Lang Lang ist ein vielbeschäftigter Mann. Sein Konzert am Donnerstag in München musste er absagen, weil er kurzfristig nach Mailand zur Expo-Eröffnung beordert wurde. Am Samstag wird er in Frankfurt spielen und am Montag in Florenz. Davor hat er am Freitag in der Münchener Philharmonie haltgemacht, um mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Andris Nelsons Tschaikowskys Erstes Klavierkonzert zu spielen. Dass Lang Lang bei all den Terminen erst mal richtig ankommen musste, ist seinem Spiel durchaus anzuhören.

Lang Lang © Harald Hoffmann | Sony Classical
Lang Lang
© Harald Hoffmann | Sony Classical
Tschaikowskys Konzert für Klavier und Orchester in b-Moll ist das meist eingespielte Klavierkonzert aller Zeiten, was vor allem an der majestätischen und markanten Eröffnung des Orchesters und des Klaviers liegt. Neben den wuchtigen Akkordtürmen bietet aber bereits der erste Satz neben lyrischen Themen in schlichtem Liedcharakter auch virtuos anspruchsvollste Orchesterimitationen, die in traumhaften Kadenzen münden. Tschaikowskys Mentor Nikolaj Rubinstein gab dem Konzert bei einer privaten Präsentation 1874 keine großen Erfolgschancen. Dennoch schickte der Komponist das Konzert unverändert an Hans von Bülow, der dieses mit Freude aufführte und so den Grundstein für seine heutige Beliebtheit legte. Auch Rubinstein änderte schließlich seine Meinung zu dem Werk.

Lang Langs Tempowahl war sehr frei. So begann er die Eingangsakkorde recht flott, bremste sie am Ende des Themas allerdings wieder ab, doch Andris Nelsons führte Solist und Orchester dennoch mit großer Genauigkeit zusammen. Wenngleich Lang Lang mit den gewohnten Showeinlagen den pathetischen Beginn choreografiert hatte, schaffte er es dennoch nicht, die gebotene Wuchtigkeit auf das Klavier zu übertragen. Die pianistische Eröffnung kam so eher als Echo auf das Orchester daher, und das Forte klang als wäre die Handbremse noch angezogen.

Erst in seinen Solopassagen begann Lang Lang, sein Klavierspiel auszubreiten. Mit rasanten Läufen und Akkordblöcken über die gesamte Klaviatur verließ er den „sicheren Weg“ und spielte grandios. So führte er auf den Höhepunkt des Abends, den zweiten Satz hin. Traumtänzerisch wandelte er hier durch die lyrisch schönen Melodien mit einem variablen und weichen Anschlag, den er bis zu einem kaum wahrnehmbaren Pianissimo führte. Den dritten Satz beendete er dann ganz im Einklang mit dem Orchester, dessen charakteristische Themen er präzise imitierte, nicht als schlappes Echo, sondern als vehementen Gegenpart.

Schostakowitsch musste auf die Uraufführung seiner Symphonie Nr. 4 ein Vierteljahrhundert warten. Ihre Entstehung fällt in die Zeit kurz nach dem Erscheinen des von Stalin initiierten, vernichtenden Artikels „Chaos statt Musik“ in der russischen Tageszeitung Prawda. Gerade diese Symphonie ist ein beeindruckendes Dokument über Schostakowitschs ungebrochenen Willen, seine Musik zu schreiben, sollte es ihn auch sein Leben kosten.

Andris Nelsons © Marco Borggreve
Andris Nelsons
© Marco Borggreve
Mit einem ausladenden Orchesterapparat bietet das Werk die wohl intensivsten Einblicke in das musikalische Schaffen Schostakowitschs. Stampfend repetierende Motive, die bis zu ohrenbetäubenden Höhepunkten geführt werden, Walzersequenzen, die sich zu brachialen Triumphmärschen wandeln und im starken Gegensatz dazu knapp instrumentierte Passagen machen das Werk zu einer der beeindruckendsten Symphonien des 20. Jahrhunderts.

Andris Nelsons dirigierte mit messerscharfer Präzision jeden einzelnen Einsatz und jede Akzentuierung. Dadurch wirkte er der Gefahr entgegen, bei den sich wiederholenden Motiven Monotonie entstehen zu lassen. Eindringlich leitete er das Orchester zu den Höhepunkten, die Nelsons mit einem gut gewählten, langsamen Tempo unnachgiebig entwickelte und die Musiker dabei zu Höchstleistungen anspornte.

Den strahlenden Triumphpassagen stellte Nelsons die dissonanten Streicherabschnitte in rigoroser Weise entgegen und verbannte somit dankenswerterweise jegliche Gefühlsduselei aus dem Werk. Das Orchester übernahm diese Interpretation ebenfalls in den kammermusikalischen Soloteilen, bei denen vor allem das Fagottsolo im letzten Satz mit scheinbarer Sorglosigkeit und im Zusammenspiel mit den Piccoloflöten eine tänzerische Walzersequenz einleitete. Nelsons schloss das Werk nach einem letzten Aufbäumen schließlich mit einem sehr genau ausgearbeiteten und beeindruckend eindringlichem Pianissimo ab. Seine Interpretation machte deutlich, dass dieses Werk auf keinen Fall versöhnlich ist.

Die zwei Weltstars bewiesen einmal mehr ihr musikalisches Können bei diesem Konzert in München, bei dem Andris Nelsons mit seiner unglaublichen Präzision und seinem unermüdlichen Arbeiten der wahre Star des Abends war.