Kann eine konzertante Aufführung einer Oper je perfekt sein? Sie kann! Anders als bei manch anderen konzertanten Opernaufführungen trauerte man an diesem Abend keinem fehlenden Bühnenbild hinterher, denn was in der Essener Philharmonien geboten wurde, funktionierte fabelhaft ohne jegliche Kulisse und Kostüme: Donizettis tragische Oper Lucia di Lammermoor wirkte im Alfried Krupp Saal lebendiger denn je.

Diana Damrau (Lucia) und Piero Pretti (Edgardo) © Hamza Saad
Diana Damrau (Lucia) und Piero Pretti (Edgardo)
© Hamza Saad

Verantwortlich für die herausragenden Leistungen aller Beteiligten des Abends war Dirigent Gianandrea Noseda, der seit 2007 als musikalischer Direktor am Teatro Regio Torino die Fäden in der Hand hält. Diese nun schon fast zehn Jahre andauernde Arbeit und Beziehung mit Orchester und Chor des Teatro Regio zeigte sich deutlich; sowohl Chor als auch Orchester konnte man den Spaß beim Musizieren regelrecht ansehen und Maestro Noseda trieb seine Musiker immer wieder von Neuem zu flotten Tempi an. Der Chor präsentierte sich äußerst stimmgewaltig, perfekt im Zusammenklang und differenziert in seiner Ausführung. Das Orchester musste sich zu keinem Zeitpunkt zurücknehmen, um die Solisten nicht zu verdecken, vielmehr durfte man sich eines intensiven Spiels erfreuen, das durch einen satten, geschmeidigen Klang bestach. Die Hörner brillierten dabei mit butterweichen Klängen und das Harfensolo als Vorspiel zum zweiten Bild des ersten Aktes war ein unaufhörlicher Fluss, den selbst die starken Ritardandi nicht unterbrachen. Dieser selbstbewussten Orchesterklang bildete ein solides Fundament, über dem sich die Solisten sich in ihren Partien austoben konnten.

Gabriele Viviani als dauergrimmiger und sehr stolzer Lord Enrico Ashton, der seine Schwester Lucia mit dem einflussreichen Lord Arturo vermählen will, sang seine Rolle aufgebracht, voller Inbrunst und mit ausgezeichnetem Legato; das Orchester vermochte seine immense Stimmgewalt nicht zu übertönen. In der Rolle seines Gegenspielers trat Piero Pretti als Sir Edgardo di Ravenswood in Erscheinung, dem Lucia ewige Liebe und Treue schwört. In seiner letzten Arie und dem Opernende zeigte er, wie treffsicher seine Spitzentöne kommen und setzte mit jedem Ton dort noch einmal an klanglichem Volumen eins drauf, wo man keine Steigerung mehr möglich glaubte. Doch er zeigte sich auch stimmlich sehr flexibel, überraschte mit plötzlichem Piano nach großen forte-Passagen und mühelosem Bewegen in allen Lagen. Freudig und mit spielender Leichtigkeit gestaltete er seine Figur und erwies sich als trefflicher Partner für die Titelheldin.

Diana Damrau, Gianandrea Noseda & Orchester des Teatro Regio Torino © Hamza Saad
Diana Damrau, Gianandrea Noseda & Orchester des Teatro Regio Torino
© Hamza Saad
In dieser Rolle glänzte Diana Damrau nicht nur stimmlich, sondern auch mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrem Spiel, in das sie alle Beteiligten auf der Bühne einschloss. Damrau selbst sieht es als Notwendigkeit, in Belcanto-Partien in allen Lagen dynamisch flexibel und beweglich in den Koloraturen zu sein. Diesen Ansprüchen wurde sie voll gerecht; sie ließ sich an den entscheidenden Stellen Zeit zu gestalten, um im nächsten Moment Vollgas zugeben, reizte ihr Spektrum von leise gehaucht bis zu markerschütternden Spitzentönen aus und sang zu jeder Sekunde absolut kontrolliert. Nachdem Diana Damrau als Lucia ihren Gemahl Lord Arturo erstochen hatte, trällerte sie mit gnadenloser Leichtigkeit ihre Wahnsinnsarie in kongenialer Abstimmung mit der Glasharmonika. Nach ihrem Bühnentod erhielt Diana Damrau noch vor Opernende stehenden Szenenapplaus vom zu Recht begeisterten Essener Publikum. Als ein Ruhepol zu ihrer wilden, zerrissenen Lucia agierte Nicolas Testé in der Rolle des Raimondo Bidebent mit kraftvoller Unerschütterlichkeit und sattem Bass. Die kurzen Auftritte von Francesco Marsiglia als Lord Arturo Bucklaw, Luca Casalin als Normanno und Daniela Valdenassi als Alisa komplementierten den Abend mit ihrer Bühnenpräsenz und ihren einfühlsamen Tönen.

Dieser Konzertabend bot grandiose stimmliche Leistungen verknüpft mit kleinen szenischen Darbietungen, die zusammen vollkommen natürlich wirkten. Mit dem farbigen und temperamentvollen Spiel des Orchesters wurde dem Publikum ein kurzweiliger Abend beschert und ein musikalischer Genuss, von dem man gar nicht genug bekommen konnte.