Lange hat man Mozart in Salzburg nicht mehr so mitreißend erlebt. Mit dem neuen Tito gelingt Neo-Intendant Markus Hinterhäuser ein Coup, der erhoffen lässt, dass sich Salzburg einer neuen goldenen Ära entgegenbewegt.

Mit Spannung wurde die erste Festspielpremiere unter Markus Hinterhäuser erwartet, hatte er doch für Mozarts Tito den russisch-griechischen Ausnahmedirigenten Teodor Currentzis mit seinem musicAeterna Orchester gewinnen können. Vielleicht liegt es auch an dem russischen Gastensemble, dass man sich in den ersten Reihen der Felsenreitschule an diesem Abend mehr wie auf einem Treffen russischer Oligarchen fühlte denn bei einer Festspielpremiere.

Golda Schultz (Vitellia), Marianne Crebassa (sesto) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
Golda Schultz (Vitellia), Marianne Crebassa (sesto)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Schon der Auftritt Currentzis‘ bricht mit Traditionen. Er erscheint mit einer kleinen Taschenlampe, nachdem das gesamte Auditorium in Dunkelheit gehüllt ist und vereitelt so den Begrüßungsapplaus. Nach den ersten Takten ist klar, dass Currentzis und sein Orchester einen herausragenden Abend garantieren werden. Selten hat man Mozart so differenziert und so spannungsgeladen gehört. Currentzis, der Rock’n’roller der Klassikszene, setzt auf starke Akzente, kammermusikalische Intimität und es gelingt ihm Generalpausen bedeutungsvoll auszukosten, ohne dabei ins Ordinäre zu verfallen. Auch die eingebauten Ausschnitte aus der c-Moll Messe und der Maurerischen Trauermusik bringen neues Licht in das Werk und halten den Spannungsbogen über den Abend hinweg hoch.

Marianne Crebassa (Sesto) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
Marianne Crebassa (Sesto)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Sein Ensemble hing ihm an den Lippen und reagierte auf kleinste Hinweise mit brillanter Sinnlichkeit und Feinfühligkeit. Auch der musicaAeterna Chor überzeugte mit exzellenter Balance und einem derartig harmonischen Zusammenklang, dass man meinen könnte, die Sänger hätten ihr Leben lang nichts anderes getan.

Die Produktion von Peter Sellars trifft ebenfalls einen Nerv der Zeit und bringt die Flüchtlingsproblematik sowie den Terror unserer Gegenwart auf die Bühne. Hochpolitisch und mit überaus philosophischen Zwischentönen zeigt Sellars die Probleme von Rassentrennung, Fremdenhass und menschlichem Mitleid auf, wobei es ihm gelingt, dabei nicht allzu pathetisch zu werden. Sellars ruft mit seiner Inszenierung zu mehr Menschlichkeit und einem Miteinander auf, um Terror und Hass keinen Nährboden zu geben. In seiner Darstellung lässt er Titus nach Sestos Anschlag tatsächlich – entgegen dem Original, in dem Titus unbeschadet davonkommt – während des Schlusschors sterben und die Oper wird mit Mozarts Maurerischen Trauermusik düster beendet.

Golda Schultz (Vitellia), Irina Bagina (Choristin) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
Golda Schultz (Vitellia), Irina Bagina (Choristin)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Die Bühne von George Tsypin ist extrem schlicht und zeigt lediglich verschiedene Türme, die offenbar eine Stadt oder Metropole darstellen sollen. Erst lichtumflossen und Reichtum ausstrahlend, sind sie nach der Verschwörung von Krieg und Terror gezeichnet. Mit derartig einfachen Mitteln gelingt dem Produktionsteam eine große Wirkung und es hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor die Nase. Die Kostüme (Robby Duiveman) passen ideal zu den verschiedenen Charakteren und überzeugten ebenfalls durch schlichte Eleganz.

La Clemenza di Tito © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
La Clemenza di Tito
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Auch sängerisch war es ein Fest der Stimmen, allen voran Marianne Crebassa als Sesto. Kaum vorstellbar, dass momentan jemand besser für Rollen dieser Art ist, als die junge Französin mit der schönen beweglichen Mezzostimme.  Mit ihren Arien verleitete sie das Publikum bereits während der Aufführung zu Begeisterungsstürmen. Auch Christina Gansch überzeugte mit schöner, fein geführter Mozartstimme in der Rolle der Servilia. Die Titelrolle des Titus wurde von Russell Thomas stimmstark interpretiert. Sein kräftiger, nobler Tenor überzeugte vor allem in dramatischen Momenten, könnte aber im Piano etwas mehr Finesse vertragen. Die Sopranistin Golda Schultz sang eine klangschöne Vitellia, jedoch ist die Rolle definitiv noch eine Nummer zu groß für die junge Sängerin. Der legendäre Sir Willard White schien fast zu wuchtig für die Rolle des Publio mit seinem majestätisch-profunden Bassbariton. Jeanine De Bique ließ mit beinahe vibratolosem, engelsgleichem Sopran aufhorchen und erinnerte stimmlich teils (ganz abgesehen von optischen Ähnlichkeiten) an die große Shirley Verrett.

Alles in allem eine grandiose Eröffnung des Festspielsommers in Salzburg, der mit dieser Premiere die Hoffnung auf viele großartige Abende nährt.