Vermutlich seit der Schule verbindet man mit dem berühmten Motiv der Fortissimo-Schläge Beethovens fünfter Sinfonie das althergebrachte Erklärungsmuster des an die Tür klopfenden Schicksals ob seiner Taubheit. Auch wenn es keine Übersetzung dieser Musik ohne Worte vom Komponisten selbst gibt, so ist eine Herleitung seit der historischen Aufführungspraxis zumindest belegbar.

François-Xavier Roth © Marco Borggreve
François-Xavier Roth
© Marco Borggreve
Und sie ist politisch, bei Beethoven genauso emotional und neu wie in seinem anderen Œuvre (und hier passt Napoleons Ausspruch: „Die Politik ist das Schicksal“). Diesem Ansatz und der zeitlichen Spurensuche gingen die Interpreten um François-Xavier Roth beim Beethovenfest nicht nur mit der Wahl der Instrumente und der programmatischen Einbettung nach und von Frankreich kommend historisch, sondern außerdem ganz aktuell zusätzlich nach, als sich die Méhul zugeschriebene Messe solennelle vor der Aufführung sensationell als Komposition von Franz Xaver Kleinheinz herausstellte, der zu Beethovens Bekanntschaft zählte. Und damit dem immer noch wenig Bekannten, verlor zumindest Méhul als Komponist seinen Ruhm unter Napoleon wie die für sie stehende Revolution selbst. Comme approprié!

Von dem revolutionären Geist aber spürte man gleich einiges in seiner Overtüre zur Oper Les Amazons, die in seinem eindeutig französischen Klangbild steckte. Mit fast berstend-militärischer Donner-Pauke und über-fulminant hereinprustendem Blech arbeitete Roth mit seinem Originalklangkörper Les Siècles den ersten Adagio-Teil als stimmungsvollen, attackereitenden Aufgalopp heraus. Die wirkmächtigen Fortissimo-Akzent-Akkorde standen im Kontrast zu den kräftigen, langen Bögen der Streicher, die mit tiefartikulierter Fülle das dicht-homogene aber transparente, melodische Klangfeld sondierten. Von ihrer feingliedrigen Seite konnten sie sich im kompositionstechnisch üblichen Gegenstück zeigen, in dem statt wuchtigen Zunders eine ruhige, apparte Cavantine ihren Platz hatte. Mit den anfänglichen Attacke-Akkorden vollzog sich der fließende Übergang in die ziemlich flinke Allegretto-Hälfte, in der diese Motivlage übernommen und verarbeitet wurde. Die rhythmischen Streicher fertigten die Wechsel aus tremolo-walzender Kampfeslust und punktiertem Charme in einheitlicher Geläufigkeit und Spannung; eine energische Auferstehung ungehörten Méhuls.

In diesem Fahrwasser befand sich auch Beethovens Fünfte, die mit dem vielmehr nämlich von Luigi Cherubinis Hymne du Panthéon verwerteten Thema und einer vom kämpferischen Triumph durchzogenen Sprache von seiner trotzigen und überzeugten Auseinandersetzung mit der französischen Revolution und ihren Zielen erzählt. Mit wunderbar exakten, typisch französisch eingefärbten drahtig-sehnigen Streichinstrumenten ging der kernige Schwung jedoch zunächst merkwürdigerweise etwas verloren. Als hätte man leise Kritik an unterrepräsentierten Holzbläsern und dem starken Blech gehört, agierte das Ensemble zurückhaltender, dafür balancierter. Mit weicherer Attitüde, vor allem beim nun hörbaren Holz, und nicht so radikaler Gangart in Sachen Tempo, Dynamik und Artikulation war Roths Interpretation vielleicht eher an den österreichischen Verhältnissen angelehnt. Nichtsdestotrotz warteten die Hörner mit gewetzten Akzenteinwürfen auf. Im ersten Satz überraschte der Dirigent zudem mit einer Generalpause vor der jeweiligen Wiederholung des berühmten Motivabschnitts.

Doch mit dem Andante con moto fühlte man sich beinahe wieder an den vorherigen Méhul erinnert, spiegelt der Satz die idyllische (hier nun wienerisch-tänzerische) Beruhigung nach der Entrüstung und das gleichzeitige, abermals vom Marche triomphale unterbrochene politische Feuer. In dankbarer Ausnutzung der dynamischen Bandbreite unterlegte Les Siècles diese spannenden Überleitungen einerseits mit schreitender Galanz, klarer Flöte und melodischer Spielerei des Fagotts, andererseits mit angespitzten Trompeten und laut wirbelnden Pauken. Den nun endgültigen, nötigen Élan terrible versprühten sie nach Beethovens ungewöhnlich umgedrehten Meneuett-Trio, das Roth zurück an den ersten Satz anpasste, im feierlichen, aufgedrehten Finale. Prunkvoll voluminöse Bleche und Pauken, das links vorne neben den Bässen sitzende Kontrafagott, die Piccoloflöte und die steuernden Streicher-Antreiber machten es zu einer markant-würdigen, ausgelassenen Hymne, die vor der Schlusscoda leider kurz von Verspielern der Fagotte und Hörner getrübt wurde.

Dem Umstand der neu entdeckten Geschichte der großen Messe geschuldet blieb man nach der Pause im französisch-österreichischen Musikgeflecht zwischen Méhul und Beethoven. Musikalisch getrennt waren nicht nur strukturell die Einsätze von Chor und Solisten, sondern auch Kleinheinz' österreichische Rhythmik und Melodik à la Haydn, die gleich im Kyrie auffällig an Méhuls Autorenschaft zweifeln lassen müsste, von der einstudierten französischen Aussprache des Lateinischen. Mit einigen merkwürdigen Abschlüssen wie dem solistischen „eleison“ im Christe oder dem Schlussakkord des Dona blieb Kleinheinz' Werk aber in Erinnerung, in die es dank Les Siècles, François-Xavier Roth, dem von Hervé Niquet superb einstudierten Vlaams Radio Koor und den Solisten erstmals gekommen ist.

Ließen das Gloria mit seinem Tremolo-Gewitter und das spritzig-schnelle Quoniam mit hohem Sopran in Dynamik, Farbe und Ausformung an Beethovens Missa solemnis erinnern, hatten recht unorthodoxe Sätze wie das erst lieblich dahinströmende und dann fortissimo schreiende Sanctus beziehungsweise Pleni sunt coeli, gefolgt von einem schunkelnden Osanna, ein marschierend-tänzerisches Benedictus sowie das eigentlich klassisch fugierte Dona mit kühnen harmonischen und dramatischen Elementen ihren eigenen Reiz aus Vermischung alter und neuer Stile. Die Messe schmückten der Chor mit seiner Klarheit und Strahlkraft, die sich eins zu eins mit der Art und Farbe der Streicher deckte, sowie die Solisten Chantal Santon, Caroline Meng, Artavazd Sargsyan und Tomislav Lavoie mit ihrer gut zusammenpassenden, gleichtimbrierten Stimmmentalität aus nicht überladender, maßgesteuerter, balancierter Forschheit, Jeunesse und Routine.

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