Die Früchte der kreativen Zusammenarbeit zwischen Giovanni Antoninis Ensemble Il Giardino Armonico und Violinvirtuosin Isabelle Faust sollten sich eigentlich beim Barock-Menü im Kerzenschein der Philharmonie Essen hören lassen. Nach Mozart kapriziert sie sich nämlich diesmal auf Pietro Antonio Locatelli mit fast zwangsweise beigemischtem Antonio Vivaldi, um das immer weiterreichende historisch-informierte Können der Solistin in Folge verlockend zubereiteter musikalischer Hauptspeisen für die Geige aufzutischen. Fausts Absage wegen ihres positiven COVID-19-Tests zwei Tage vor dem Konzert stieß allerdings bitter auf, sorgte gleichfalls aber dafür, dass der Dirigent – wie ohne Corona-Einschränkungen ursprünglich geplant – im absoluten Klassiker RV 443 selbst solistisch in Erscheinung treten konnte.

Giovanni Antonini © Marco Borggreve
Giovanni Antonini
© Marco Borggreve

Gewiss weist Locatellis Œuvre, von dem meistens nur das besinnliche, sogenannte Weihnachtskonzert einem größeren Spektrum bekannt ist, einen eher kleinen Umfang auf. Umso größer sind dafür aber seine Fortentwicklungen und Maßstäbe praktizierten Virtuosentums. Als angesehener Violinist und Pädagoge von hoher Wildheit, Eitelkeit und Leuchtkraft kannte er Vivaldis Werke, die unter anderem auch in seiner späteren Wahlheimat Amsterdam erschienen, ziemlich genau. Eines davon ist wahrscheinlich RV 580, bei dem gleich vier Solisten nebst mitkonzertierenden Bratschen und Paolo Beschis Cello zu Bogen und Griffbrett greifen. Konzertmeister Stefano Barneschi, Stellvertreterin Liana Mosca, Boris Begelman und Francesco Colletti pfefferten den Gang im ersten Allegro mit selbstbewusst expulsiver Note, wobei sie sich vom hinreißendsten Pianissimo bis zum bombastischen Forte als munter köchelnde Derwische an ihren Geigen erwiesen. Das Ensemble würzte in weichen wie knackigen Tutti-Melodie-Kontrasten nach, ehe süße Zärtlichkeiten, stringent auffallende Violafarben und ein kribbeliger Continuo-Sprudel im Mittelsatz Platz fanden. Auch wenn im finalen Allegro an kurzer Stelle der entfachte Enthusiasmus bei den Solisten zu minimalsten intonatorischen Unschärfen führte, rauschte der Satz in überspringender Verve durch Magen und Ohren.

Die klingelten wiederum, als nach Antoninis in Fleisch und Blut übergegangenen Finger-, Zungen- und Atemfertigkeiten im Sopranino-Konzert geklingelt worden war. Gelangen ihm im Kopf-Allegro alle Läufe in größter Klarheit, bestachen wahnsinnig wuselig-filigrane Ornamentik, gezogen-geleitete Haltetöne, Rubati-, weitere Agogik- und Spiccato-Elemente, überdrehte er ganz kurz bei einigen fingerbrecherischen Toppings der zweiten Schnellstufe, ohne dem baffen Erstaunen ob seines bewährt Energie erzeugenden Beherrschens der Blockflöte einen Abbruch zu tun. Stets drang ein sich ernstlich bewusst gemachtes Glück aus allen Poren, überhaupt – einen Tag, bevor die Heimat Mailand zum Risikogebiet erklärt wurde – spielen zu dürfen. Im freieren Largo gestaltete Antonini letztlich den Vivaldi-Grundspiegel zu einem Ritus, bei dem ein Meister am Flautino-Herd stand, der in den Vorschlägen, einschneidenden Improvisationen und glatten, langen Signalglocken Züge eines versunkenen Beschwörers trug.

Der abendliche Aperitif wurde dabei vorher mit eben Locatelli und seinem Op. 1 Nr. 9, also dem direkten Nachfolger der vorgenannten berühmten Pastorale, serviert, in dem Il Giardino Armonico vor Spiellust sprühte. Gewohnt umfassende Dynamik-Reichweite und scharfe Akzente fielen gleich genauso auf wie die krokant perlenden Continuo-Beigaben von Margret Kölls Barockharfe und Michele Psaottis Theorbe. Während die kurze Überleitung zur freudigen Allemanda mit inzidenter Doppelkonzertanz zweier Violinen die typisch warme, kontemplative Prise bereithielt, war die folgende füllige Sarabanda mit reichlich ausdrucksstarkem Affekt garniert. Von Streicher-Schauern und merklichen Auf- und Abgängen aufgewühlt setzte das Schluss-Allegro dem Concerto-grosso-Trunk noch eine schaumige Krone auf.

Kronen des gekonnten Inszenesetzens gab es ebenso bei der Nr. 11 der Sammlung, in der ein verträumt und theatralisch aufgeladener Eingang abgelöst wurde von frischen, geschmeidigen, dann meditativ-wohligen Verdauungs-Wiegen. Schließlich kam noch eine locker aufgehende Giga, die Nachschlag verlangte. Und was für einen: einen schmerzlich schönen, harmonierend zu den eigens allegorisch vergossenen Tränen ob der Darbietung des Menüs und des Ausblicks auf eine vielleicht wieder pandemiebedingte Durststrecke. Denn Locatellis Arianna-Szene im Concertoformat bildete einen dramatisch runden Abschluss, als die pulsierenden, mit herzzereißenden Pausen belegten, abwechslungsreichen, wütenden und mal lourierten Seufzer die geiststiftende Kraft der Musik vor Augen führten sowie Komponist und Ensemble in die höchste Sternekategorie katapultierten.

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