Als im vergangenen September die Staatsoper Hamburg in ihre erste Spielzeit unter neuer künstlerischer und musikalischer Leitung von Georges Delnon und Kent Nagano startete, hatte man sich mit Hector Berlioz' äußerst selten gespielter großer Oper Les Troyens offenbar gleich eine äußerst ehrgeizige Aufgabe gestellt: Anstelle eines Erfolgsgaranten der Operntradition à la Webers Freischütz wählte man also eine große französische Oper mit einer sehr eigenen Lesart des antiken Sagenkreises um den Untergang des legendären Trojas.

Catherine Naglestad (Cassandre) © Hans Jörg Michel | Staatsoper Hamburg
Catherine Naglestad (Cassandre)
© Hans Jörg Michel | Staatsoper Hamburg

Die neue Intendanz scheint auf den Charme des Unbekannten, den Reiz des Neuen zu setzen und hofft, damit verbunden ein jüngeres Klassikpublikum für sich gewinnen zu können. Die seinerzeit begeisterten Reaktionen des Hamburger Publikums schienen dieser neuen Entwicklung recht zu geben. Insbesondere Naganos hervorragende Arbeit mit „seinem“ Philharmonischen Staatsorchester wurde vielfach gelobt – manch ein Rezensent jubelte gar, der Hörer habe das Gefühl, ein völlig neues Orchester vor sich zu haben.

Dieser Eindruck bewahrheitete sich auch am vergangenen Mittwoch, als Les Troyens zum nunmehr vorletzten Mal in dieser Spielzeit auf die Bühne gebracht wurde: Kent Nagano lotste das Orchester mit schlichtem, streckenweise nahezu minimalistischem Dirigat durch Berlioz' mit großer Besetzung ausgestattete Partitur. Es war eine Freude, die fein aufeinander abgestimmten Holzbläser und die mit Finesse aufspielenden Streicher zu verfolgen; das Blech überzeugte mit Strahlkraft und andernorts mit schaurig abgedunkelten Klängen. So entwickelte sich eine fein ausgearbeitete musikalische Kulisse, die dem zahlreichen Solistenensemble wie dem groß aufgestellten Chor der Staatsoper Hamburg eine ideale Grundlage schuf. Letzterer wartete zwar mit sattem Klang auf, passte aber leider nicht immer gänzlich exakt zum Orchester und musste von Nagano gelegentlich mit großer Geste in das instrumentale Fundament eingebettet werden.

Elena Zhidkova (Didon) und Chor © Hans Jörg Michel | Staatsoper Hamburg
Elena Zhidkova (Didon) und Chor
© Hans Jörg Michel | Staatsoper Hamburg
Im Großen und Ganzen einwandfrei zeigten sich die in großer Zahl besetzten Solisten, wobei insbesondere die beiden großen Frauenrollen begeistern konnten. Die amerikanische Sopranistin Catherine Naglestad bildete die tragende Säule für die erste Hälfte der Oper. Als Seherin Cassandre gemahnte sie dabei immer wieder an den bevorstehenden Untergang Trojas und beeindruckte erwartungsgemäß mit einem charakterstarken Vortrag sowie hochdramatischem Gesang. Packend stellte sie vor allem den Schluss des ersten Teils dar, in welchem Cassandre sich selbst tötet und ebenfalls die Frauen Trojas von einem kollektiven Selbstmord überzeugt, um in Freiheit zu sterben und nicht den plündernden Griechen in die Hände zu fallen.

Als Gegenpart dazu präsentierte sich im zweiten Teil die Rolle der Didon, gesungen von der Bayreuth-erprobten Elena Zhidkova. Mit ihrem lyrischen Mezzosopran gab Zhidkova eine zarte und sensible Interpretation der afrikanischen Königin, die sich in den aus Troja geflohenen Enée verliebt und nach dessen abermaliger Abreise in Richtung Italien ebenfalls den Freitod wählt. Herausragend war Zhidkovas Gesang im Liebesduett, das sie gemeinsam mit Marcello Giordani als Enée gestaltete. Dagegen fiel leider Giordanis Leistung deutlich ab und konnte nicht gänzlich überzeugen, da er seine mitunter fehlende stimmliche Strahlkraft durch enorme Stärke wettzumachen versuchte, was mit einem teils extremen einherging. Überragend präsentierte sich hingegen Dovlet Nurgeldiyev in der wohl kleinsten Männerrolle der gesamten Oper. Als heimwehkranker Matrose Hylas besang er mit seinem weichen und jeder Höhe problemlos gewachsenen Tenor sehnsuchtsvoll die verlorene Heimat Troja und benötigte nur die wenigen Minuten seiner Arie, um den Hörer restlos in seinen Bann zu ziehen.

Die enorme Zuspitzung auf die einzelnen Charaktere der Oper und ihre jeweilige Entwicklung wird durch die schlichte Inszenierung des Theaterregisseurs Michael Thalheimer hervorgerufen. Dessen Bühnenbildner Olaf Altmann setzt auf einen gänzlich geschlossenen Raum aus Holz, der einzig an der Rückwand mit einer sich um die eigene Achse drehenden Wand ausgestattet ist. Durch diese wie ein Tor wirkende Öffnung erfolgen sämtliche Auf- und Abtritte. Beeindruckend gestaltete sich mithilfe dieser Wand aber auch beispielsweise die finale Schlacht um Troja: Literweise Theaterblut ergoss sich an dieser Stelle auf die sich drehende Holzfläche und tropfte in leuchtendem Rot auf die Bühne, die Protagonisten sowie den Chor nieder. Eine plakative Inszenierung? Vielleicht, aber zugleich ungeheuer ausdrucksstark!

Catherine Naglestad (Cassandre) und Chor © Hans Jörg Michel | Staatsoper Hamburg
Catherine Naglestad (Cassandre) und Chor
© Hans Jörg Michel | Staatsoper Hamburg

Aufgrund eines ansonsten fast gänzlichen Verzichts auf Requisiten wurde so ein klares, puristisches Gesamtbild erreicht, das die Musik für sich sprechen ließ. Hier lenkte den Zuhörer nichts von der seltener gespielten und eben daher so wenig bekannten wie farbig instrumentierten Komposition Hector Berlioz' ab, sondern rückte diese vielmehr nachdrücklich in den Mittelpunkt. So stellt die Aufnahme dieser Oper in das Repertoire der Staatsoper Hamburg zweifelsfrei eine spannende Bereicherung dar – und abschließend bleibt zu hoffen, dass Kent Nagano und Georges Delnon sich diesen innovativen Zugriff auch in den kommenden Spielzeiten bewahren können.

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