Die Metapher vom Tanz auf dem Vulkan ist wohl für wenige historische Episoden so passend wie für die letzten zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg. Während sich die Verhältnisse der europäischen Politik bedingt durch Imperialismus und Nationalismus immer weiter zuspitzen, blühen die Künste zwischen Ästhetizismus und Décadence auf. Ob in Paris, Berlin oder Wien: unter dem Stern der aufgereizten Sensibilität der Jahrhundertwende und im Sinne von l'art pour l'art schaffen Künstlerinnen und Künstler Neues. Die Lust am Untergang ist ebenso modern wie ein ins erotische übersteigerter Exotismus.

<i>Verklungene Feste</i>: Maria Yakovleva und Vladimir Shishov © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Verklungene Feste: Maria Yakovleva und Vladimir Shishov
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Von diesen Vorzeichen zehrt auch das Ballett-Szenar, das Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf von Kessler 1912 für Sergei Diaghilevs Ballets Russes geschaffen haben. Mit der Musik von Richard Strauss und in der Choreographie von Vaslav Nijinsky, der auch die Hauptrolle kreierte, wurde Josephs Legende am 14. Mai 1914 an der Pariser Oper uraufgeführt. Dann wurde es still um die erste vollendete Ballett-Schöpfung von Richard Strauss, auf die noch das kalorienlastige Ballett Schlagobers und die Couperin-Bearbeitung Verklungene Feste folgen sollten.

1977 dann erlebte Josephs Legende wohl die Sternstunde ihrer Rezeptionsgeschichte. John Neumeier, der seit 1973 dem Hamburger Ballett voransteht, erhielt die Gelegenheit, dieses selten auf dem Spielplan befindliche Stück an der Wiener Staatsoper neu zu inszenieren. Gemeinsam mit Ernst Fuchs, der für die klassische Ausstattung verantwortlich zeichnete, schuf er mit Kevin Haigen und Judith Jamison in den Hauptrollen eine legendär gewordene Choreographie und Inszenierung, die auch als Studioproduktion für die Nachwelt erhalten wurde. Nach vier Neufassungen, zuletzt für das Hamburger Ensemble 2008, kehrte im Februar 2015 dieses Ballett in einem Doppelabend mit Verklungene Feste an die Staatsoper zurück.

Die erfolgte Wiederaufnahme mit der Premierenbesetzung von 2015, die das Ballett-Jahr eröffnet, steht unter einem guten Stern. Großen Anteil hieran hat die Frischzellenkur, die Neumeier seiner alten Arbeit hat angedeihen lassen. Nunmehr in einem eigenen Bühnenbild, das er mit Hilfe von Heinrich Tröger von Allwörden auf die Bühne gezaubert hat, und in den ungemein geschmackvollen Kostümen des Akris-Designers Albert Kriemler, kann die kunstvolle Choreographie noch eindringlicher wirken als in der ausstattungsmäßig überladeneren Urfassung von 1977. Doch bei allem Lob für die Choreographie und Inszenierung darf nicht vergessen werden, dass das modernisierte Bibeldrama um den von einem Engel erleuchteten Joseph, welcher in erotische Verstrickungen mit der Frau seines Herren Potiphar gerät, zunächst einmal tänzerisch gemeistert werden muss.

<i>Josephs Legende</i>: Rebecca Horner und Denis Cherevychko © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Josephs Legende: Rebecca Horner und Denis Cherevychko
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ein Gutteil dieser Herausforderung lag auf den Schultern von Denys Cherevychko, welche er meisterlich absolvierte. Er tanzte nicht nur an diesem Abend den Joseph, sondern er war Joseph. Seine jugendliche Erscheinung, die ihm wohl bei manch anderen Rollen seines Repertoires im Wege stehen könnte, passte wie angegossen auf den naiven und unschuldigen Helden der Handlung. Ausdrucksstark und mit souveräner Kontrolle gestaltete er seinen Partie akkurat und mit sauberer Technik auf unnachahmliche Art und Weise. Dabei gelang es ihm sowohl den Soli als auch seinen Pas des deux mit Potiphars Weib und seinem Engel seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken, der von großem Tiefgang geprägt ist.

Diesen in der Rolle versinkenden Tiefgang ließ die Interpretation seiner Bühnenpartnerin Rebecca Horner leider etwas vermissen. Zweifellos beherrschte sie die ebenso schwierige wie ausdrucksstarke Partie, allerdings wirkt ihre Darstellung nicht ganz durchdrungen vom Geist des Stückes. Dennoch: vor allem ihr großes Solo hinterließ großen Eindruck, da sich hier die Tänzerin voll und ganz auf die berückende Choreographie Neumeier einließ. Ganz hervorragend besetzt waren die Rollen des Engels und des Potiphar mit Kirill Kourlaev und Roman Lazik. Vor allem Kurlaev war es, der mit seiner Rolle des Engels dem Verzauberungspotential des Abends noch die Krone aufsetzt. Seine Soli zeigten höchster Spannung, und in den Pas des deux mit Cherevychko lief er zu Hochtouren auf.

Einen besonderen Höhepunkt des Abends markierte aber zweifelsohne der große Pas de trois, der das Ballett beschließt. Hier hat John Neumeier eine wahre Symphonie aus Tanz, Bühnenbild und Musik geschaffen. Während sich Joseph und der Engel immer mehr in ihrer latent homoerotisch aufgeladenen Zweisamkeit von Potiphars Weib lösen und es alleine zurücklassen, versinkt diese in Agonie des Erlebten. Ein wahrlich magischer Moment getanzter Emotionalität, den man erlebt haben sollte.

Doch was wäre das ganze ohne die souveräne Leistung des Staatsopernorchesters unter der Leitung von Mikko Franck an diesem Abend. Das Orchester zeigte, dass es auch mit dieser nur selten gespielten Partitur umgehen kann und schuf jene zauberhafte Atmosphäre, die erst den Sog erzeugt, der auf das Geschehen auf der Bühne hinweist.

Leider traf dieser Sinnesrausch nur auf den zweiten Teil des Abends zu. Die Couperin-Bearbeitung durch Richard Strauss, welche dem Ballett Verklungene Feste unterlegt ist, vermochte längst nicht so zu fesseln wie die klangliche Opulenz von Josephs Legende. Nichts desto trotz wurde auch dieses Neumeier-Ballett von den fünf führenden Paaren und vom Ensemble souverän getanzt.

Ein Pflichttermin für Ballett-Liebhaber.