Eine Massenvergewaltigung, zwei Morde, etliche Peitschenhiebe, ekstatischer Sex und Selbstmord als krönender Abschluss, die Handlung von Dmitrij Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk, die auf der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow basiert, ist in ihrem brutalen Realismus wahrlich nichts für Zartbesaitete. Genau diese offene Darstellung von Sex und Gewalt, gepaart mit der machtvollen, oft expressionistischen Musik war es auch, die dem Werk trotz des anfänglich großen Erfolgs zum Verhängnis wurde.

Angela Denoke (Katerina Ismailowa) und Misha Didyk (Sergej) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Angela Denoke (Katerina Ismailowa) und Misha Didyk (Sergej)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Lange Jahre stand Schostakowitschs Oper nämlich auf der Verbotsliste der Sowjetunion, eine Partiturabschrift der Urfassung gelangte erst 1980 in den Westen, zuvor wurde gelegentlich eine stark entschärfte und musikalisch geglättete Fassung mit dem Titel Katerina Ismailowa gezeigt. Ausgegangen ist diese Zensur wohl von Stalin persönlich, der 1936, zwei Jahre nach der Uraufführung, eine Vorstellung des Werkes noch vor deren Ende verließ. Kurz danach erschien unter dem Titel „Chaos statt Musik“ ein vernichtender Artikel, in dem die Oper als abstrakt-formalistisch und dekadent verdammt wurde, woraufhin sie von der Bildfläche verschwand. 

Als Anspielung auf diese politische Einflussnahme platziert Matthias Hartmann in seiner Inszenierung eine umgestürzte Büste Stalins auf der Bühne. Abgesehen davon bleibt Hartmann sehr nahe an der Geschichte, erzählt sie geradlinig, ohne sie neu zu deuten. Ein fast leerer Raum mit verblichenem Parkettboden, wenige Requisiten und als zentraler Ort immer wieder ein Bett – in diesem reduzierten Bühnenbild entfaltet sich das Drama, durch raffinierte Lichtregie unterstützt, in starken Bildern und ohne offensichtliche Brutalität und Provokation; Sex und Gewalt bleiben meist nur angedeutet. Schostakowitschs Musik spricht ohnehin eine so klare Sprache, dass es keiner zusätzlichen szenischen Darstellung bedarf.

Am Pult des Staatsopernorchesters leistete Dirigent Ingo Metzmacher einen entscheidenden Beitrag zur dichten Spannung des Abends, da er einerseits die schnörkellose Realistik und expressive Brutalität der Partitur voll auslotete, und andererseits Katerinas Passagen mit viel lyrischer Sanftheit gestaltete. Das ständige Pendeln zwischen rasender Ekstase, Melancholie und tiefer Zuneigung führte die starken Leidenschaften der Hauptfiguren beeindruckend vor Ohren. Metzmacher achtete darauf, die Sänger hinsichtlich der Lautstärke nie in Bedrängnis zu bringen, in den Orchesterzwischenspielen hingegen kostete er die Dynamik voll aus, forderte von den Bläsern im Forte immer wieder peitschende Tempi, ließ an anderen Stellen die Streicher im Pianissimo bedrohlich brodeln. Zu jedem Zeitpunkt wurden die Ereignisse allein aus der Musik heraus deutlich. Diese Umsetzung der starken Bildhaftigkeit der Musik war es auch, die für gewaltige Ausdrucksstärke sorgte und dabei die Handlung nicht bloß begleitete, sondern die Gefühle und Abgründe der Figuren ungeschönt offenbarte.

Ohne Ouvertüre führt uns Schostakowitsch in die Welt von Katerina Ismailowa, die wahrlich keine besonders schöne ist. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend ist Katerina mit einem Langweiler verheiratet, unbefriedigt und wird zu allem Überfluss vom Schwiegervater tyrannisiert. Beeindruckend brachte Angela Denoke die Wandlung vom gelangweilten Mädchen hin zur Frau, die für ihre Liebe über Leichen geht und schließlich durchdreht, als sie sich vom Liebhaber verraten sieht, auf die Bühne. Während man zunächst die Langeweile und Traurigkeit in Denokes Interpretation deutlich hören konnte, loderte danach von Szene zu Szene mehr Leidenschaft auf.

Kurt Rydl (Boris Ismailow) und Angela Denoke (Katerina Ismailowa) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Kurt Rydl (Boris Ismailow) und Angela Denoke (Katerina Ismailowa)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Bei aller Dramatik blieb Denokes kristallklare Stimme selbst in höchsten Höhen und bei tragischen Ausbrüchen von enormer Klangschönheit und wurde nie schrill oder schneidend. Packend waren vor allem die Szenen des Aufbegehrens; eindringlich gestaltete sie auch Katerinas Wahnvorstellungen, wobei das gläserne Timbre ihrer Stimme vor allem im Schlussbild besonders schön zur Geltung kam, in dem sie die letzte Arie mit großer Intimität in einem entrückten Moment darstellte. Diese Katerina Ismailowa ist weniger ein Opfer ihrer Umgebung als ihrer eigenen Abgründe, die sie mit ihrem Gewissen schlussendlich nicht mehr vereinbaren kann.

Weitaus weniger Gewissensbisse hat dagegen ihr Liebhaber Sergej. Misha Didyk präsentierte den Frauenhelden als skrupellosen Zyniker, der sich nimmt, was oder wen er gerade will. Kraftvoll und durchschlagskräftig interpretierte er die Rolle mehr als hinterhältigen Opportunisten denn als animalischen Rohling. Etwas mehr Erotik hätte der Darstellung jedoch für meinen Geschmack nicht geschadet. Obwohl Didyks hell timbrierte Stimme über beeindruckende Höhen und satte Farben verfügt und er ausdrucksstark spielte, stand sein Sergej doch im Schatten der zweiten männlichen Hauptfigur, denn die ersten beiden Akte wurden klar von Kurt Rydl dominiert.

Er zeichnete Boris Ismailow stimmgewaltig als polternden, widerwärtigen Wüstling, der keine Gelegenheit auslässt, seiner Schwiegertochter nachzustellen oder sie zu demütigen. Durch sein dunkles Timbre und seine starke Bühnenpräsenz wirkte er dabei so bedrohlich und unsympathisch, dass man nicht anders konnte, als sich zu freuen, als Katerina ihm schließlich Rattengift unter seine Pilze mischte. Gleichzeitig war es aber auch ein Hochgenuss, dem sonor strömenden Bass zuzuhören, der sogar in der Szene des Todeskampfes bis zum letzten Atemzug stimmlich prägnant und beeindruckend wortdeutlich blieb.

Schostakowitschs Oper bietet von Anfang bis Ende fesselndes Musiktheater, das an diesem Abend von den durchweg gut besetzten Nebenrollen und einem präzise singenden Chor abgerundet wurde, der besonders im Schlussbild starke Emotionen vermittelte.

Wer einen zugegebenermaßen nicht leicht verdaulichen, aber musikalisch überwältigenden Abend erleben will, sollte ihn mit dieser Lady Macbeth von Mzensk verbringen!