Mit fetten schwarzen Buchstaben auf weißem Grund kündigt das Programmheft die beiden Hauptprotagonisten des Abends an: Harding und Mahler. Mehr braucht man wohl nicht zu wissen. Diese Aufmachung ist selbst für das stylische schwarz-weiß Design des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ziemlich puristisch. Vor allem, wenn man sich den üppigen Orchesteraufbau anschaute, den das Orchester für sein Auftaktkonzert der neuen Saison auf die Bühne brachte.

Daniel Harding © Peter Meisel
Daniel Harding
© Peter Meisel

Mahlers Zweite Symphonie ist eine Fin-de-Siècle-Materialschlacht, die mit hymnischem Chorfinale einen solch optimistischen Jubelgesang auf die Seelenauferstehung schmettert, dass man misstrauisch werden könnte. In den vier Sätzen davor kämpft sich das Orchester durch verklüftete Klanglandschaften, die nicht weniger als den Sinn der menschlichen Existenz erforschen wollen.

Daniel Harding stand erst Ende der vergangenen Saison als Einspringer für den erkrankten Chefdirigenten Mariss Jansons am Pult der Münchner und beeindruckte unter anderem mit seiner energetischen Interpretation der Suite zum Bartok-Ballett Der wunderbare Mandarin. Und dort knüpfte Harding auch bei seiner Interpretation der Mahler Symphonie an. Anders als Kollege Gustavo Dudamel, der die Symphonie im Sommer mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig spielte und die Symphonie mit effektvollem Schönklang auskleidete, ging Harding bereits im ersten Satz ans Existenzielle. In der Totenfeier, die, wie Mahler selbst befand, die Zuschauer so niederschmettern müsse, dass er eine fünfminütige Pause zwischen dem ersten und zweiten Satz verschrieb, ließ Harding bereits erahnen, wie er sich das Gesamtkonzept seiner Interpretation vorstellte. Mit teils rasanten Tempi und mächtigem Blechbläserklang scheute sich der Brite nicht, die Symphoniker zu klanglichen Extremen zu führen, die ihm dabei bereitwillig folgten. Doch auch die feingliedrigen kammermusikalischen Stellen arbeitete Harding gewissenhaft aus und verband diese sehr organisch mit den heftigen orchestralen Ausbrüchen.

Das folgende Andante und das Scherzo interpretierte Harding mit rustikaler Ländlichkeit und tänzerischer Süffigkeit ohne auch hier die scharfkantigen Klanggegensätze unnötigerweise zu glätten. Das „Urlicht“ gestaltete Mezzosopran Okka von der Damerau mit fesselnder Simplizität und gleichzeitig dunkel-fließendem Klang und kam dem Ideal des kindlich-naiven Glaubens an den lieben Gott mit ihrer ruhigen, unsentimentalen Interpretation ganz nah.

Das gut halbstündige Finale konzeptionierte Harding mit dramatischer Intensität, platzierte das Fernorchester nicht hinter der Bühne, sondern postierte es im Foyer der Philharmonie auf der gegenüberliegenden Seite der Bühne und verstärke dadurch den räumlichen Dialog der Instrumentalgruppen.

Klanglich homogen und mit zerreißender Spannung stimmte schließlich der Chor des Bayerischen Rundfunks im dreifachen Piano sein „Aufersteh’n“ an und behielt diesen Ausdruck auch in der schier unendlich gesteigerten finalen Strophe bei. In dieses überbordende Finale fügte sich auch die ebenfalls hervorragende Sopranistin Katharina Konradi mit feiner Diktion und klarem Timbre ein. Nach dem auftrumpfenden Orchesternachspiel, das bei Harding fast schon nüchtern anmutete, spürte man dem Publikum förmlich an, dass der eineinhalbstündige Symphoniekoloss merklich nachhallte. Das lag zum einen daran, dass sich Harding durchaus traute ein gewisses Risiko mit den Musikern einzugehen. Einige technische Unsauberkeiten störten dabei die Interpretation im Gesamten nicht, verwunderten aber gerade bei solch einem prestigeträchtigen Konzert in der Saison.

Harding präsentierte sich einmal mehr beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit einem Gastspiel, das mehr als nur eine reine Repertoirewiedergabe und in seiner Intensität durchaus eine bemerkenswerte Mahler-Interpretation war. Und bei aller existenzieller Dringlichkeit, die Harding an den Tag legte, hätte man fast die Frage vergessen können, ob da nicht doch noch mehr in der Partitur stecken könnte.

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