„Die Lieder, das Getanze und die Musik. Alles schön, aber langweilig!“, singt Manon im zweiten Akt und man kann ihr nur zustimmen. Der Regisseur Philipp Himmelmann hat in Hamburg eine Inszenierung geschaffen, die gute Ideen enthält, aber an der Umsetzung allumfassend scheitert. In einer eher leeren Schwarz-Weiß-Bühne mit drehbaren, deckenhohen Wänden (Johannes Leiacker) wandeln Sänger in wunderbar detailverliebten schwarz-weiß Kostümen (Gesine Völlm) umher. Aber schöne Kostüme machen noch keine Regie.

<i>Manon Lescaut</i> (2012) © Monika Rittershaus
Manon Lescaut (2012)
© Monika Rittershaus

Leider wurden an diesem Abend weder Konzept des Regisseurs noch das eigentliche Libretto sichtbar. Himmelmanns Prämisse: des Grieux träumt. Und zwar sowohl von der Liebe der Manon, ihrem wiederholten Verrat und dem übrigen Personal. Manon, ihren Bruder Lescaut und den Rivalen Geronte soll das Publikum sich deshalb nur als Figur dieses Liebes-Albtraums denken. Dabei ist des Grieux eine fast unbewegte Figur. Klingt in der Theorie vielleicht interessant, aber auf einer großen Bühne, die nur mit Stühlen bestückt ist, wirkt es trist. Es passierte fast nichts. Und das, was von Chor und Solisten gespielt wurde, war eher mittelprächtig. Das kann auch daran liegen, dass es keine einzige Probe mit dem heutigen Dirigenten (Francesco Ivan Ciampa) gab. Alle wirkten eher mit dem richtigen Einsatz als mit der Darstellung beschäftigt. Das schien aber nicht viel zu helfen, da viele Einsätze und der Chor immer versetzt waren.

Zum Glück gibt es aber das Philharmonische Staatsorchester, dass einen unglaublich italienisch-schwungvollen Puccini spielte. In den italienischen Opernwochen der Hamburgischen Staatsoper wirken alle sehr gut auf diese Klänge eingespielt. Ein absolutes Highlight des Abends.

Sängerisch war diese Manon durchwachsen. Es begann mit einem vom Ensemblemitglied Oleksiy Palchykov klar und leicht gesungenen, sehr gut gespielten Edmondo. Auch der Hamburger Stammsänger Tigran Martirossian überzeugte als Geronte di Ravoir. Mit seiner unverwechselbaren Bass-Stimme geht er in dieser Rolle sehr gut auf.

<i>Manon Lescaut</i> (2012) © Monika Rittershaus
Manon Lescaut (2012)
© Monika Rittershaus

Auch der als Joker verkleidete Bruder Lescaut (Vittorio Prato) könnte sich hören lassen, wenn er über das Orchester herüberkäme. Manchmal meinte es Ciampa zu gut und die Akustik des Hauses zu schlecht mit der süßlich-warmen Bariton-Stimme, die besonders in der Tiefe nicht genügend Kraft hat gegen das volle Orchester anzukommen. Ansonsten war er spielerisch und sängerisch eine Freude.

In der Hauptrolle hat sich die Staatsoper Kristine Opolais eingekauft. Die Sopranistin sah in ihrem roten Kleid mit Perücke aus, als wäre sie einer historischen Jane-Austen-Verfilmung entsprungen. Leider überzeugte sie jedoch nicht als Manon. Ihre Höhe ist warm und voll, aber der Rest hat einen unschönen Beigeschmack: hörbare Registerwechsel, raue Ansätze und auch ihr Spiel blieb im Gegensatz zu sonst eher zurückhaltend.

Als des Grieux kam der Tenor Jorge de León zurück auf die Hamburger Bühne. Mit seinen musikalischen Gefühlsausbrüchen konnte er vereinzelt sogar Gänsehaut erzeugen. Sein Tenor ist kräftig und sicher genug, um die saftigen Puccini-Klänge aus dem Graben als Sprungbrett zu nutzen. Seine Rolle war allerdings ohne Spiel einfach begrenzt.

Wirkliche Leidenschaft und Spannung blieb der Musik aus dem Graben vorbehalten. Dort wogte es stimmungsvoll mit großer Dynamik in den Streichern und süßlichen Holz-Klängen. Auf der Bühne blieb es seltsam teilnahmslos. Nachdem im zweiten Akt nicht mal mehr erigierte Penisse der willigen Verführer Manons zu Aufregung oder Spannung führen konnten, ist die leere Bühne in der Wüstenszene im vierten Akt der eigentliche Albtraum. Wenn kaum Personenregie zu sehen ist, bleibt nur das Warten – „O Himmel!“ – auf den Tod von Manon.

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