Olga Scheps ist gebürtige Russin, lebt aber seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland. Ihr Repertoire erstreckt sich von der Klassik bis in die Spätromantik, und für Ihr Konzert im Rahmen des Meisterzyklus-Konzertes in der Tonhalle hat sie ein ausschließlich russisches Programm zusammengestellt – beste Voraussetzungen für einen spannenden Konzertabend. Allerdings schien sie in diesem Konzert angeschlagen und war deshalb möglicherweise nicht in Bestform.

Olga Scheps © Katrin Ebner | Audi Kultur
Olga Scheps
© Katrin Ebner | Audi Kultur

Das Konzert begann lyrisch, mit Tschaikowskys populärem Zyklus Die Jahreszeiten: zwölf eingängige, aber technisch nicht immer einfache Charakterstücke, mit deren Darbietung ich in diesem Konzert leider nicht durchweg glücklich wurde. Gewiss, die Musik ist wunderschön, abwechslungsreich, und lädt zum Zurücklehnen und Genießen ein, aber ich messe eine Konzertaufführung daran, ob sie den Wünschen des Komponisten (soweit aus der Notation ersichtlich) gerecht wird, und ob die Interpretation die Erwartungen an die Musik erfüllt. Unweigerlich vergleicht man Aufführungen natürlich auch mit denen anderer Künstler, sei es im Konzert oder von Aufnahmen: eine neue, unabhängige Sichtweise „im luftleeren Raum“ ist heute weniger denn je möglich – sie müsste dann schon sehr überzeugend und schlüssig ausfallen.

Olga Scheps spielte das Moderato semplice, ma espressivo überschriebene erste Stück, Januar, relativ rasch, kaum moderato, und mit dem Tempo blieb auch das espressivo auf der Strecke; schnelle Figuren wirkten leicht oberflächlich, beiläufig – eine Beobachtung, die ich auch bei anderen Sätzen dieses Werks machte. Die starken dynamischen Kontraste wollten nicht recht auf das semplice passen, und auch der Tempounterschied zum Meno mosso im Mittelteil war relativ stark. Im März fielen die meisten der Triolen merkwürdig undeutlich aus, und im Juni (Barcarole) wollte sich mir kein Gondelgefühl einstellen: dafür hätte ich mir mehr Agogik, mehr metrische Gestaltung innerhalb eines Taktes gewünscht. Der Mittelteil, Allegro giocoso, war recht energisch statt spielerisch, aber da, wo Tschaikowsky dann energico vorschreibt, fehlte die Energie.

Anderseits gefiel mir der Mai ausgesprochen gut: wunderbar ruhig und lyrisch im Andantino, lieblich, mit weicher Artikulation das Allegretto giocoso des Mittelteils, in welchem auch die Nebenstimmen zu ihrem Recht kamen. Ausgezeichnet war sodann der im ppp zart verklingende Schluss: für mich der Höhepunkt in diesem Zyklus. Ähnlich überzeugend war der sehr fein empfundene Oktober (auch Herbstgesang überschrieben – bei Tschaikowsky wohl eher eine Herbstklage) mit seinen im vierfachen piano ersterbenden Schlusstakten.

Gemischt war auch mein Eindruck von Rachmaninows Corelli-Variationen, einer Komposition die sehr schlicht beginnt, sich dann aber zusehends in beachtliche Virtuosität steigert. Es gab Segmente, die mir weniger zusagten wie Variation XVII, die mit einem permanenten Ritardando gespielt wurde, was den Eindruck vermittelte, als wäre sie versehentlich zu rasch angegangen worden wäre. Oftmals vermisste ich auch etwas die Prägnanz, die dann wohl einem raschen Zeitmaß geopfert wurde. Es fanden sich jedoch auch sehr überzeugende Partien, z.B. die technisch anspruchsvollen Variationen, die kunstvoll verschleierten Kadenzen im Intermezzo, das cantabile der vierzehnten Variation und das dolcissimo in XV.

Den Konzertabschluss machte Prokofjews virtuose Siebte Klaviersonate, pièce de résistance im russischen Repertoire. Sie besticht durch die Klarheit ihrer Textur, ist aber womöglich technisch noch anspruchsvoller als die letzten von Rachmaninows Corelli-Variationen. Hier ist äußerste Prägnanz im Staccato sowie in den extremen, schroffen dynamischen Kontrasten gefragt. Olga Scheps ging den ersten Satz (Allegro inquieto) sehr flüssig an, die Konturen und Akzente nicht übertreibend. Nach einem poco meno mosso wechselt das Tempo zum Andantino; dessen Expressivität und Schmerz (espressivo e dolente) stellte sich nach meinem Empfinden erst nach etlichen Takten ein; die virtuosen Allegro-Segmente hingegen gelangen eindrucksvoll.

Sehr gut gefiel mir das Andante caloroso in seiner warm leuchtenden, aber ganz eigenen Harmonik. Die Pianistin überzeugte durch intensives Spiel, schönes Legato, und mit der Art, wie sie die riesigen dynamischen Bögen dieses Satzes ausdrucks- und kraftvoll gestaltete. Ganz speziell fand ich Gefallen an der Rückführung ins erste Tempo gegen Ende, wo Olga Scheps die Spannung halten konnte, obwohl die Musik hier stillzustehen scheint. Im hinreißenden, fast jazzigen Precipitato mit seinen prägnanten Synkopen und rhythmischen Verschiebungen mobilisierte die Pianistin nochmals alle ihre Energie – die Musik fordert denn auch den Totaleinsatz in Kraft und rhythmischer Prägnanz. Olga Scheps setzte in diesem Satz einen eindrucksvollen Glanzpunkt ans Ende des offiziellen Programms, nach dem das Publikum noch mit zwei Zugaben verwöhnt wurde.