Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen reiste mit dem Dirigenten Peter Ruzicka und der Sopranistin Sarah Maria Sun, die für die erkrankte Anna Prohaska eingesprungen war, in die Elbphilharmonie, um unter anderem ein des Dirigenten selbst neu komponiertes Werk uraufzuführen.

Zu Beginn spielte das Orchester die Fantasie in f-Moll für Klavier von Franz Schubert in einem Arrangement für Orchester von Rolf Liebermann. Das Ensemble fand gleich einen selbstbewussten Einstieg und stellte den Charakter der Fantasie von Beginn an gut dar. Auch wenn die Hörner manchmal etwas ungestüm wirkten, gab es doch viele Beispiele, in denen sich Instrumentengruppen gut verbanden und eine geschmackvolle Lautstärkebalance fanden; vor allem die Oboen und ersten Violinen erfreuten damit mehrmals. Die Celli konnten gerade die Pizzicato-Stellen kräftig und klar in den Raum stellen. Zwar wirkten im Verlauf des Stückes die Bläser nicht bei allen Achtelpassagen sicher, aber gegen Ende bot das Register immer öfter synchron gespielte Akkordpassagen präzise dar.

Peter Ruzicka © Anne Kirchbach
Peter Ruzicka
© Anne Kirchbach

Für die Uraufführung von Peter Ruzickas Mnemosyne verließ ein Teil des Orchesters die Bühne. Dem Werk, angelegt für 18 Streicher, Sopran und Schlagzeug, liegen Textzitate von Friedrich Hölderlin zugrunde. Von Beginn an fiel die besonders hohe Konzentration auf, mit der die Musiker zu Werke gingen. Gleich in den frühen Teilen des Stückes zeigten sie eine große Sicherheit in den vielen unterschiedlichen Spieltechniken, die der Komponist fordert; kratzen, überstreichen oder schlagen der Saiten mit dem Bogenholz, aber immer mit Understatement, dosiert und ohne Selbstzweck eingesetzt. Auch Ruzicka merkte man die Fokussierung auf diesen Auftrittsmoment an. Er stand immer in absolut engem Kontakt zu den Musikern und durchlebte die Musik gemeinsam mit ihnen. Sarah Maria Sun konnte dann äußerst positiv überraschen. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit auf Musik und Saal konnte sie den Raum geschickt für sich nutzen und setzte Formanten und Frequenzen ihrer Stimme klug ein, um alle Gäste im Saal zu erreichen.

Nun arbeiteten die Musiker intensiv daran, alle Intensitäten richtig zu transportieren. Zwar hätten manche Kombinationsklänge noch homogener funktionieren können, aber man merkte deutlich die akribische Vorbereitung die geleistet wurde. Und sie zahlte sich aus. Diejenigen im Publikum, die zuhören mochten, wurden vom Vortrag richtig gefesselt. Auch wenn Sun vom Werk nicht das Letzte abverlangt wurde, so konnte sie doch einige Male technisch Schwieriges begeisternd vortragen und im dritten Satz sang sie selbst schwierig formatierte Töne ohne Vorbereitung perfekt an. Auch ihre Sprechstimme setzte sie sehr effektiv und mit rundem, warmem Klang ein. Zum Ende hin bestach das Orchester immer mehr durch einen sehr runden Gesamtklang, in den sich auch die beiden Schlagwerker sehr gut einfanden und auch immer mehr fantastische Passagen wurden von den Musikern mit großer Einigkeit gespielt. Sie beschlossen so ein wunderbares neues Stück zeitgenössischer Musik.

Nach der Pause spielten die Musiker der Bremer Kammerphilharmonie dann die Symphonie Nr. 4 Gustav Mahlers in kleinerer Besetzung. Nur die Stimmführer der Instrumentengruppen bildeten ein Kammerensemble. Die Vierte ist die heiterste Symphonie des Komponisten und genau dies schien das Ensemble betonen zu wollen. Mit viel Körpereinsatz versuchten die Musiker die fröhlichen und humoristischen Züge des Werkes hervorzuheben und spielten mit Leichtigkeit. Anders der Dirigent: Ruzicka blieb recht starr und gab in erster Linie den Takt vor. So war der vorhandene Gestaltungswille von außen kaum erkennbar.

Trotz der kleinen Besetzung gelang es den Instrumentalisten im Spiel größer zu wirken und ihre Stimmzüge zu repräsentieren. Vor allem die Bläser setzten viele musikalische Themen ausdrucksstark um, an manchen Stellen gingen jedoch einzelne Melodien der Violinen im Gesamten unter und hätten noch pointierter gestaltet werden können. Auch im zweiten und dritten Satz waren es immer wieder die Bläser die mit großer Routine auffielen und beim Spielen gut aufeinander hören konnten. Insgesamt wurde die Dynamik sehr passend gesetzt, dazu kamen jedoch zuerst beim Cello, dann bei anderen Instrumenten immer öfter Intonationsprobleme auf, über die ich immer weniger hinweghören konnte. Dies blieb leider bis zum Schluss des Konzertes erhalten.

Im vierten Satz hatte noch einmal Sarah Maria Sun ihren Auftritt. Jedoch schien sie einen Moment zu brauchen, um in das Werk hineinzufinden und versteckte sich anfänglich etwas hinter ihrem Vibrato. Nach einigen wenigen Passagen fand sie aber eine angenehme Erzählweise und konnte sicher und mit rundem Ton den Vortrag gestalten.

So endete ein von Abwechslungen geprägter Konzertabend, der von der Uraufführung eines angenehmen, neuen Musikstückes bestimmt wurde.