Ein Osterfest ohne das Anhören der großen Passionen Johann Sebastian Bachs am Karfreitag ist bis heute für viele Konzertbesucher undenkbar. Alljährlich erklingen daher an den fünf Hamburger Hauptkirchen die beiden Passionen aus Bachs Feder nach den Evangelienberichten von Johannes und Matthäus. Dass auch diese große Zahl von Aufführungen kaum ausreicht, um die gewaltige Publikumsnachfrage zu decken, zeigte sich in der Hauptkirche St. Petri: Zahlreiche Kurzentschlossene bildeten eine lange Schlange vor dem Kirchenportal und spekulierten auf die letzten Restkarten an der Abendkasse. Eine kleine Verzögerung des Konzertbeginns blieb so nicht aus, beeinträchtigte das folgende musikalische Geschehen allerdings in keinster Weise. Der in seit Jahrhunderten etablierter Chor zog mit großen Ernst und vom ersten Moment an nahezu greifbarer Präsenz in die bis auf den letzten Platz besetzte Kirche ein. Auf das Publikum schien sich diese Haltung sofort zu übertragen und es kehrte umgehend eine erwartungsvolle Stille ein, die bis zum Ende des gut zweistündigen Vortrags anhalten sollte.

Der Hamburger Bachchor St. Petri unter der Leitung von Thomas Dahl bei einem a capella-Konzert © Reiner Ohms
Der Hamburger Bachchor St. Petri unter der Leitung von Thomas Dahl bei einem a capella-Konzert
© Reiner Ohms

Der Hamburger Bachchor St. Petri präsentierte sich bestens aufgelegt und beeindruckte durch seine große Präzision. Insbesondere im gewaltigen Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ gelang dem Chor eine eindrückliche Gestaltung, die unmittelbar in das Geschehen der Passionsgeschichte Jesu überleitete. Die zahllosen Turba-Chöre meisterten die rund 55 Sängerinnen und Sänger ebenfalls mit großer Emotionalität und Bewusstsein für die einzelnen Texte. Lediglich in den Chorälen hätte man sich ein wenig mehr Deutlichkeit in der Deklamation gewünscht; erfreulich war jedoch die Genauigkeit der Textabsprachen: Thomas Dahls unauffälliges und ohne zu große Gesten auskommendes Dirigat war den Choristen offensichtlich bestens vertraut und jeder noch so kleinste Fingerzeig wurde sorgfältigst ausgeführt.

In der Gesamtheit zeigte sich Kirchenmusikdirektor Dahl als ein versierter Interpret von Bachs Passion. Dies machte bereits auf den ersten Blick seine gänzlich auswendige Leitung des Sänger- und Instrumentalensembles deutlich. Sein schlichtes, sich nie in den Vordergrund drängendes Dirigat lenkte zu keinem Zeitpunkt vom musikalischen Geschehen und der stringenten Handlung der Passion ab. Die Rezitative dirigierte Thomas Dahl gar überhaupt nicht, sondern ließ hier der Continuogruppe und den agierenden Solisten freie Hand in der Ausgestaltung.

Durch das ausgesparte Dirigat benötigten Jannes Philipp Mönninghoff in der Evangelistenpartie und die Instrumentalisten die ersten Rezitative, um sich zu finden und zu einer musikalischen Einheit zu werden. Auch in einigen Arien – besonders auffällig in „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken“ – schien das Göttinger Barockorchester Dahls Interpretation nicht immer folgen zu können; ein etwas forcierteres Dirigat hätte diesen Passagen möglicherweise gut getan und für eine größere Klarheit gesorgt. Nichtsdestotrotz musizierte das niedersächsische Ensemble auf hohem Niveau mit einem satten, tiefen Orchesterklang. Durch die Kombination Theorbe mit Truhenorgel war gerade die Bassgruppe von einer sanften, nie zu aufdringlichen Farbe geprägt, die dem Ensemble einen ganz eigenen Klang gab.

Als im Großen und Ganzen hervorragend zeigte sich das Solistenensemble: In bestechender Form präsentierte sich vor allem Jannes Philipp Mönninghoff, Mitglied des Opernstudios am Theater Erfurt. Mit Nachdruck und immenser Sprachdeutlichkeit deklamierte Mönninghoff die rezitativische Solistenpartie und erwies sich als fesselnder Erzähler der Leidensgeschichte Jesu. Seine Arien gelangen ohne Pathos und waren von schlichter Nachdenklichkeit geprägt. An seiner Seite brillierte der Hamburger Bassbariton Konstantin Heintel in der Rolle des Christus. Heintels profunder, dabei stets agiler Bass füllte mühelos die gesamte Kirche und gab seiner auf den rezitativischen Vortrag beschränkten Partie große Präsenz und Strahlkraft.

Als Pontius Pilatus war mit Julian Redlin ein opernerprobter Bass besetzt. Insbesondere ihm gelang eine streckenweise fast szenische Ausführung seiner Partie, da er sie an wichtigen Stellen mit kleineren, niemals störenden Gesten untermalte; seine beiden Arien wurden von ihm mit großer Lebendigkeit und Präzision vorgetragen. Mit großer Ruhe und auf den Punkt artikuliertem Vortrag sang Anne Bierwirth die Altpartie, stellte in „Von den Stricken meiner Sünden“ ihren in allen Lagen strahlenden, reinen Alt unter Beweis und in der so gut bekannten „Es ist vollbracht“-Arie nach der Kreuzigung schien sie in tiefer Trauer vor einem imaginären Christus am Kreuz zu verharren. Einzig Christine Wolff in der Sopranpartie konnte nicht gänzlich überzeugen. Ihr „Zerfließe, mein Herz“ geriet in den oberen Lagen etwas zu hauchig, was leider den Eindruck einer streckenweise zu tiefen Intonation erzeugte.

Mit ganz besonderer Eindringlichkeit musizierten der Chor und die Instrumentalisten die beiden abschließenden Chorsätze „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ und „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“. Das unmittelbar im Anschluss daran erklingende Schlagen der Totenglocke und der Verzicht auf einen Schlussapplaus rundeten den Konzertbesuch passend ab.