Für ihn gehe es nicht um Melodie, sondern darum, immer wieder eine andere Form von Antennen im Hörer zu schaffen, sagte der Komponist Helmut Lachenmann letztes Jahr in einem Interview. Auch 35 Jahre nach ihrem Entstehen ist seine Komposition Mouvement (– vor der Erstarrung) ein irritierendes Stück, welches unvorbereitete Zuhörer zornig aus dem Saal jagt. Lachenmanns kreatives Suchen nach Formen von Reflektion stellt die Erwartungshaltung vieler Konzertgänger radikal in Frage. Dabei kann für deutschen Komponisten „Kunst ruhig Idylle sein, aber reflektierte Idylle!“

François-Xavier Roth © Marco Borggreve
François-Xavier Roth
© Marco Borggreve

Franz-Xavier Roth gründete 2003 Les Siècles mit dem Anspruch, ein Orchester des 21. Jahrhunderts auf die Beine zu stellen. Seine Musiker kombinieren das Spiel auf modernen Instrumenten mit der Beherrschung ihrer bis zu 300 Jahre alten Vorgänger, um das jeweilige Repertoire so akkurat wie möglich interpretieren zu können. Mozarts Symphonie Nr. 39 in Es Dur, KV543 klang mit 31 Streichern, die auf Darmsaiten spielten sehr schlank. Die kürzeren klassischen Bögen erlaubten eine deutlichere Artikulation, was die Phrasierungen spritzig und lebendig machte. Ein noch größerer Unterschied zum heutigen Instrumentarium bildeten die Bläser. Die klassischen Trompeten erinnerten äußerlich mehr an kleine Posaunen und auch Flöte, Klarinetten und Fagotte hatten einen radikal anderen Klang als man es von heutigen Orchestern gewohnt ist. Dieser Mozart wurde so zu einem neuartigen Hörerlebnis. Vor allem der nahtlose Übergang von Streicher- zu Bläsereinsätzen war frappant und machte Mozarts Meisterwerk homogener. Die Melodielinien wurden miteinander verwoben anstatt einander wie beim heutigen Instrumentarium zu kontrastieren. So ergaben sich ganz neue Perspektiven und Mozarts 1788 komponiertes Werk klang frisch und modern. Nach dieser Einleitung war es nur logisch, hierauf ein zeitgenössisches Werk folgen zu lassen.

Sein 1984 vollendetes Stück beschreibt Lachenmann folgendermaßen: „Die inszenierten Stadien des Werks, von der ‚Arco-Maschine‘ über ‚flatternde Orgelpunkte‘, ‚Zitterfelder‘ und ‚gestoppte Rasereien‘ bis zum geklopften ‚Lieben Augustin‘...machen die leere Stofflichkeit der beschworenen Mittel (auch der abstrakten, zum Beispiel intervallischen) bewusst als Kontrapunkt zu deren gewohnter, inhaltslos gewordener Expressivität.“ Das führte in der Interpretation der nun auf modernen Instrumenten spielenden Ensemblemitglieder zu mitreißenden Musikminuten. In den drei Teilen lässt Lachenmann alle zeitgenössischen Klangproduktionsarten Revue passieren: von elektronischen Klängen übers Klopfen auf diverse Teile der Instrumente bis zum tonlosen Blasen und Streichen auf Stachel oder Steg. In den sehr leisen Passagen war auch das Publikum ungewollt Teil der Aufführung: die sich langsam entfernenden Stöckelschuhe einer den Saal verlassenden Dame erinnerten an La Jalousie von Heiner Goebbels. Im letzten Teil kam ein Sturm auf, der sich zu einem Inferno aus Pferdegetrappel und Maschinengewehrsalven steigerte. Kurz darauf ergänzte ein Schnarchgeräusch aus dem Publikum das kaum hörbare Streichen auf den Wirbelkästen der Celli. Und trotzdem konnte man sich eine atemberaubendere Aufführung dieses Schlüsselwerkes des 20. Jahrhunderts nicht wünschen. Es war eine Freude, den konzentriert spielenden Musikern zuzusehen. in ihrem Streben Lachenmanns Phantasie umzusetzen: “die vor empfundener Bedrohung alle expressiven Utopien aufgibt und wie ein Käfer, auf dem Rücken zappelnd, erworbene Mechanismen im Leerlauf weiter betätigt, deren Anatomie und zugleich deren Vergeblichkeit erkennend und in solchem Erkennen Neuanfänge suchend …“.

Die „Jupiter”-Symphonie konnte die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Roth dirigierte tänzerisch und gab in den schnellen Sätzen jeden Einsatz. Selbst Verzierungen formte er mit seinen Händen. Er erinnerte teilweise an einen Fußballtrainer, der seine Mannschaft ungeduldig gestikulierend anspornt. Obwohl die Musiker von Les Siècles noch immer virtuos spielten, war ihre Interpretation nicht mehr so mitreißend. Zu gleichförmig und vorhersehbar war die Musik im Vergleich zu Lachenmanns Abenteuerreise vor der Pause. Die von Lachenmann so geschärften Ohren nahmen nun auch umso besser wahr, wie einzelne Stimmen nicht mehr in Balance waren. Flöte und Bratschen waren oft nicht zu hören und erinnerten so unfreiwillig an ihre Kollegen im Lachenmann mit ihren modernen Spieltechniken. Die große Frage blieb bis zum Ende unbeantwortet: welche Antworten konnte eine zweite Mozart Symphonie dem inzwischen wachgerüttelten Publikum bieten? Ein weiterer Mozart, den Roth zum Abschluss dem anwesenden Lachenmann widmete brachte schwungvoll und mit Verve musiziert zumindest die Musizierlust wieder ans Licht.

Roth und Les Siècles machten mit diesem Programm meisterhaft deutlich, wie man Hörgewohnheiten aufbrechen kann. Ein konsequenter nächster Schritt könnte zu wirklich neuen Konzertformen führen, in denen sich aufregende Musik wie die von Lachenmann nicht mehr zwischen zwei Mozart Symphonien zu verstecken braucht.

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