Yannick Nézet-Séguin musste aus „persönlichen Gründen“ sein Dirigat der Dritten Mahlers in Berlin kurzfristig absagen und soo durfte der Schweizer Dirigent Lorenzo Viotti, der musikalisch in Wien geprägt wurde, sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern geben. Dass der knapp dreißigjährige Chefdirigent des Orquestra Gulbenkian (Lisboa) derart souverän über diese Riesenpartitur verfügte, wird nach meiner Einschätzung zu den bemerkenswerten Ereignissen dieser Spielzeit gehören. Mit unprätentiös, aber deutlich gesetzten Zeichen steigerte Viotti die Entwicklung der Symphonie ganz im Sinne des Komponisten schrittweise von der „leblosen Natur“ bis hin „zur Liebe Gottes“.

Lorenzo Viotti © Stephan Rabold
Lorenzo Viotti
© Stephan Rabold

Im riesigen Eröffnungssatz lässt Mahler zwei Lied-Themen so miteinander abwechseln, dass er den Gegensatz von Haupt- und Seitenthema eines Sonatensatzes mit Doppelvariationen verschränkt: Das Soldatenlied steht nämlich dem Wanderlied nicht allein gegenüber, sondern beide alternieren mehrfach im Satz und tauschen dabei ihre Gewänder aus, so dass das erste Thema auch liedhaft, das zweite auch heroisch klingt. Überzeugend war für mich nicht allein die große Übersicht sondern auch und vor allem, dass es Viotti gelang, den ersten Satz im Status der Vorbereitung zu belassen. Der Riesensatz klang unter ihm noch wie unfertig, auf Späteres vorausweisend. Die erste Abteilung der Symphonie wurde so zu einer großen Introduktion, aus der dann die zweite Abteilung hervorgehen konnte. Wenn aus dem grandios zusammenspielenden Orchester einer noch herausragte, dann war es Solo-Posaunist Olaf Ott, der die Veränderungen des ersten Themas wie als rückblickende Rezitative im großem Ton vortrug und am Ende, als Viotti die MusikerInnen einzeln vorstellte, auch den größten Beifall erhielt.

Als besonders heikel gilt seit jeher der dritte Satz, und dies auf Grund der Posthorn-Episode. Was haben sich die Gemüter darüber erhitzt, ob hier tatsächlich unberührte Schönheit „wie aus weiter Ferne“ erklingt (der Hornist muss hinter der Bühne spielen), woran der intellektuelle Mahler doch selbst nicht glauben konnte. Oder hat der Komponist die HörerInnen mit reinstem Kitsch provozieren wollen? Guillaume Jehl, der die Partie spielte, trug die Posthorn-Episode wie entrückt und ganz schlicht als ein Naturidyll vor, das Mahler als einzige Passage der ganzen Symphonie vor der Zerstörung bewahrt hatte. Sie klang, wie es in Lenaus, dieser Episode zugrunde liegenden Gedicht Der Postillon heißt: „Lieblich war die Maiennacht / Silberwölklein flogen“.

Elīna Garanča und Lorenzo Viotti © Stephan Rabold
Elīna Garanča und Lorenzo Viotti
© Stephan Rabold

Von diesem Satz aus gelangte die Symphonie über die beiden Vokalsätze, die Vertonung von „Oh Mensch! Gib acht!“ aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ (tief und erdig gesungen von der Mezzosopranistin Elīna Garanča) und den Chorsatz mit Alt-Solo auf den Text „Es sungen drei Engel ein’n süßen Gesang“ aus Des Knaben Wunderhorn (gesungen von den Damen des Rundfunkchors Berlin und den Knaben des Staats- und Domchors Berlin), in das Finale, in dem die Vision einer durch Liebe versöhnten Welt als reale Utopie zu Gehör kam.

Diese Aufführung der Symphonie machte Mahler zu dem Visionär, der die große Apotheose, die eine Symphonie seit Beethoven verlangte, mit neuen Inhalten zu versehen wusste. Mahler geht im Finale auf die beiden Themen des Kopfsatzes zurück, lässt sie im langsamen Tempo und ins Hymnische bzw. Sphärische verändert wiederkehren und nun ganz geordnet miteinander abwechseln bis sie schließlich in einer euphonischen Hymne kulminieren. In aller Ruhe ließ Viotti diese beiden Themen sich jeweils aussingen und schließlich gegen die aus dem Kopfsatz in den letzten Satz einbrechenden Passagen auch behaupten. Viotti erreichte den edlen Klang am Ende auch dadurch, dass er kurz vor der Coda ganz wenig gestikulierte und als Dirigent zurücktrat. Am Ende reichte ihm dann ein Zeichen, um den Hymnus zu einem ganz großen Klangereignis werden zu lassen.

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