Der Münchner nennt seine Stadt gerne liebevoll die nördlichste Stadt Italiens. Am vergangenen Wochenende verwandelte sich aber die Landeshauptstadt in die nordöstlichste Stadt Spaniens – zumindest für einen Abend: Zur Eröffnung des Open Air-Wochenendes „Klassik am Odeonsplatz“ luden Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Pablo Heras-Casado , Violinistin Julia Fischer und Moderator Roger Willemsen zu einem Kurztrip nach Spanien ein.

Klassik am Odeonsplatz 2015 © Christian Rudnik
Klassik am Odeonsplatz 2015
© Christian Rudnik

Das Programm dieses musikalischen Kurzurlaubs umfasste die vielfältigsten Aspekte der spanischen Musik, die von populärer Zarzuela bis ernsthaftem Impressionismus reichten. So lieferte Manuel de Fallas Zweite Suite zu seinem Ballett Der Dreispitz sowie das Vorspiel zum zweiten Bild des letzten Aktes zu La Vida Breve die feurigen volksmusikalischen Momente, die auch Ravel in Alborada del gracioso plakativ in Szene setzte, während Claude DebussyIberia komplexere, eindrückliche Beschreibungen Spanischer Nächte darstellt. Prokofjews Zweites Violinkonzert bildete den virtuosen Höhepunkt, wenngleich das Konzert trotz vieler Versuche, einen Bezug zu Spanien herzustellen, sich ins restliche Programm nicht so recht einpassen wollte.

Während Heras-Casado bei de Fallas leichterer Literatur vollkommen auf die kantigen Rhythmen und spanischen Melodien setzt, die der Chor des Bayerischen Rundfunks mit großer Homogenität und Klangfülle, selbst in den hohen Lagen, begleitete, meisterte der Dirigent in Ravels Alborada del gracioso , das der Franzose eigentlich für den Klavierzyklus Miroirs komponiert hatte, die Kombination von volksmusikalischen Elementen mit impressionistischen Klangbildern. Noch differenzierter muss dies das Orchester in Debussys Suite Iberia bewerkstelligen.

Manuel de Falla sagte über dieses Werk seines Freundes, der die Musik Spaniens nur durch Erzählungen kennenlernte, dass es trotz allem die Essenz der Musik seines Heimatlandes darstelle. Die drei Sätze entstanden zwischen 1905 und 1908 und stellen das spanische Leben auf Straßen und Wegen, wie auch die Bezeichnung des ersten Satz verdeutlicht, dar, gefolgt von einer Beschreibung der Düfte der Nacht im zweiten und einem Festtagsmorgen im Schlusssatz an. Den Beginn gestaltete Heras-Casado kraftvoll, wobei sich die vielen Bläsersoli scheinbar nebenbei und nur ganz leicht vom Orchesterklang abhoben. So entstand der Eindruck als würde der Zuhörer tatsächlich durch spanische Straßen wandeln und Melodien wie zufällig hören. Mit großer Präzision arbeitete der Dirigent dabei den charakteristischen Sevilliana-Rhythmus heraus.

Nach diesem tänzerischen Teil fängt der zweite Satz die nächtlichen Stimmungen ein. Hierzu traten die hervorragenden Soli prominenter aus dem Gesamtklang hervor und kreierten so eine mystische Stimmung. Mit nachtwandlerischer Sicherheit und genauer Präzision führte Heras-Casado durch den Satz, den das Orchester mit genau ausgearbeiteter Dynamik präsentierte. Im letzten Satz nahm dann Heras-Casado die Stimmung aus dem ersten Teil wieder auf, wobei die Soli in den Holzbläsern sowie der Violine leidenschaftlicher erklangen, in einem zügigen Tempo, das Heras-Casado furios weiterentwickelte und so den Klang des Orchesters aufblühen ließ.

Julia Fischer am Odeonsplatz © Stefan Prager
Julia Fischer am Odeonsplatz
© Stefan Prager

Dem folgte Sergej Prokofjews Zweites Violinkonzert. Es wurde 1935 in Madrid uraufgeführt, und zumindest im dritten Satz ist ein leichter spanischer Anklang zu finden, da Prokofjew dort Kastagnettenklänge mit Walzerrhythmen kombiniert. Den Einstieg mit dem lyrischen Solo der Violine formte die Münchnerin Julia Fischer zu einem melancholischen Sehnen, das schließlich zusammen mit den tiefen Streichern zu expressiven, virtuosen Läufen und Doppelgriffen überging. Mit einer großen Bandbreite an Klangfarben verwandelte sie die virtuosen Läufe im folgenden Satz zu träumerischen, fast spielerischen Kaskaden; den letzten Satz wiederum gestaltete Heras-Casado wie einen Tanz, in dem sich Solistin und Orchester an den Dissonanzen rieben. Mit schroffem und betont schmucklosem Spiel formte Fischer den finalen Satz ganz im Sinne eines grotesken Walzers.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk hat auch dank seines spanischen Dirigenten den Abend zu einer spanischen Nacht verwandelt, der mit der naheliegendsten Zugabe abschloss: Dem Chor aus dem letzten Akt aus Carmen.