zum dissonanten Bauernhof-Blutbad, in dem der Fuchs den Hennen den Hals umdreht.

****1