Die Orpheum Stiftung zur Förderung junger Musiker feiert 25 Jahre ihres Bestehens – Jahre eines unspektakulären, aber erfolgreichen Wirkens: Ein hochkarätig besetztes, internationales Kuratorium wählt junge Künstler aus, die auf den ersten Schritten ihrer Karriere unterstützt werden. Beispielhaft für dieses Wirken waren die Solisten von Mozarts Sinfonia concertante für Violine und Viola in Es-Dur, die im Zentrum des Abends stand. Der in Dänemark geborene Geiger Nikolaj Znaider wurde zu Beginn seiner mittlerweile erfolgreichen Karriere von der Orpheum Stiftung unterstützt; die aus Südkorea stammende Kyoungmin Park wird aktuell von der Stiftung gefördert.

Kyoungmin Park © Neda Navaee
Kyoungmin Park
© Neda Navaee

Philippe Jordan, Mitglied des Kuratoriums, ist seit 2009 musikalischer Direktor der Opéra National de Paris sowie seit 2014 Chefdirigent der Wiener Symphoniker, mit denen er diesen Abend gestaltete. Er eröffnete das Konzert mit den Variationen für Orchester, Op.30 von Anton Webern. Einige Zuhörer haben sich vielleicht gewundert warum „Unverdauliches“ an den Anfang gesetzt wurde. Das lässt sich aber durchaus gut begründen: Weberns Komposition ist auf das Wesentlichste reduziert; Zwölftonmusik im strengen Sinne. Sie basiert auf Formprinzipien, die sich dem Nicht-Spezialisten unmöglich erschließen.


Trotzdem ist es Musik: die Melodiefragmente werden zwar konsequent zerlegt, dekonstruiert und auf verschiedenste Stimmen und Tonlagen des reichen Instrumentariums verteilt. Das Stück hat rhythmische Struktur, von Philippe Jordan mit sicherer Hand dirigiert, die aber wegen einer Unzahl von kleinräumigen Wechseln in Tempo, Dynamik und Metrum oft nicht als Rhythmus erkenntlich ist. Das Werk ist nicht dissonant da weitgehend einstimmig, allenfalls aharmonisch. Wenn die Musik weder melodisch noch rhythmisch noch harmonisch ist, was ist sie dann?

Als Nichtmusiker würde ich sie assoziativ nennen: Man kann diese Musik auf sich wirken und dabei dem assoziativen Gedächtnis freien Lauf lassen. So erkennt man vielleicht kleine Melodiefragmente, die sich als Teil größerer Phrasen in anderen Werken wiederfinden. Mir sind beispielsweise Mozart-Klavierkonzerte, ebenso Musik von Mahler, Pärt oder Górecki auf- oder eingefallen. Das sind momentane Eingebungen, vom Komponisten sicher nicht konkret intendiert. Für mich ist das ein Hinweis, dass Musik nicht im luftleeren Raum existieren kann, sei sie noch so artifiziell oder konstruiert. Derartig freies Assoziieren scheint mir besser zu funktionieren, wenn das Gedächtnis unbelastet ist von prägenden Eindrücken vorangehender, klassischer Kompositionen. Damit ergibt die Platzierung am Beginn des Konzerts durchaus Sinn, und eine interessante, bereichernde Erfahrung war es allemal.

Trotz der ansehnlichen Größe des Orchesters erzielte Philippe Jordan in Mozarts folgendem Doppelkonzert ein verhältnismäßig leichtes und transparentes Klangbild. Das Zusammenspiel der beiden Solisten war ein Genuss, mit Verzierungen und Agogik in perfekter Koordination. Leider war der Klang der Violine mit Stahlsaiten relativ scharf und mischte sich nur begrenzt mit dem wunderbar warmen, weichen Ton der Viola; klanglich entstand dadurch eher Abgrenzung als Harmonie zwischen den Solostimmen. Die Bratsche hatte (wohl dank Mozarts umsichtiger Disposition) nie Probleme, aus dem großen Ensemble hervorzutreten. Znaider spielte oft mit einem relativ raschen Vibrato, was den Klang des Instruments noch zusätzlich abgrenzte, zumal Kyoungmin Park das Vibrato erfreulich sparsam einsetzte.

Zum Klang der Viola ist anzumerken, dass Mozart das Instrument einen halben Ton höher stimmen lässt (D-Dur erklingt als Es-Dur); dies macht es zum einen leichter für die linke Hand, hellt anderseits auch den Klang etwas auf. Höhepunkte des Konzerts waren die Kadenzen, wunderbar musiziert, dynamisch und im Zusammenspiel perfekt abgestimmt. So richtig aufblühen konnte die Bratsche im langsamen Satz, in dem das vibratoarme Spiel vorteilhaft zur Geltung kam. Der Schlusssatz gehört zu Mozarts heitersten Eingebungen, in der die beiden Soli in lebhaften Figurationen und in lebendigem Diskurs um den Vorrang zu kämpfen schienen: pure Freude sowohl auf Seiten der Musiker wie des Publikums.

In Beethovens Sinfonie Nr. 7 in A-Dur gestaltete Philippe Jordan fließend, mit harmonischen Bögen und Steigerungswellen, einer Tendenz zu Legato und dichtem Klang, was aber auch dem relativ großen Klangkörper zuzuschreiben ist. Dynamische Bezeichnungen wurden sorgfältig umgesetzt, allerdings fielen (ob der Größe des Orchesters) einige Verzierungen / kurze Notenwerte etwas oberflächlich, summarisch aus, und bei lauten Stellen fehlte es mir an der Transparenz, die bei kleineren Ensembles wesentlich einfacher zu erzielen ist. Die Holzbläser spielten ausgezeichnet und virtuos, hatten aber manchmal Mühe, sich gegen den großen Streicherkörper durchzusetzen.

Erfreulicherweise nutzte das Orchester die historisch korrekte Aufstellung mit sich gegenüber sitzenden Violinstimmen, womit in den raschen Sätzen die Dialoge dieser Stimmen plastisch zur Geltung kamen. Der zweite Satz neigte manchmal zu breiter Artikulation, hatte aber schön gestaltete piano-Stellen, in denen die Violen klanglich sehr gut zur Geltung kamen. Im Tempo hielt sich Philippe Jordan meist eng an Beethovens Vorgaben, was allerdings für den Klangkörper im letzten Satz eine Herausforderung war — nicht primär in der Koordination zwischen den Registern, sondern mehr bei der Ausführung rascher Figuren in einzelnen Streicherstimmen. Gesamthaft gelang dem Dirigenten aber eine schwungvolle, oft mitreißende Interpretation.