Menschlichkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit – das sind Charakterzüge, die selten in einem Atemzug mit dem Namen eines Orchesterdirigenten fallen. Besonders, wenn dieser einem Klangkörper mit Weltruf vorsteht. Beim Gedenkkonzert für Mariss Jansons in der Philharmonie im Gasteig hörte man diese Begriffe allerdings häufig. Jansons war keiner, der seine Autorität durch Strenge beweisen musste, er war ein Besonderer seiner Profession und das merkte man, wenn man in die Gesichter der Musiker beim Gedenkkonzert blickte. Jansons Radikalität lag in seiner bedingungslosen Hingabe zur Musik, für die er in seinen späten Jahren regelmäßig über seine persönlichen Grenzen ging. Häufig hörte man in den Reden zu Beginn des Gedenkkonzerts über Jansons‘ Einsatz für einen neuen Konzertsaal – vielleicht soll dieser einmal nach ihm benannt werden. Betrachtet man Jansons‘ Wirken in München ist sein Einsatz für den Konzertsaal allerdings nur ein Stein im Mosaik einer deutlich tiefergehenden musikalischen Beziehung, die regelmäßig für außergewöhnliche Musikmomente sorgte.

Zubin Mehta © BRSO
Zubin Mehta
© BRSO

Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks verabschiedeten sich nun von ihrem Chefdirigenten mit Mahlers Zweiter Symphonie. Ein Werk, das mit dem fatalen Moment des Todes bereits im ersten Satz beginnt, um sich schließlich nach eineinhalb Stunden zum sakralen Auferstehungshmynus aufzuschwingen. Das Dirigat hatte Jansons Freund Zubin Mehta übernommen, der selbst 83-jährig Orchester und Chor sitzend leitete. Eine Partitur benötigte Mehta für den Symphoniekoloss allerdings nicht, denn das Werk ist ihm persönlich wichtig. In seiner Interpretation waren die Klänge fein schattiert, mischten sich vielschichtig. Das Schroffe wurde nicht zum Selbstzweck. Das war eine angenehme Abwechslung zu den Volldampfinterpretationen, die unter den jüngeren Kollegen dominieren. Dabei genügten Mehta selbst dezenteste Bewegungen, um die Musiker durch die Klangkumulationen zu navigieren. Mehta besitzt darüber hinaus die Gabe des musikalischen Erzählens. Alles in seiner Interpretation schien sich schlüssig aus großen erzählerischen Bögen zu erschließen. Das galt für die irrlichternden Ländler-Themen des Andantes ebenso wie für die ewig kreisenden Melodien des Scherzos im dritten Satz, die sich schließlich am Ende mit roher Gewalt entluden. Mezzosopran Gerhild Romberger sang das „Urlicht“ ergreifend schön mit dunklem Klang und ausdrucksstark mit konzentriertem Ernst. Es war stiller Dreh- und Angelpunkt dieser Interpretation, die immer wieder die klangverbindenden Aspekte der Musik suchte.

Howard Arman, Golda Schultz, Zubin Mehta und Gerhild Romberger © BRSO
Howard Arman, Golda Schultz, Zubin Mehta und Gerhild Romberger
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Im Finale, das mit sehr laut-präsentem Fernorchester aufwartete, übernahm Sopranistin Golda Schulz das Sopransolo mit klarem Timbre, das überraschend gut mit Romberger korrespondierte. Und schließlich führte Mehta Solisten, Chor und Orchester im monumentalen „Auferstehn“-Hymnus zur intensiven Klangektase, die wie ein letzter musikalischer Gruß wirkte. Alle Solisten des Abends verzichteten im Übrigen auf eine Gage, damit der Erlös des Konzerts der Stiftung Konzerthaus München zugutekommen konnte.

Posthum haben die Symphoniker ihren Chefdirigenten Jansons mit der Karl-Amadeus-Medaille ausgezeichnet. Eine Ehrung, die mit Eugen Jochum, Leonard Bernstein, Sir Colin Davis und Raphael Kubelik bisher nur vier Dirigenten erhalten haben.