Man stelle sich vor: Mitten im Konzert stimmen die Geigen plötzlich ihre Saiten nach. Undenkbar? - Keineswegs. Joseph Haydn hat diesen Gag sogar in die Partitur seiner 60. Sinfonie geschrieben. Ein Beispiel musikalischen Humors, wie er bei Haydn fast an der Tagesordnung ist – man denke nur an den Paukenschlag!

Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra © Stefan Deuber | Lucerne Festival
Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra
© Stefan Deuber | Lucerne Festival

In diesem Jahr hat sich das Lucerne Festival ganz dem Humor verschrieben. So war es nur natürlich, dass dieses Werk mit dem Beinamen "Il distratto" die Ouvertüre zum diesjährigen Festival gab. Im strengen Sinne ist es auch gar keine Sinfonie, eher eben eine Ouvertüre mit weiteren fünf Sätzen, die als musikalische Zwischenspiele bei der Aufführung der damals beliebten Komödie Der Zerstreute dienten.

Ein Stück, in dem sich die Hauptfigur vor lauter Schusseligkeit einen Knoten ins Taschentuch macht, um den Termin der Hochzeitsnacht nicht zu verpassen, würden wir heute eher als Klamotte empfinden, aber Haydn hat in seiner Musik den Humor viel subtiler verpackt, und sehr dezent wurde er in diesem Konzert auch präsentiert. Das war einmal Bernard Haitink zu danken, der hier nicht mit dem dirigentischen Zaunpfahl winkte, sondern den Ausdruck allein der Musik überließ. Und natürlich den Instrumentalisten, die die Noten gestochen fein und klar zu überaus beredtem Klang formten, indem sie Haydns geistreiches Spiel mit den Gewohnheiten des Hörens diskret, aber deutlich aufs Korn nahmen.

Bald folgt im ersten Satz nach munterem Beginn eine Art Amnesie des Themas: der musikalische Gedanke verebbt mehrmals im Nichts - „verklingend“ steht über einem Dutzend von Takten völlig gleich klingender Viertelnoten, der musikalische Fluss tritt auf der Stelle. Im Menuett darf entweder gravitätisch geschritten oder albern getrippelt werden. Das Presto mutet wie eine Verfolgungsjagd an und dreht sich bis zum Schluss fulminant im Kreis. In verträumter Serenadenstimmung beginnt das Adagio, doch jäh wird man nach wenigen Takten durch lärmende Pauken und Trompeten wieder heraus gerissen. Und dann eben dieses Finale, wo es im feurigen Prestissimo plötzlich zu knarzen beginnt und die Geigen ungerührt von f nach g stimmen. Ein Fest musikantischer Freude schien es für das Orchester an diesem Abend gewesen zu sein, das sich von derart einkomponierten Scherzen nicht nur nicht vom Pfad musikalischer Präzision abbringen ließ, sondern zudem höchstgradigen Spielwitz versprühte.

Ganz anders zeigte sich der Humor bei Mahler – subtiler, hintergründiger, weniger fassbar. Die Vierte Sinfonie ist voll davon. Bereits in den ersten Takten entscheidet sich bei jeder Aufführung, ob er sich musikalisch ausdrücken wird. Gemütlich lässt der Satz sich an. Erst das Gezwitscher der Flöten, von den Narrenschellen dominiert, dann setzt das Hauptthema ein, betont graziös. Haitink kostete das vorgeschriebene Ritardando weidlich aus und im Auftakt seufzten sich die Violinen in dezentem Glissando auf den Leitton hinauf. Alles aber mit feinstem Geschmack und herrlichem Klang, weich, geschmeidig, sanft. Dass diese Gemütlichkeit nicht von Dauer ist, ist dann das Thema dieses Satzes.

Anna Lucia Richter, Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra © Stefan Deuber | Lucerne Festival
Anna Lucia Richter, Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra
© Stefan Deuber | Lucerne Festival

In höchstmöglicher struktureller Klarheit entwickelte Haitink dieses musikalische Panorama irdischen Getümmels, Mahlers zahlreiche Vortragshinweise detailliert befolgend. Ein Dirigent in größter Verantwortung vor der Partitur – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zu „machen“ brauchte er da nichts weiter. So fiel das Scherzo markant aus, aber nicht grell, auch nicht die Wirkung der höher gestimmten Geige, deren Charakter als Fidel von „Freund Hein“ gleichwohl eindrücklich hörbar wurde. Eine sanfte Gelassenheit in sehnsuchtsvollen, melancholischen, klagenden, aber auch wieder tröstenden Klängen – stets expressiv, aber niemals sentimental, durchzog den 3. Satz - poco adagio – bis hin zu fast seliger Entrückung, wenn sich am Schluss des Satzes der Himmel zu öffnen scheint und Mahler so etwas wie Transzendenz aufklingen lässt in dem Zitat des eigenen Lieds Ich bin der Welt abhanden gekommen.

Das Luzerner Publikum dankte diese feinnervige Aufführung mit bemerkenswerter Disziplin, fast kein Gehuste und kein Geräusper, sondern gespannte Aufmerksamkeit. Auf derart hohem Niveau setzte dann im vierten Satz eine junge Sängerin den Glanzpunkt. Wir genießen die himmlischen Freuden - Anna Lucia Richter war die Interpretin dieses Lieds vom himmlischen Paradies, wie es sich vielleicht ein Kind erträumt. Und in der passenden naiven, unbefangenen Haltung sang sie diesen Text aus Des Knaben Wunderhornzu dem Mahlers Musik ausdrücklich den Gegenpart liefert, weil es ein Paradies ist, in dem - wie auf der Erde - auch unschuldige Lämmer geschlachtet werden.

Dann aber die letzte Strophe, die von der Musik im Himmel erzählt. Hier ist von der heiligen, aber stockernsten Ursula die Rede. Sogar sie lässt sich vom Engelsgesang betören. Und wie Anna Lucia Richter diese Passage sang: mit einer Hingabe an diese Linie aus langsamem Aufschwung, lang gedehntem „Uuuu-rsula“ und abschwingendem Glissando – das war schlicht hinreißend. So beglaubigte gerade ihr Gesang, was Endziel der ganzen Sinfonie zu sein scheint: das wahre Paradies liegt in der Musik. So verklingt sie auch in der Tiefe aller Gefühle. Haitink hielt nach dem letzten Ton gleichsam die Zeit an. Und respektvoll spürte das Publikum einen langen Moment dieser erlösenden Stille nach.



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