Gustav Mahlers Achte Symphonie ist ein überwältigendes Werk. Schon allein die Zahl der Aufführenden übertrifft alles sonst Gewohnte, auch wenn es nicht tausend sind wie bei der Uraufführung. Vor allem ist es ihr geistiger Gehalt, der eher an große Oper erinnert als an ein symphonisches Werk: aufregend die aufbäumende Anrufung der Schöpferkraft im ersten Teil, grandios die triumphale Verklärung der Liebe im zweiten Teil. Das Werk spannt einen musikalischen Stimmungsbogen, dessen Wirkung sich eigentlich niemand entziehen kann. Drängender Aktionismus und lyrischer Zauber finden sich auf engstem Raum, ein Klangrausch von phänomenaler Kraft. Grund genug für die Hamburgische Staatsoper, das kolossale Werk bald nach deren Eröffnung in der neuen Elbphilharmonie zu präsentieren.

Eliahu Inbal © ZChrapek
Eliahu Inbal
© ZChrapek

Leider war Chefdirigent Kent Nagano kurz vor der Aufführungsserie erkrankt und als Dirigent sprang Eliahu Inbal kurzfristig ein. An zu geringer Probenzeit mag es dann auch gelegen haben, dass die Aufführung nur teilweise so glückte, wie man es sich erhofft hatte. Mit machtvollem Impetus der Beginn, ein fortissimo: Einsatz der Orgel und in den tiefen Streichern, dann der gewaltige Doppelchor in rhythmisch scharfer Pointierung: Veni creator spiritus  komm Schöpfer Geist! Es begann vielvesprechend.

Doch das kunstvolle polyphone Geflecht von Mahlers Komposition trat nicht an allen Stellen deutlich hervor. Inbal nahm sehr rasche Tempi, so wirkte gerade die Doppelfuge am Ende der Durchführung gehetzt und starr wie durchexerziert. An zahlreichen Stellen schreibt Mahler leichte Tempoveränderungen vor (wie zum Beispiel „nicht eilen - wieder frisch“), doch hier klapperte es bisweilen merklich im Gefüge. Die beiden Chöre der Staatsoper und der Staatschor aus Litauen sangen famos, im zweiten Teil auch wunderbar weich; die Hamburger Alsterspatzen hell und markant. Wenn die Musik zur Ruhe kam, gelangen berührende Klänge wie die aufschwingende Geigenmelodie des infirma nostri corporis, der Bitte um Stärkung von Körper und Seele. Die Akustik des Saales, mittlerweile nicht unumstritten beurteilt, tat hier Gutes und trug die seufzenden Geigentöne weit in den Saal. Doch der plötzliche Aufschwung des accende lumen sensibus – Entzünde den Sinnen das Licht klang jedenfalls auf meinem Platz (Ebene L) recht spannungslos und ohne klanglichen Schwung.

Ausgehend von diesem Vers des Textes wollte die Hamburgische Staatsoper den akustischen Reizen der Musik eine zweite, visuelle Dimension hinzufügen, indem sie bei der Designkünstlerin rosalie dazu eine Lichtskulptur in Auftrag gab. In der Elbphilharmonie waren sieben herabhängende Stelen montiert, auf denen zu den wechselnden musikalischen Stimmungen Leuchtdioden Wellen oder Überkreuzungen wechselnden farbigen Lichts in den Raum schickten. Ein Experiment, das angesichts zahlreicher Lichtmetaphern in Text und Musik von Mahlers Achter durchaus nahe lag. Dass diese kraftvolle Musik allerdings derart Ergänzung oder gar Verstärkung nötig hätte, kann nach der Erfahrung dieses Projekts auch nicht gesagt werden.

Der zweite Teil der Symphonie beginnt mit einem geheimnisvollen Landschaftsbild aus vielfarbigen Bläsertönen, flirrenden Geigentremoli und klopfenden Pizzicati der tiefen Streicher. Ein sanfter Beckenschlag blitzt leise auf. Durch zarte Intonation und ausgewogene Balance kann regelrecht mystische Stimmung entstehen. Infolge eher angespannter Nervosität in den Bläsern und zu scharfer Intonation blieb dieser Eindruck hier leider aus. Mein Klangeindruck war eher kühl und körperlos. Zudem ließ Inbal gerade an diesen Stellen zu laut musizieren. In diesem akustisch überaus trockenen Saal, der jeden Ton deutlich hörbar macht, wäre in der Dynamik wohl eher mehr als weniger Zurückhaltung hilfreich gewesen. Doch andererseits kam diese akustische Situation gerade solchen Instrumenten zugute, die oftmals in anderen Sälen kaum zu vernehmen sind, wie der hier wundervoll präsenten Mandoline, auch dem Klavier und der Celesta.

Schwierig ist in dieser Symphonie auch die Situation der Solisten. Meist werden sie vom Orchester gnadenlos überdeckt. Anders hier in der Elphilharmonie, wo sie (mit Ausnahme der Mater gloriosa) hinter dem Orchester positioniert waren und sich weitgehend hervorragend durchsetzten. Sie alle sangen exzellent, gut textverständlich und ausdrucksvoll. Stellvertretend sei nur der schöne warme Alt Daniela Sindrams hervorgehoben. Heather Engebretson sang die erlösenden Verse der Mater gloriosa Komm, hebe dich zu höhern Sphären vom obersten Rang aus nicht nur engelhaft, sondern mit durchaus emphatischem Nachdruck – ein schönes Detail individuellen Gestaltungswillens.

Und dann das überwältigende Finale: den Übergang zur Coda nahm Inbal wieder recht schnell, der mystische Chor setzte leise und präzise zusammen ein und die Symphonie endete mit fast quälend harten Paukenschlägen im wohl vierfachen fortissimo, das die Elbphilharmonie fast zum akustischen Kollaps brachte.