Es bleibt dabei: das Wiener Publikum darf sich glücklich schätzen, dass es verwöhnt ist und stets verwöhnt wird: Neben den vier Haus- und Hoforchestern Wiens, die jeweils ihre eigene Sparte bedienen können, gelingt es den großen Konzertveranstaltern wie dem Wiener Konzerthaus auch, immer wieder hervorragende Gastorchester aus dem Ausland zu akquirieren, die den Spielplan mehr als bereichern. Über eine solche Bereicherung durften sich die Gäste des gestrigen Konzertes freuen. Unter seinem neuen Chefdirigenten Lionel Bringuier präsentierte sich das Tonhalle-Orchester Zürich mit einem modern-romantischen Konzertabend, der nur wenige Wünsche offen ließ.

Das Tonhalle-Orchester Zürich, das mit diesem Konzert seine kleine Europatournee eröffnet, hat zwei Institutionen, die an diesem Abend beide zu erleben waren. Zum einen vergeben sie den Titel eines Artist in residence, der derzeit an die georgische Violinistin Lisa Batiashvili vergeben ist, und zum anderen, und dies ist nicht selbstverständlich, leistet sich das Orchester auch einen Creative Chair, den heuer der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann innehat.

Seine beliebte, 2008 für das Orchester des Bayerischen Rundfunks entstandene Konzertouvertüre Con brio, die sich eigentlich immer für eine Aufführung in Kombination mit Beethovens Symphonien anbietet, eröffnete den Konzertabend. Dieses sehr geschwinde Stück Musik amalgamiert einen feierlich-festlichen Eröffnungsgestus mit scheinbaren Beethoven-Entlehnungen und ungewöhnliche instrumentale Spieltechniken wie tonloses Blasen der Holz- und Blechbläser, Mundstückschlagen der Flöten) und wurde vom Orchester souverän dargeboten. Ein besonderes Lob gilt dabei dem Paukisten des Orchesters, der seine Sonderaufgabe mit Bravour erledigte.

Diese jugendliche Frische der Herangehensweise an ein Werk übertrug sich auf den ganzen Abend, sodass auch die Klassiker von Brahms und Dvořák, die im Programm folgten, in einem anderen Licht präsentiert wurden. Dies gilt vor allen Dingen für das Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll Op.102 von Johannes Brahms, das ich persönlich viel lieber mag als sein Violinkonzert. Die beiden jungen Solisten Lisa Batiashvili und Gautier Capuçon gaben mit ihrem jugendlich frischen Spiel, das voll auf Zusammenspiel ausgerichtet war, allen Grund zur Freude.

Gautier Capuçon © Michael Tammaro
Gautier Capuçon
© Michael Tammaro
Es war ein Vergnügen, den beiden nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzuschauen. Hier waren zwei Musiker am Werk, die aufeinander hören und miteinander zu gestaltet wissen; dennoch blieb jeder der beiden seiner eigenen Farbgebung verpflichtet. Bereits in der eröffnenden Kadenz für Solocello überzeugte Capuçon mit feinem, sehr dunkel gefärbtem Celloklang; Batiashvili konterte mit im positivstem Sinne zurückgenommenen Spiel, was es ihr ermöglichte, besonders virtuose Passagen mit Pointierungen zu versehen. Dieses Zusammenspiel ergänzte Bringuier zur romantischen Ménage á trois, indem er sein Orchester zu mehr machte als zum bloßen Begleiter des Geschehens; dies zeigte vor allem das Andante wie auch das abschließende Vivace non troppo. Dies ließ auch über manche Unsauberkeit im Orchester hinwegsehen, etwa den etwas verpassten Holzbläsereinsatz am Beginn des Andante.

Nach einer Pause beschloss dann ein weitere Klassiker im jugendlichen Klanggewand den Abend, Dvořáks Symphonie Nr. 8 in G-Dur aus dem Jahr 1889. An dieser Stelle wurde auch deutlich, dass man den Einfluss des ehemaligen Chefdirigenten des Orchesters David Zinman, der über fast 20 Jahre hinweg das Orchester geprägt hat, noch immer deutlich hört. Aber Bringuier bereichert den satten Sound des Ensembles um sein jugendlich frisches Dirigat, das bei Dvořák allerdings die Tendenz dazu hat, etwas zu eilen.

Als kleines Sorgenkind erwies sich sogleich der erste Satz: Verleitet durch die großen Gesten ihres Chefdirigenten neigte das Orchester zu einer für meinen Geschmack zu brachialen Gangart. Besonders deutlich wurde dies bei den Vogelrufen im Mittelteil, bei dem vor allem das Englischhorn unangenehm auffiel. Doch dieses Problem legte sich bei einem herrlichenAdagio und vor allem beim sentimentalen Walzer, der einen Hauch Tschaikowsky mitschwingen lässt. Rasender dann das Allegro ma non troppo mit obligatorischen Trompetenruf und nicht enden wollender Schlussformel; zwei Zugaben aus den Slawischen Tänzen beschlossen den Abend passend. Um es mit der Fledermaus zusagen: Solch Gäste lädt man gern sich ein!

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