Die Osterzeit rückt näher und kirchenmusikalisch werfen die Passionen Bachs ihre alljährlichen Schatten voraus, ehe sie zur Karwoche vielfältig im Konzert erlebt werden können. Doch auch hinter dieser Überlagerung finden sich Passionsmusiken, die - wie im Rahmen des Kölner Fests für Alte Musik des Forums Alte Musik Köln - von Konrad Junghänel und seinem Ensemble Cantus Cölln aus der Dunkelheit geholt werden, um damit den Weg ins Paradies in theologisch-barocker Überzeugung nachzuzeichnen.

Cantus Cölln und Konrad Junghänel © Michael Meyer
Cantus Cölln und Konrad Junghänel
© Michael Meyer

Mit Werken von Bruhns, Buxtehude, Kuhnau und Schelle sollten Vorbilder und Vorgänger Bachs sowohl in seinem kompositorischen Lebensweg als auch in seinem Amt als Thomaskantor zu Gehör kommen. Sie erzählen in Form des geistlichen Konzerts als Vorläufer der etablierten Chor-Rezitativ-Arie-Kantate vom Leidensweg Christi, wobei der Gläubige über Trauer und im Vertrauen auf barmherzige Gnade erlösenden Trost erfährt. Derart chronolgisch aufgebaut waren auch die Konzerte, deren Begleitung von Junghänel zwar identisch besetzt wurde, die in ihren Texten, Betonungen und Intentionen, Färbungen und Ausdrucksmitteln jedoch sehr unterschiedlich sind.

 Mit Johann Kuhnau  Gott sei mir gnädig eröffnete Cantus Cölln den Gang gen Himmel, getragen vom negativen Narrativ des Glaubens von der strafenden Sünde, von der lediglich mit der flehendlichen Bitte um Gottes gnadevolles Urteil losgesagt werden kann. Der Komponist verkleidete den schwer barocken und dramatischen Text im wandelbaren und innigen Konzertsatz mit einfachen Mitteln und doch so eindringlich, schwermütig und aufgebracht.

Die Zwei- oder Vielseitigkeit von Wort und Musik spiegelte sich in kundigster Weise in der kontrastoffenbarenden Interpretation wider, die sich zuverlässig durch das gesamte Programm zog: Klar, abgrenzend-scharf und beweglich, weich und federleicht in der Schwere der werklichen Grundlage. Mit typisch barocken Phrasierungsmitteln sowie dem dynamischen und effektsicheren Aufmerken der zugrundeliegenden Dramaturgie überzeugte Junghänel den Hörer mit gewohnter Klasse. Auch gesanglich konnten besonders Magdalene Harers reiner, so beglückend ansteckender, fließender Sopran und Manfred Bittners hervorragend tiefer Bass den Beweis dieser Mustergültigkeit locker führen.

Noch stärker und vehementer als Kuhnau spricht gleich Dietrich Buxtehude in Gott, hilf mir durch eine expressive Einleitung und dem anschließendem Ariosovortrag des Basses. In dieser Anlage trat das voluminösere, dramatischere, dennoch runde und elegante, komplexere musikalische Gespür des Lübecker Orgelmeisters hervortritt. Manfred Bittner füllte den ersten Vers dank seiner flexiblen, charmant-dunklen und nicht zu ausschweifend opernhaften Tiefe mit klarster Diktion und einer wirklich be- und gedachten dynamischen sowie differenzierten Ausdrucksstärke. Im Satz Israel, hoffe auf den Herren präsentierte sich das Ensemble sowohl im einheitlich harmonischen Schönklang mit kongruenter instrumentaler Ornamentik und Balance als auch in der Variation von Bass und zwei Sopranen besonders hör- und sichtbar freudig, bei dem Hanna Zumsandes himmlisch rund-strahlender Sopranpart auffiel.

Nicolaus Bruhns, der in Konrad Junghänel einen auffälligen Verfechter hat, gelang in Ich liege und schlafe eine abwechslungsreiche Beschreibung der Trauer im Angesicht des Todes „ganz mit Frieden“ durch das helfende Vertrauen auf Gott. Von piano bis mezzoforte intonierte Cantus Cölln den puristisch getragenen Titelvers, abgelöst von flotterer, dynamisch aufgebrochener Fuge Denn du allein. Während der zweite Part des Lebensendes vom Sopran in bedächtiger, unfragiler, disziplinierter Gewissheit vorgetragen wurde, breitete sich seelige Hoffnung im dritten Teil durch das auf kupferne, sanfte Eleganz bedachte Alt-Tenor-Duett aus, ehe der Bass die glaubensstarke Erlösungszuversicht in ebensolcher Artikulation besang.

Mit Buxtehudes funkelndem und prächtigen Konzert Herzlich lieb hab ich dich, o Herr bakonnte abschließend der Weg ins Paradies beschritten werden, der vom erwartungsvollen, dreiversigen Gebet geebnet ist. Abermals unterschiedliche Ausführungen und Besonderheiten machen diese Komposition reizvoll. Während der erste Vers unter instrumentaler Untermalung schlicht vom Sopran vorgetragen wird, was Magdalene Harer in lobenswerter Exaktheit und Brillanz gelang, brach das fünfstimmige Ensemble mit drastischem Impetus zunächst in der Wahrung vor „falscher Lehr“, später im dritten Vers (dessen Choral Bach als Abschluss seiner Johannespassion wählte) in einem quallosen Ruhen von eindringlicher Chromatik aus. Engelsgleiche Soprane, ein Sopran-Alt-Duett, ein sanftes Quartett sowie eine fünfstimmige Hinführung zum Amen ließen Cantus Cölln in seiner ganzen Klangpracht erstrahlen.

Mit seiner Interpretation lieferte das Ensemble nicht nur eine gern gehörte, barock-österliche Repertoireauffrischung, sondern zuvorderst ein maßgeschneidertes, gewohnt stilsicheres und zu Herzen gehendes Konzerterlebnis.