Leider ließ sich nur ein begrenztes Publikum für Kammermusik ins Opernhaus locken, wodurch sich ein intimerer Rahmen ergab, der den Genuss in keinster Weise gemindert hat. Die zentralen Akteure waren die Musiker der aus dem Monteverdi-Ensembles hervorgegangenen Bläserformation für historische Aufführungspraxis La Scintilla dei Fiati. Die Instrumentalisten unter der Leitung des Oboisten Philipp Mahrenholz platzierten sich im Halbkreis stehend auf dem überdeckten Orchestergraben. Der geschlossene Feuervorhang vor der Bühne garantierte auch akustische Intimität.

La Scintilla dei Fiati © La Scintilla dei Fiati
La Scintilla dei Fiati
© La Scintilla dei Fiati

Die Partitur der aufgeführten Werke sieht an sich keinen Kontrabass vor, aber gerade in der trockenen Akustik des Opernhauses war eine Verstärkung der Basslinie sehr willkommen, da ansonsten das Fundament mit dem etwas näselnden Ton des Barockfagotts eher schmalbrüstig ausgefallen wäre. Davon profitierte als erstes Beethovens Ouvertüre zu Egmont in der Bläserfassung von Friedrich Starke, in welcher der runde, volle Klang des Ensembles den Zuschauerraum wohltuend ausfüllte. Zugleich schien die Musik transparenter als mit dem vollen Orchester. Ungewohnt waren jedoch vor allem die Klangfarben – nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Gewichtung innerhalb des Ensembles, die gelegentlich sogar den Eindruck anderer Harmonien erweckte. Der Klang war doppelt ungewohnt durch das frühklassische Instrumentarium: wohltuend weicher und flexibler im Ton als moderne Blasinstrumente, zugleich anspruchsvoller in Ansprache und Intonation. Bei letzterer erwiesen sich die Musiker als Meister ihres Fachs. Die Tonreinheit war nie ernsthaft gefährdet, dafür erwiesen sich die Naturhörner bei Beethoven als ziemlich widerspenstig, sprachen nicht immer gleich an.

Das ist vermutlich auch dem Komponisten zuzuschreiben, der in den raschen Sätzen seines hochvirtuosen Bläseroktetts, Op.103 keinerlei Rücksicht auf spieltechnische Beschränkungen zu nehmen schien. Er mag dieses wohl letzte Werk aus seinen Bonner Jahren (1792) zwar ausgezeichneten Musikern zugeschrieben haben, aber wesentlich besser können auch jene nicht gewesen sein. Für zusätzliche Farben sorgte bei den Inventionshörnern namentlich die Stopftechnik, welche Tonhöhen außerhalb der Naturtonreihe erst zugänglich macht, dabei den Klang zusätzlich moduliert. Allein durch Stopfen erzeugten die Hornisten erstaunlich virtuose Koloraturen. Die Folgesätze präsentierten vorteilshaft die singenden Qualitäten von Oboe, Klarinette und Fagott – nicht artifiziell, sondern durchaus auch mit menschlichen Unvollkommenheiten, was sie für mich besonders sympathisch machte.

Jonathan Dove Figures in the Garden entstand anlässlich der Mozart-Feiern 1991 im Auftrag des Glyndebourne Festival, als Präambel zu Le nozze di Figaro. Es ist eine Serenade in sieben Sätzen, basierend auf Material aus der Oper. Der Komponist vermeidet es dabei äußerst geschickt, Mozart allzu deutlich zu zitieren, indem er meist kleinste Schnipsel in interessanten „Verkleidungen“ verwendet: vieles ist jazzy, swingend, erinnert dabei durch Aneinanderreihen der Mozart-„Snippets“ gelegentlich an Minimal Art. Dann wandert die Melodie eines Rezitativs durch die Stimmen, worauf bei Ligeti entlehnte Kaskaden ab- und aufsteigender Tonleitern eine langsame, feierliche Hornkantilene begleiten. Dove nutzt alle Möglichkeiten, die das historische Instrumentarium gerade noch zulässt: die Klarinettisten benötigen jeweils drei Instrumente in unterschiedlichen Tonhöhen, die Hornisten wechseln zwischen fünf verschiedenen Stimmbögen. Es ist sehr interessante Musik – äußerst unterhaltsam, virtuos, spielerisch, vielfältig, vertraut, und dennoch neuartig. Die Musiker meistern die beträchtlichen Anforderungen dieses Werks souverän (und jetzt ohne nennenswerte Aussetzer).

In Mozarts c-Moll Serenade c-Moll sorgte wiederum der Kontrabass für einen raumfüllenden Klang, was bei den virtuosen Fagottlinien dieser Komposition keine leichte Aufgabe ist. Auch hier zeigten sich die Qualitäten des Ensembles: eine ausgezeichnete Darbietung, virtuos, oftmals dramatisch und spannungsreich, vor allem im Hauptthema des Eingangssatzes. Das Andante gefiel mit weichen Melodielinien, das Menuett mit seiner launisch-polyphonen Spielerei. Erstaunlich, wie gut die historischen Oboen die Stimmung scheinbar mühelos über einen weiten dynamischen Bereich halten konnten, dabei aber immer ein „menschliches Maß an Flexibilität“ behielten. Die Artikulation war stets leicht, das Klangbild transparent. Der 26-jährige Mozart wusste sehr wohl, was gute Musiker seiner Zeit leisteten, und er hat seine Partitur darauf zugeschnitten – nicht aus Rücksicht auf die Musiker, sondern weil er sicherstellen wollte, dass die Musik eine adäquate Wirkung entfaltete, sich die Instrumentalisten aber zugleich in einem guten Licht präsentieren konnten. Die fantasievollen Variationen des Schlusssatzes mit seinem munteren Kehraus boten bestimmt eine ausgezeichnete Gelegenheit dazu!

Als Zugabe kündigte Philipp Mahrenholz ein Stück an, das, in der Tat, jedermann sicher erkennen würde: Là ci darem la mano aus Josef Triebensees Harmoniemusik nach Mozarts Don Giovanni – weit mehr als ein süßes Betthupferl.