Während eines Konzertes kann man genussvoll lauschen, sich über inspirierende Musiker oder Kompositionen freuen oder sich seinen durch die Musik beflügelten Gedanken überlassen. Die Niederländerin Mayke Nas möchte diese Gedanken mit ihrem neuen Stück A horseless carriage auf eine politische Ebene lenken. Sie macht sich Sorgen um die mit unserer ungebremsten Mobilität einhergehende Zerstörung der Umwelt und Beeinträchtigung unserer Gesundheit. Sie habe kein unschuldiges Stück komponieren wollen, sondern möchte auf das über uns schwebende Damoklesschwert aufmerksam machen. Zu diesem Zweck geht sie zurück zu den ersten Automobilen Henry Fords, die „pferdelose Kutschen“ genannt wurden und auch ebenso aussahen. Erneuerung kommt selten aus dem Nichts hervor, sondern entwickelt sich aus Bestehendem. Analog dazu erfindet Nas neue Klänge, um unsere heutige Zeit mit musikalischen Mitteln zu beschreiben, benutzt dazu aber Instrumente und einen Klangkörper, die es schon seit Hunderten von Jahren gibt.

Pablo Heras-Casado © Dario Acosta
Pablo Heras-Casado
© Dario Acosta

Ihr neues Stück war aber keine Agitprop Musik sondern hatte eher Anklänge an Musique Concrete. A horseless carriage begann mit den charakteristischen Brummtönen zweier Schwirrhölzer (eines der ältesten Instrumente, die wir kennen), welche durch zwei Holzbläser des Asko|Schönberg Ensembles durch die Luft geschwungen wurden. Dazu klangen neun Minuten lang sehr statische Harmonien, deren Instrumentierung nach und nach voller wurde. Auch das Tempo erhöhte sich unmerklich von Minute zu Minute. Ansonsten passierte wenig. Die Musik schien still zu stehen, auf der Stelle zu treten und nicht voran zu kommen. Ein Phänomen, welches sich visuell am besten mit den verwirrenden Zeichnungen von Maurits Cornelius Escher vergleichen lässt. Mit etwas Fantasie hörte man Motoren- und Verkehrsgeräusche und herannahendes Unwetter. Neben den hohen Flageolettönen der Streicher und viel rhythmischem Schlagzeug fiel vor allem die klagende Bassklarinette ins Ohr. Dies alles zusammen ergab höchst verstörende Musik, die mit dem Geräusch von rasselnden Eisenketten sehr bildhaft endete und so sinnbildlich dazu aufrief, das Joch unserer übermotorisierten Zivilisation abzuschütteln und nach gesünderen Alternativen zu suchen.

Der Dirigent Pablo Heras-Casado hatte in dieser Saison schon zwei Konzerte in der Konzertreihe des niederländischen Rundfunks NTR Zaterdag Matinee mit Werken von Mendelssohn und der Oper Boris Godunv geleitet. Zu seinem letzten Konzert mit dem Mahler Chamber Orchestra, die für ihre Tournee mit Heras-Casado in Hilversum probten, wollte er auch eine Uraufführung mit leiten und somit die Wichtigkeit von zeitgenössischer Musik unterstreichen.

Im zweiten Teil dieses ungewöhnlichen Konzerts war der Pianist Alexander Melnikov der herausragende Musiker. Mit einem Feuerwerk an brillant klingenden Läufen und gut getimeten Melodiebögen brachte er eine lebendige und spannende Interpretation von Beethovens 1798 vollendetem Klavierkonzert Nr. 1 auf die Bühne. Schon gleich zu Beginn überraschte das Mahler Chamber Orchestra mit einem klaren vibrato-losen Mozartklang. Vor allem die Pauken waren auf modernen Instrumenten feinfühlig bespielt und im Klang kaum von den Vorläufern welche zu Beethovens Zeiten benutzt wurden zu unterscheiden. Auch Melnikov bewies beeindruckend, dass er auch einem modernen Flügel Hammerklavier ähnliche Flüstertöne entlocken konnte. Mit mühelos perlendem Anschlag spielte er träumerische in die Tiefe stürzende Tonkaskaden. Dabei ließ er das Publikum immer wieder neue Klänge entdecken, wobei in der Durchführung des Allegro con brio als Höhepunkt dieser Klangmalerei der Einsatz des Pedals an eine Glasharmonika erinnerte. Melnikov erweckte immer wieder den Eindruck als ließe er sich erst im letzten Moment zu seinen musikalischen Einfällen inspirieren, vor allem bei seinen geschmackvoll eingesetzten Rubati. Man hätte ihm noch Stunden zuhören wollen.

Wer Manuel De Fallas Flamenco-Oper La vida breve einmal gesehen hat, der wird den Flamenco Charakter dieser Musik nicht mehr so schnell vergessen. Auch die Ballettmusik El Amor Brujo ist typische Musik aus Andalusien und war damit wie maßgeschneidert für den in Granada geborenen Dirigenten Heras-Casado. Er hatte die Flamencosängerin Marina Heredia aus seiner Heimatstadt mitgebracht und man fühlte sich von ihrem dunklen herben Ton sofort aus dem kalten Konzertsaal in lieblichere Gefilde versetzt. Es fehlte eben nur der Flamencotanz.

Bei seiner Pulcinella-Suite, abgeleitet von der gleichnamigen Ballettmusik hat Strawinsky leider auch die drei Sänger weggelassen. Den Kompositionsauftrag hatte Sergei Diaghilev erteilt auf der Basis von altem Notenmaterial, welches er in Neapel und London entdeckt hatte. Pablo Picasso entwarf für die Uraufführung 1920 in Paris das Bühnenbild und die Kostüme. Bei der Interpretation von Heras-Casado mit dem Mahler Chamber fiel gleich zu Beginn der lebendige Klang des in der Mitte platzierten Streichquartetts auf. Die Oboe brillierte immer wieder mit intimen sehr zart begleiteten Soli. Durch alle neun Sätze überzeugten die Musiker mit spritzig schwungvollem Musizieren.

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