Musik von Bernd Alois Zimmermann und das Nürnberger Musiktheater: sie haben schon früher oft zusammengefunden. Erst kürzlich hatte das Staatstheater großen Erfolg mit dem epochalen Bühnenwerk Die Soldaten. 1968 bereits beauftragten der damalige Generalmusikdirektor Hans Gierster und die Stadt Nürnberg den Komponisten, zur Feier des Dürer-Jahres 1971 ein großes Orchesterstück zu schreiben. Zimmermann strich in Folge einer Depressionserkrankung Teile der ursprünglichen Instrumentalplanung von Stille und Umkehr, sodass die verbliebene Instrumentierung einen auffallend fahlen, kühlen Klang ausströmt. Als Spiegelbild der ernüchternden Einsicht völliger Machtlosigkeit im privaten wie öffentlich-politischen Raum hat man das düster-resignative Orchesterwerk oft gedeutet. Die Uraufführung fand erst ein halbes Jahr nach Zimmermanns Freitod statt. Nun kam Zimmermanns Werk wieder an den Ort der Uraufführung. Während der Vorbereitungen entschieden sich die Musizierenden, es als Interludium in die abschließende Mahler-Symphonie einzubinden. Dieser unerwartete dramaturgische Schachzug erwies sich als programmatisch goldrichtig und befreite das Werk aus seiner ursprünglich unbequemen Position als Konzert-Ouvertüre.

Günter Neuhold © Günter Neuhold
Günter Neuhold
© Günter Neuhold

Nach den monumentalen Welt- und Lebens-Deutungsversuchen der früheren Symphonien geht es in Gustav Mahlers Vierter Symphonie zwar auch um Erde und Himmel, aber aus einer eher unbekümmerten Sicht schlichter Innigkeit. Günter Neuhold, viele Jahre Generalmusikdirektor und Operndirektor in Bremen, Antwerpen und Karlsruhe, ließ die Vierte ruhig und bedächtig beginnen, gab mit minimalen unaufgeregten Gesten dem hervorragend einstudierten Orchester Impulse und Formung und achtete auf kammermusikalische Aushorchung des beliebten Klassikers. Bedächtig, nicht eilen heißt es in der Partitur, und wie in einer ersten Station auf der Wanderung zum Himmel tat sich eine heitere Welt auf, mit Vogellied und Schellengeläut, mit dem wundervoll warmen und schwärmerischen Thema von Bratschen und Celli. Selbst wenn dann wie in plötzlichem Erschrecken die Musik ins Grelle kippt und Trommel und Trompeten zum grotesken Tanz rufen, blieb das Bild nicht überzeichnet. Nach dem auflodernden Forte des Orchesters konnten sich die lieblichen Idylle vom Anfang wieder einstellen, fast als ob kindliche Erinnerungen keck-fröhlich zurückbleiben. Freund Hein spielt auf hatte Mahler ursprünglich über den zweiten Satz geschrieben, wo eine Violine zur Fidel des Todes wird. Weil das Instrument einen Ton höher gestimmt ist als üblich, zeichnete der erste Geiger (Manuel Kastl) mit dem Klang scheinbar verwirrter Tonarten das Unheimliche des Todes ebenso gekonnt wie im Trio die eher friedliche Region volkstümlicher Musik auf seinem zweiten Instrument.

Zimmermanns Stille und Umkehr fügte sich nun wie ein Scharnier zwischen die bisher irdische Sicht und den folgenden Blick zum Himmel. Einem Cantus Firmus ähnlich wurde der Ton D durch die Orchestergruppen gereicht, begleitet durch einen ebenso konstanten Blues-artigen Rhythmus der Trommel. Darüber schichteten sich allerlei klangliche Ereignisse, wie Zwölftonreihen der Flöten, Klarinettenmotive, Zimbelklänge. Das Hinzutreten von Akkordeon und singender Säge gab der Klangfarbe des permanenten Cantus eine fast elektronische Komponente, ließ am Ende in der Auflösung von Ton und Rhythmus die Frage zu nach der Grenze und Transzendenz von Musik und Geräusch.

Ganz ruhevoll und unspektakulär, wie einen Blick durch ein halboffenes Himmelsfenster, leuchteten Neuhold und die Philharmoniker Mahlers Adagio aus. In seinen Variationen nahm es Erinnerungen an schon gehörte Weisen der Einleitung auf, gab auch Anklänge an klagendes Leid des zweiten Satzes wieder. Im jubelnden Satzende spielte das Orchester, wie in einer blendenden Lichtfülle, mit dem vorweggenommenen Thema des Finale eine Verheißung auf das Paradies, in das Michaela Maria Mayer, Ensemblemitglied des Staatstheaters, die Zuhörer darauf schwärmerisch im Schlusssatz mitnahm. Da leitete das Schellengeläut erneut die Strophen ein, da wurden mit frommer Lustigkeit die Glückseligkeiten des Paradieses ausgemalt. Mayer musizierte dieses Himmelskonzert mit kindlich klarem, dann wieder weich rührendem Stimmklang, ließ die Tafelfreuden in der Engelsküche plastisch entstehen. Die Refrains des himmlischen Reigen zeigten, dass selbst das Paradies nicht frei von Doppelbödigkeit ist, wenn „Sanct Lucas den Ochsen thut schlachten“ oder die Fische mit Freuden Sanct Peters Netz anströmen.

Himmel und Erd' – Zimmermann hätte seine Freude am Konzertmotto gehabt, benennt es doch auch einen Genussklassiker seiner rheinländischen Küche aus gestampften Kartoffeln und Äpfeln. Zum Klassiker genussvoller Solokompositionen ist Zimmermanns Trompetenkonzert spätestens in diesem Jahr geworden – der Schott-Verlag vermerkte fast zwanzig Aufführungen dieses Werks weltweit. 1954 hatte der Nordwestdeutsche Rundfunk Zimmermann den Auftrag für ein Klavierkonzert erteilen wollen. Mit Blick auf die Konzertpraxis konnte Zimmermann den NWDR aber überzeugen, das vernachlässigte Soloinstrument Trompete zu fördern. Er konnte hier insbesondere neue Spieltechniken einsetzen, die zeitgenössische Jazztrompeter wie Armstrong und Gillespie erprobt hatten. In Nürnberg hatte man mit dem 23-jährigen Simon Höfele einen Senkrechtstarter in dieser Instrumentalklasse verpflichtet, der sich unter anderem als U21-Preisträger des Musikwettbewerbs der ARD empfohlen hatte. Mit atemberaubender Virtuosität bewegte er sich im Grenzbereich zwischen Jazz und Kunstmusik, wechselte spielerisch zwischen exakter Notation von Zwölfton-Reihen und improvisatorisch-freier Vitalität. In biegsamer Körpersprache ließ er den mehr spirituellen Schlussteil über den Song Nobody knows de trouble I see zart und nachdenklich in dichten Streicherakkorden des Orchesters verklingen, das feinsten Bigband-Sound ausbreitete.