Am 25. Oktober 1903 dirigierte Mahler selbst die niederländische Erstaufführung der Ersten Symphonie in Amsterdam. Seitdem hat das Royal Concertgebouw Orchester mit allen großen Dirigenten Mahlers Symphonien gespielt und atmet in jedem Takt diese Tradition. Daniele Gatti wusste dieser Traditionspflege eine lebendige Note hinzuzufügen. Das Orchester zeigte unter seinem Chefdirigenten mit einer sehr abwechslungsreichen und spannenden Interpretation der Ersten Symphonie von Gustav Mahler, wieviel aktueller Erlebniswert in diesem Kunstwerk auch beinahe 130 Jahre nach seiner Entstehung steckt, und dass es durchaus Sinn macht, die gleichen Meisterwerke immer wieder auf den Spielplan zu setzen.

Daniele Gatti © Anne Dokter
Daniele Gatti
© Anne Dokter

Der Anfang der Symphonie war jedoch von einiger Nervosität überschattet: Intonation und gemeinsame Einsätze waren nicht tadellos – hier wurde deutlich um Höchstleistung gerungen in einer Interpretation, die bis zum Mai auch noch in New York, Wien und Dresden zu hören ist. Aber mit dem Einsatz der Ferntrompeten, der Hörner und Klarinette konnten die schier grenzenlos erscheinenden akustischen Möglichkeiten des Amsterdamer Konzertsaals ausgenutzt werden. Das RCO badete regelrecht darin und schuf einen Klang, der für die Dauer der gesamten Aufführung eines der wesentlichen Merkmale dieser Aufführung blieb.

Gatti dirigierte auswendig mit teilweise minimalistischen, aber deutlichen, Anweisungen, organisch und formschön. Das Publikum erlebte eine sehr lebendige Aufführung mit vielfältigen Rubati und kaum eines der Tempi im ersten Satz blieb lange unverändert bestehen. Vor dem Harfeneinsatz stand die Geistermusik beinah still und man bekam nicht zum letzten Mal an diesem Abend einen Schreck.

In derselben Stimmung begann auch der zweite Satz, in dem die Spannung vom Beginn sichtlich von den Musikern und dem Dirigenten abgefallen war. Es herrschte eitle Musizierfreude und der Ländler klang genauso, wie ihn Mahler auch in Österreich gehört haben musste. Im Trio gelang die Kaffeehausmusik sehr authentisch. Gatti fühlte sich sichtbar in seinem Element und gestaltete die Übergänge genussvoll, sich dabei ein ums andere Mal mit der linken Hand an der Absperrung seines Podestes hinter ihm festhaltend. Das Da Capo kam überraschend, fast überfallartig stark zurück.

Am Anfang des dritten Satzes, den Mahler in einer früheren Fassung Totenmarsch in Callots Manier, genannt hatte, spielte die gesamte achtköpfige Bassgruppe das Bruder Jakob-Thema in Moll zart und zugleich voll, was sofort unter die Haut ging. Die folgenden Oboensoli waren sehr gefühlvoll und das spätere Pianissimo der ersten Geigen war so angehaucht, dass der Klang der zwei Konzertmeister danach laut hervorstach. Auch das ausgebreite Flötensolo über das Bruder Jakob-Thema war eigensinnig gespielt und wirkte dadurch umso mitreißender. Der Totenmarsch bekam zum Ende hin noch kurz Konkurrenz von einer Zigeunerkapelle bevor mit einem Beckenschlag die morbide Stimmung endete und der letzte Satz begann. Zitate aus den ersten drei Sätzen versetzten die Zuhörer wieder in die anfängliche unheimliche Stimmung bevor mehrmals zu einem Kraftmuskelendspurt angesetzt wurde. Die Bratschengruppe hatte noch einen mehrmals wiederholten Einwurf, bevor Klarinetten und Hörner ihre Schallhörner für einen stärkeren Effekt nach oben richteten und für die letzten Takte zur Verstärkung noch eine Trompete und Posaune dazukamen.

Janine Jansen © Sara Wilson | Decca
Janine Jansen
© Sara Wilson | Decca

Janine Jansen kam zu Beginn des Konzertes in einem eisblauen Kleid die Treppe herunter. Auf dem Programm stand das Erste Violinkonzert von Max Bruch. Jansens Spiel war klangschön und virtuos. Der zweite Satz geriet ein wenig schnell und so überwog Hollywood vor der Romanze, an deren Ende Solistin und Orchester das Publikum mit ihrem Pianissimo kürten. Die Soli im Finale strotzten nur so von verfeinerter Artikulation und doch war Jansen nicht so mitreißend, wie man es von ihr gewohnt ist. Sie blieb eine Eiskönigin auf höchstem Niveau. Das pure Gold nach der Pause strahlte durch diesen Gegensatz aber nur noch facettenreicher.

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