Wem ist das nicht schon passiert? Eine Konzerteinladung für ein Werk, das man schon unzählige Male gehört hat, zum Beispiel das Vierte Klavierkonzert von Beethoven. „Ach ja, kenne ich: daaa-da-da-da-da-a-da-da-da-a...“ – und im Konzert dann tatsächlich das erwartete Erlebnis: mit minimen Variationen das, was Tausende von Pianisten schon gespielt haben und was auf zahlreichen CD-Aufnahmen in Perfektion verfügbar ist. Alles verläuft in bekannten Bahnen, selbst die Kadenz ist die übliche. Bald schleicht sich Langeweile ein, wenn nicht gar Müdigkeit, die Augen gehen auf Halbmast. Eines ist sicher: nichts davon traf auf diese Interpretation zu – doch der Reihe nach!

Sir John Eliot Gardiner © Sim Canetty Clarke
Sir John Eliot Gardiner
© Sim Canetty Clarke
Sir John Eliot Gardiner eröffnete das Konzert mit einer kleinen Besetzung: In seiner zweiten Serenade färbt Brahms den Streicherklang bewusst bedeckt, indem er die Violinen weglässt. In der Tat, der Klang des verkleinerten Orchestre Révolutionnaire et Romantique war wundervoll weich und wohltuend, blieb stets kammermusikalisch. Das Volumen auf Höhepunkten wurde über kontrollierte Dynamik erzielt, nicht über orchestrale Masse. Der Dirigent wählte ein eher langsames Zeitmaß, der alla breve-Notation zwar noch angemessen, vielleicht an der Grenze zum Andante, aber zugunsten der sorgfältigen, leichten und durchsichtigen Artikulation, der ausgezeichneten Phrasierung, der Gestaltung der Bögen. Gardiner vermied schroffe Übergänge, behielt jederzeit den musikalischen Fluss im Auge.

Erschien der Eingangssatz eher maßvoll im Tempo, so war das nachfolgende Scherzo dafür an der Grenze des Machbaren (zumal auf dem historischen Instrumentarium). Trotzdem blieb die Artikulation leicht, der Charakter humorvoll, wiegend-synkopiert. Den Mittelsatz (Adagio non troppo) nahm Gardiner wieder betont langsam (zu langsam für einen 12/8-Takt?), zugunsten einer sehr sorgfältigen Ausgestaltung, sich Zeit lassend für die Verzierungen und die aufblühenden Bläserkantilenen. Der helle, lebendige Klang der Blasinstrumente, insbesondere der Klarinetten und Naturhörner, vermied das Abgleiten des Satzes ins Düstere; das Quasi Menuetto erfreute mit fröhlich-versonnenem Oboengesang, hielt dabei die Spannung und glitt nie in Gemütlichkeit ab.

Im Zentrum des Interesses stand an diesem Abend selbstredend Kristian Bezuidenhouts Darbietung des G-Dur-Konzerts von Beethoven auf einem Hammerflügel, einer Replik eines Fortepianos von Conrad Graf, doch die Optik und der ungewohnte Klang des Instruments waren noch die geringste der Überraschungen. Schon mit dem ersten Akkord fühlte ich mich in andere Sphären versetzt. Bezuidenhout setzte mit einem Arpeggio an, arpeggierte auch den zweiten Schwerpunkt-Akkord der Einleitungstakte. Dies war keine Marotte des Künstlers und auch keine Eingebung des Augenblicks, sondern bewusst gesetzt.

Kristian Bezuidenhout © Marco Borggreve
Kristian Bezuidenhout
© Marco Borggreve
Im Verlauf des Satzes wurde klar: Bezuidenhout hatte sich nicht nur intensiv mit der Partitur befasst, sondern auch mit deren Realisierung auf dem Hammerflügel. So trafen wir öfters auf Varianten und zusätzliche Verzierungen, und auch der Gebrauch des Arpeggio wiederholte sich gelegentlich. Die Agilität des Instruments übertrifft jene des modernen Flügels bei weitem: Trotz raschen Tempos schaffte es der Pianist, Läufe, Verzierungen und Phrasen zu gestalten, detailliert zu artikulieren. Er nutzte auch eine ungewohnt reiche Agogik und Dynamik sowie den al fresco-Effekt des Haltepedals, spielte weniger auf Eleganz, sondern auf Drama, auf Ausdruck, und nahm dabei keinerlei Rücksicht auf die Konventionen überkommener Interpretationen des letzten Jahrhunderts. Da war keinerlei Nebensächlichkeit auszumachen, nichts war oberflächlich dahergespielt. Auch die erste von Beethovens zwei Kadenzen erklang mit Varianten, ungemein bereichert, alles andere als üblich.

Der langsame Satz erweiterte das Spektrum des Gehörten noch: extrem der Gegensatz zwischen den bewusst schroffen, überpunktierten und lauten Orchestereinwürfen und dem genauso extrem leisen, weichen, bittenden Rezitativ des Solisten. Bezuidenhout vermied alle harten Akkorde, nutzte vielmehr wieder das Arpeggio als Mittel zur Betonung. Und natürlich spielte er wie vorgeschrieben una corda, nutzte womöglich noch zusätzlich den Pianissimo-Moderator. Hier geriet das allmähliche Loslassen des Verschiebungspedals (una corda .. tre corde) fast zum Erweckungserlebnis, so deutlich war der klangliche und dynamische Effekt dieses Pedals.

Ich fand auch das Orchester sehr expressiv, sorgfältig und detailliert in Artikulation und Phrasierung, wenngleich mir unklar war, warum Gardiner auf einen so großen Orchesterapparat setzte. Immerhin hielt er das Klangvolumen durchweg sorgfältig unter Kontrolle, vermied es, das Soloinstrument zuzudecken. Allerdings stieß das Orchester in den Ecksätzen an Grenzen beim Nachvollzug von Bezuidenhouts lebendiger, sprechender Agogik; manchmal schien es, als bräuchten Solist und Orchesterbegleitung noch mehr an Zeit bis zur Realisierung einer Aufführung aus einem Guss.

In Schuberts Fünfter blieb Gardiner beim großen Instrumentarium, ließ die Musiker aber stehend spielen: dies machte die Interpretation zwar lebendig, war aber der Koordination nicht unbedingt förderlich. Dennoch blieb der erste Satz frei schwingend, locker, sprechend, wirkte nicht getrieben. Das Andante con moto war sehr langsam, zugunsten von schön ausgespielten Zweiunddreißigstel-Figuren. Das Menuetto klang für mich ernst, bestimmt, aber ohne Tragik, unterbrochen vom verhaltenen Glücksgefühl im Trio. Übertrieben fand ich hingegen das Tempo im Finalsatz, oftmals fast explosiv. Sicher: entstaubt, aber gelegentlich getrieben, wenn nicht leicht gehetzt, zu schnell für ein stehendes Orchester dieser Größe.

Gesamthaft war es ein faszinierendes Konzert, mit einigen kontroversen Aspekten im Orchester.

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