Ein Repertoire-Reißer ist Leoš Janáčeks Oper Jenůfa nicht unbedingt: Auf gerade einmal 33 Vorstellungen in 14 Jahren bringt es David Pountneys Inszenierung dieses Werks an der Wiener Staatsoper. Aber immerhin kommt das Publikum dadurch, dass es offenbar nur dann auf den Spielplan gesetzt wird, wenn eine wirklich passende Besetzung zur Verfügung steht, in den Genuss spannender Abende. So kann etwa die diesjährige Serie mit gleich drei Premieren aufwarten: Angela Denoke, die Jenůfa der Premiere 2002, ist erstmals in Wien als Küsterin zu hören; Ingo Metzmacher hat zuvor in Wien noch keinen Janáček dirigiert, und zum ersten Mal wird das Werk im Haus am Ring in der tschechischen Originalfassung gesungen. Dass das Orchester der Wiener Staatsoper sich beim slawischen Repertoire besonders wohlzufühlen scheint, ist hingegen nicht neu, aber trotzdem immer wieder beeindruckend.

Christian Franz (Laca Klemen) und Angela Denoke (Buryjowka) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Christian Franz (Laca Klemen) und Angela Denoke (Buryjowka)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Unter Ingo Metzmacher lief das gesamte Orchester von Beginn an zur Höchstform auf. Eine spezielle Energie ging vom Orchestergraben aus, in dem die Musiker noch motivierter, konzentrierter und farbenreicher zu agieren schienen als sie es ohnehin immer tun. Expressiv und energiegeladen erklang Janáčeks Musik, ohne dabei an Differenziertheit vermissen zu lassen, denn Metzmacher legte präzise die vielen Schichten der Partitur frei und bettete die Sänger auf einen fein gewebten Klangteppich. Mit forschen Tempi preschte er in dramatischen Passagen voran und nahm in nachdenklicheren Momenten das Orchester jedoch auch weit zurück. Fast schon harschen, naturalistischen Klängen stellte Metzmacher unheimlich liebliche Elemente gegenüber; besonders das innig phrasierte Geigensolo, das Jenůfas Gebet des zweiten Akts begleitet, wurde dadurch zum sanften Höhepunkt des Abends.

Nicht ganz so begeistert hat mich hingegen Dorothea Röschmann in der Titelrolle. Über ihre golden timbrierte Stimme hat sich in allen Lagen ein starkes Vibrato gelegt, von dem mich ihre nuancierte vokale Gestaltung nicht ganz ablenken konnte. Dass einige Höhen etwas scharf gerieten passte hingegen wunderbar zu ihrer sehr dramatischen Interpretation der Rolle, die aber etwas an Süße vermissen ließ. Besonders die lyrischen Passagen gestaltete Röschmann fein phrasiert und gefühlvoll, blieb dabei aber oft kühl, sodass sich bei mir nie ein Gänsehautgefühl einstellte. Dazu beigetragen hat auch ihr sehr zurückhaltendes Spiel, durch welches die Figur nicht wirklich zum Leben erwachen konnte, sondern auch in Momenten purer Verzweiflung distanziert blieb.

Ihrer Bühnen-Ziehtochter stahl dafür Angela Denoke mit ihrer Interpretation der Küsterin Buryja an diesem Abend die Schau. Als wahre Singschauspielerin beherrschte sie mit ihrer Präsenz die Szene sofort und ihre Stimme verwebte sich regelrecht mit dem Orchester. Sie verklanglichte die Gefühlswelt des Charakters von entschlossen bestimmend über entrückt schwebend bis hin zum blanken Entsetzen über ihre eigene Tat. Dabei blieb die Stimme stets gläsern und berückend, füllte die Staatsoper aber mühelos, sowohl in tiefen Lagen als auch in der Höhe. Stimme und Darstellung gingen eine untrennbare Verbindung ein und verliehen der Küsterin abgründige Seelentiefe sowie absolute Glaubwürdigkeit.

Angela Denoke (Buryjowka) und Dorothea Röschmann (Jenůfa) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Angela Denoke (Buryjowka) und Dorothea Röschmann (Jenůfa)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Die beiden Gründe für Jenůfas undurchsichtigen Beziehungsstatus wirkten hingegen etwas eindimensionaler. Marian Talaba bot als Štewa Buryja wenige Farben in seinem hell timbrierten Tenor, der teilweise sehr angestrengt klang, und zu wenig Ausdruck im Spiel, um wirklich nachvollziehbar zu machen, warum ihm sämtliche Frauenherzen im Dorf zufliegen. Feuriger agierte zwar Christian Franz in der Rolle des Laca Klemeň, aber auch er blieb Nuancenreichtum schuldig. Seine Gestaltung war zwar durchwegs kraftvoll und energisch, aber stellenweise zu laut und mit wenig Schmelz in der Stimme garniert. Die vielen Nebenrollen lieferten vokal durchwegs gute Rollenportraits, wobei besonders Aura Twarowska als herbe und nachdrückliche alte Buryja sowie Ulrike Helzel als enorm wohlklingende und spielfreudige Barena in Erinnerung bleiben. Auch der Chor ließ in seinen wenigen Szenen mit viel Präzision und einer perfekten Abstimmung mit dem Orchester aufhorchen.

Zu David Pountneys Inszenierung gibt es eigentlich nicht (mehr) viel zu sagen, da sie sich darauf beschränkt, die Handlung zwar schlicht, aber im Grunde klassisch zu bebildern. In grau-weißem Mühlenambiente wirkten die teils sehr folkloristischen Kostüme des Chors allerdings etwas deplatziert und auch die Personenregie der kleinen Rollen scheint im Lauf der Jahre verloren gegangen zu sein. Insgesamt hätte ich mir eine etwas packendere, interpretierendere Optik für Janáčeks Familientragödie gewünscht, doch auch, wenn nicht alles perfekt war, sprechen für diese Jenůfa zwei starke Argumente: Einerseits Angela Denoke, die ein beklemmendes Portrait der Küsterin auf die Bühne bringt, und andererseits Ingo Metzmacher, der aus dem Wiener Orchester immer das gewisse Extra herauskitzelt.

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