Ich bin schön! Ich bin sexy! Ich bin in dieser coolen Bar! Ich! Ich! Ich! Millionenfach machen Selfies und Nachrichten von der eigenen Großartigkeit die Runde in sozialen Netzwerken. Wäre Manon Lescaut heute nur eines von vielen Models? Würde sie sich nackt auf einer Abrissbirne durch einen Videoclip schwingen? Ist Narzissmus das neue Normal?

Diana Damrau (Manon) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Diana Damrau (Manon)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Die zeitlos-kluge Staatsopern-Inszenierung von Massenets Manon durch Andrei Serban beantwortet keine dieser Fragen; vielmehr ermutigt die differenzierte Personenregie das Publikum zu eigenen Überlegungen und wirkt bei ihrer mittlerweile 37. Aufführung so modern wie zu ihrer Entstehung anno 2006, als Anna Netrebko in der Titelpartie und Roberto Alagna als Chevalier Des Grieux glänzten. Aktuell sind Diana Damrau und Ramón Vargas als tragisches Liebespaar zu erleben, und beide profitieren von ihren gemeinsamen Erfahrungen mit dieser Inszenierung aus dem Jahre 2010: es passen jeder Schritt und jede Handbewegung.

Speziell Damrau kann ihre überragenden schauspielerischen Qualitäten ausleben und zeigt, dass die 1731 aus der Feder des Abbé Prévost entstandene (und damals als skandalös empfundene) Geschichte vom sechzehnjährigen Landei, das statt ins Kloster mit einem spontan erkorenen Liebhaber nach Paris fährt, immer noch faszinieren kann. Naives Mädchen, berechnendes Luder, Vamp und arme Sünderin – alle Facetten von Manon werden von Damrau darstellerisch wie stimmlich bis ins Detail spürbar gemacht. Wer hier einen oder zwei minimal angestrengte Töne bemäkeln will, wird so viel Mitleid ernten wie der Gast eines Luxushotels, dem der Blumenschmuck in seiner Suite nicht gefällt.

Von Damraus Verve ließ sich auch Vargas in den gemeinsamen Szenen dieses Abends gern mitreißen, selbst wenn er in seine Soli eher zurückhaltend gestaltete und darauf bedacht schien, seine Stimme nicht zu sehr zu strapazieren. Es wäre schön gewesen, hätten sich die notorischen Huster im Publikum ebenfalls nobel zurückgehalten und sich nicht ausgerechnet das von Vargas nuanciert gesungenes „Ah! Fuyez, douce image“ für ihren großen Auftritt ausgesucht.

Im attraktiven Ambiente der Zwanzigerjahre, das von Serban und seinem Ausstatter Peter Pabst gestaltet wurde (Bahnhofshalle statt Kutschenstation, Pigalle statt Volksfest) und das durch den Einsatz von Spiegeln, Videoprojektionen und Pappfiguren geschickt zwischen Kammerspiel und großer Szene wechselt, überzeugten an diesem Abend auch die Nebenrollen; lediglich die Besetzungen von Poussette, Javotte und Rosette überraschten mit ein paar überdreht-schrillen Tönen. Boaz Daniel gab als Manons Cousin einen rustikalen, aber ansprechenden Lescaut, Dan Paul Dumitrescu einen noblen und stimmlich sehr gefälligen Grafen Des Grieux. Mihail Dogotari als Geldsack Brétigny wirkte etwas blass, dafür blieb Thomas Ebenstein als Guillot de Morfontaine mit Witz sowie einem guten Schuss Bösartigkeit in Erinnerung und machte so sein wenig idiomatisches Französisch wett.

Diana Damrau (Manon) und Ramón Vargas © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Diana Damrau (Manon) und Ramón Vargas
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Leider war aus dem Graben weniger Erfreuliches zu hören, wenn man vom Chor, der aus szenischen Gründen einen größeren Auftritt dort hat, einmal absieht. Statt französischer Raffinesse und großen Gefühlen hörte man unter der Leitung von Frédéric Chaslin viel belangloses Dahinplätschern und dann wiederum abrupte orchestrale Sturmfluten. Insbesondere die Begleitung von Ramón Vargas geriet manchmal unfreundlich laut. Dass am ersten Abend einer neuen Wiederaufnahme-Serie die Einsätze auch nicht immer punktgenau passen, ist man (leider) gewöhnt. Die Instrumentalsoli hingegen gelangen tadellos, wobei speziell das Cello hervorzuheben ist.

Insgesamt überwog an diesem Abend das Positive. Allerdings darf man anmerken, dass die Handlung von Manon kein Idealprogramm für den Valentinstag ist, sogar wenn man berücksichtigt, dass dieser Tag im deutschsprachigen Raum nicht den gleichen Stellenwert wie im anglo-amerikanischen einnimmt. Doch im Vergleich zu dem, was die Staatsoper in den letzten Jahren überwiegend aufbot – Ballettabende, Schließtage, Roméo et Juliette, Così oder Plácido Domingo, der als Otello seine Desdemona meuchelt – war die lebenslustige Manon allemal ein Fortschritt in Sachen sensibler Programmgestaltung.