Regula Mühlemann hat es innert weniger Jahre an die Top-Bühnen der Welt geschafft. Beweisen musste sie sich und dem Publikum also gar nichts, als sie an diesem Abend für 15 Minuten in die Rolle eines Kastraten schlüpfte, für den Mozart sein Exsultate geschrieben hat. Die Partie besticht nicht nur durch die Virtuosität der Rahmensätze, sondern auch durch die Breite des geforderten Tonumfangs. Im Rezitativ und im nachfolgenden Mittelsatz sind dagegen eher die lyrischen Qualitäten gefordert, und bei all den Bühnenqualitäten sollte dennoch der religiöse Charakter des Stücks nicht verloren gehen – die Erwartungen waren hoch.

Regula Mühlemann © Shirly Suarez
Regula Mühlemann
© Shirly Suarez
Die Sängerin enttäuschte nicht: Sie sang ihre Rolle bravourös. Vielleicht war sie anfänglich etwas gar dezidiert in den Akzenten, aber das legte sich nach wenigen Takten und schuf Raum für die Schönheit, das Leuchten ihres Tons, die Klarheit in den Koloraturen. Die Ausgeglichenheit und Breite ihrer Stimme ist phänomenal und mit ihrem Silberglanz trägt ihr Organ auch an leisen Stellen. Dabei ließ sie sich Zeit für die Diktion und dank der subtilen, leicht artikulierten Begleitung trug ihre Stimme bis in tiefe Lagen problemlos. Im Mittelsatz wechselte Regula Mühlemann mühelos ins lyrische Fach, mit harmonischem, nie aufdringlichem Vibrato. Der Glanz ihrer Stimme legte sich über die sorgfältig gestalteten Bögen der Begleitung, folgte deren lebendiger Dynamik. Nach den brillanten, jubelnden Koloraturen im anspruchsvollen Tempo des Schlussteils war ihr ein enthusiastischer Applaus sicher.

Der Rest des Abends gehörte ganz Joshua Bell und dem Verbier Festival Chamber Orchestra. Bell dirigierte Mendelssohns Violinkonzert aus der Solistenposition, mit heftigen Bewegungen des ganzen Körpers, sich in Pausen gelegentlich auch zum Orchester drehend. Von der ersten Note an stand die Violine im Zentrum – nicht nur physisch und klanglich, sondern ebenso, weil der Solist durchgehend die Führung innehatte, die Impulse gab und ständig die Kontrolle behielt. Das dezidierte, schwungvolle, emphatische Spiel, die lebendige Agogik bis hin zum Rubato wirkten elektrisierend, ließen den Hörer gebannt auf der Stuhlkante verharren. Joshua Bells Instrument aus Stradivaris Glanzzeit überzeugte mit ausgeglichenem Ton, von der tragenden Tiefe auf der G-Saite bis ins höchste Flageolett: nie hatte Bell Probleme, sich vom Orchesterklang abzuheben.

Nicht unerwartet spielte Joshua Bell seine eigene Kadenz mit ausgedehnten Doppelgriff-Passagen, die ich als „im Stile von Joseph Joachim“ charakterisieren würde. Man mag darüber geteilter Meinung sein, weil Mendelssohns Partitur eine ausgeschriebene Kadenz enthält, allerdings schreibt der Komponist ad libitum. Sicher, die Originalkadenz ist optimal und organisch in das Konzert eingepasst. Bells Kadenz hebt sich ab vom Original, geht thematisch eher eigene Wege. Verglichen mit früheren Versionen scheint sie jetzt kompakter und vermeidet es, den Satz (zumal vor der Reprise!) zu stark zu zerschneiden.

Der Übergang zum Andante war schon fast extrem zu nennen. Im Gegensatz zum dramatischeren Mittelteil, dessen Doppelgriff-Tremoli ein Vibrieren kaum zulassen, empfand ich die lyrischen Rahmenteile als stimmungsmäßig etwas pastos, das Vibrato als manchmal ziemlich stark, obwohl das Musizieren im Orchester stets klar blieb, nie schwülstig wurde.

Joshua Bell © Marc Hom
Joshua Bell
© Marc Hom
Im Finale verstärkte sich der Eindruck vom Eingangssatz noch: mehr als nur lebhaft, sportlich-alert, zugleich leicht, stets wach, mit extremer Aufmerksamkeit gespielt. in der Schlusssteigerung vielleicht sogar zu quirlig für das Orchester. Bells Musizieren war äußerst lebhaft und präsent; das Ausloten kleinster Feinheiten kann man bei seinem Temperament nicht erwarten. Gewisse Abstriche ergaben sich auch durch die oft vehemente Gestik bei der Koordination des Orchesters: rhythmische Übergänge und solche des Bogens waren manchmal etwas gar handfest, anderseits ermöglichte die Abwesenheit eines vermittelnden Dirigenten eine wesentlich direktere, unmittelbarere Zusammenarbeit mit dem Orchester.

In Beethovens Siebter Symphonie spielte Joshua Bell am ersten Pult. In der Einleitung fiel der Gegensatz zwischen den dezidierten Akzenten im Orchester und den lyrisch-sanglichen Bläserstimmen auf. Vom Beginn weg behielt Bell die Spannung bei, übertrug sie auf das zügige Zeitmaß des Vivace-Teils. Die Symphonie wurde von Wagner als „Apotheose des Tanzes“ bezeichnet; das fand ich hier insofern unzutreffend, weil die Musik für einen Tanz zu sehr unter Hochspannung stand – so sehr, dass oftmals den Bläsern kaum Zeit blieb, eine Phrase agogisch auszugestalten.

Während sich Bell bei den raschen Sätzen an Beethovens Tempovorgaben hielt, wählte er für das Allegretto ein verhalteneres Zeitmaß, vermied Extreme, gestaltete große Steigerungsbögen. Die Artikulation im Bass-Thema blieb leicht, die rauen Ecken und Kanten einiger historisierender Aufführungen wurden vermieden. Mir gefielen besonders die schönen Bläserstimmen, der weiche Klang der Klarinetten. Das Presto strotzte vor Schwung und Lebendigkeit, erschien manchmal beinahe explosiv. Der Trio-Teil war dafür leicht, eher verspielt, nicht feierlich oder gar zelebrierter Pilger-Hymnus.

Auch das abschließende Allegro con brio wurde hinreißend gespielt, vielleicht gelegentlich zu drängend, wiederum blieb kaum Zeit für agogische Feinheiten. Nie ließ die Spannung nach, unermüdlich drängte das musikalische Geschehen vorwärts: als Hörer saß man wie auf Nadeln. Es war gut, dass die Zugabe, die munter und gelöst dargebotene Ouvertüre zu Mozarts Le Nozze di Figaro es erlaubte, sich von der aufgewühlten Stimmung in Beethovens Finalsatz zu erholen.