Bestimmt bin ich nicht der Erste, der sich aufgrund der Vorlage des wunderschön mehrgedanklichen Titels „Rheinvokal“ zum Wortspiel eines im dreifachen Sinne rein vokalen Abendprogramms hinreißen lässt, um ein Konzert in Perfektion zu beschreiben. Was das britische Vokalensemble The Marian Consort aber in der Pfarrkirche St. Severus in Boppard zu Gehör gebracht hat, verlangt geradezu nach dieser Sichtweise und sprachlichen Re-Kreation.

© The Marian Consort
© The Marian Consort

Die unfassbare Schönheit und Klarheit der englischen a cappella-Literatur von Byrd und Zeitgenossen war bei den Solisten in besten Händen und Emma Walshe, Gwen Martin, Rory McCleery, Guy Cutting, Rupert Reid und Chris Borrett authentischste Botschafter englischer Renaissance-Polyphonie. Da alle Sänger auch im nach einhelliger Meinung weltbesten Chor, dem Monteverdi Choir John Eliot Gardiners, beheimatet sind, kommt das Fazit nicht überraschend. Mit dieser Erfahrung ausgestattet und der ihr eigenen Kreativität und Empfindung angereichert machten Sie die liturgischen Gesänge zu einem faszinierenden Erlebnis.

Im Zentrum stand William Byrd, der trotz seines katholischen Glaubens und des damit verbundenen späteren Rückzugs die vokale Kirchenmusik des elisabethanisch-anglikanischen Englands prägte und mit Thomas Tallis nach heutigem Wissen zumindest an Umfang und Reichtum bestimmte. Seine Mass for four voices interpretierte das Ensemble mit klarer Diktion, Humanität und ergreifender Harmonie. Die kontrapunktischen Messsätze wurden entsprechend der immensen Fähigkeiten des Marian Consorts auf vielfältige Weise dargeboten, von schnörkellos bis expressiv oder lieblich bis bekräftigend. Stets sanft im Ansatz und doch spannungsgeladen unterstrichen sie die Verse mit Betonung und Schwellung in makelloser Intonation. Einleitende dreistimmige Verse der engelsgleichen wie markanten Sopran- und Altlinien oder samtig wie kräftigen Tenor- und Basspartien kulminierten – wie im Gloria – nach freien, klaren Fugen à sechs in einem vierstimmigen Abschluss voller Eindringlichkeit und Klangpracht.

Die weiteren Vertonungen Byrds meisterten die Solisten genauso bewundernswert routiniert und perfekt. Das festlich-freudige Gaudeamus omnes in Domino brachten sie mit passender stimmlicher Leichtigkeit und Beweglichkeit trotz rhythmisch schwieriger und komplexer Struktur homogen zum Ausdruck. Positivst dramatisch geriet auch sein melodisch schwieriges und vielschichtiges Vigilate. Sowohl dessen Chromatik als auch spritzig-agil vorgetragene kurze, schnelle Läufe setzten die Sänger mit feinster und durchdachter Dynamik um. Besonders lobend erwähnt seien auch Byrds Justorum animae, das emotional mit einfacher Klangschönheit in Erinnerung blieb, und sein Beati mundo corde, in dem fordernde dissonante Harmonien in fließender Reinheit wunderbar aufgelöst wurden. Zum perfekten Abschluss dieser Byrd-Festspiele wählte das Marian Consort das kurze, freudvoll-beschwingte aber komplex gearbeitete Venite, exultemus Domino, aus dessen Psalm drei Worte die Empfindung einfach am besten wiedergeben: iubilemus, Alleluia, Amen.

The Marian Consort beim RheinVokal Festival © Michael Rathmann
The Marian Consort beim RheinVokal Festival
© Michael Rathmann

Die eingebauten Vertonungen von Byrds Zeitgenossen belebten das Programm zusätzlich. Nicholas Strogers' im Vergleich etwas schlichteres Non me vincat übersetzten die fabelhaften Solisten in puristischem Gesang mit ungeheurer Spannung, die Einfachheit der fugalen Ausfertigung durch Eindringlichkeit und ein gekonntes Spiel mit Dynamik. Derrick Gerarde Sive vigilem untermauerte einmal mehr die Stärke der nahezu vibratolosen aber weichen Stimmkunst, die – legato-getragen – in den langen kompositorischen Linien mit geladener Energie voll ausgeschöpft werden konnte. Als persönliches Highlight stellte sich jedoch Martin Peersons ins Frühbarocke hineinreichende Laboravi in gemitu meo heraus, dessen kurze Psalmvertonung mit echoisierten Wiederholungen besonders expressiv und spannend durch beeindruckend flüssiges Ineinandergreifen der komplexen Stimmenlinien gestaltet wurde.

In Anbetracht der fesselnden Harmonie und Klangschönheit des sympathischen Marian Consorts verging die Zeit wie im Fluge. Wo sie auch auftreten, sollte man sich dies nicht entgehen lassen. Fast schon abenteuerlich wirkt der einzige Kritikpunkt bei der ansonsten an den Tag gelegten Perfektion, nämlich die wechselnde, mal deutsche, mal italienisch-englische Aussprache des lateinischen Textes, doch holte dies mich nur aus nahezu beängstigenden Höhen herunter, in die mich das Ensemble an diesem himmlischen Abend geführt hatte.