Wie die Intendantin der Tonhalle-Gesellschaft, Ilona Schmiel, in einführenden Worten erläuterte, bestimmten zwei Dinge das Programm dieses Konzerts: Zum einen galt es, den Artist in Residence der neuen Saison, den Schlagzeuger Martin Grubinger, zu präsentieren. Zum anderen bestand der ausdrückliche Wunsch des Chefdirigenten Lionel Bringuier, sich in seiner dritten Saison den Ballets Russes zu widmen.

Zusammen mit dem vermuteten Wunsch, die Saison mit einem „Big Bang“ zu eröffnen, ergab sich ein Programm mit zwei Kompositionen: Dorman, gefolgt von Strawinsky. Dieses Konzept lag für ein eher konservatives Abonnementspublikum scheinbar auf der sicheren Seite, indem es die neuere, experimentellere Musik an den Anfang stellte und mit einem bekannten „neueren Klassiker“ abschloss.

Martin Grubinger © Felix Broede
Martin Grubinger
© Felix Broede

Avner Dormans Frozen in Time wurde 2007 in Hamburg aus der Taufe gehoben vom Solisten dieses Abends, Martin Grubinger, dem 1983 geborenen Shooting Star unter den Perkussionisten der jüngeren Generation. Dormans Werk ist eine Komposition für Perkussion und großes Orchester in drei Sätzen, die in geologischen Zeiträumen drei Blicke auf sich entwickelnde Kontinente wirft.

Frozen in Time beschreibt aber mitnichten einen gefrorenen Zustand, sondern meint primär eine Momentaufnahme aus der Vergangenheit. Der erste Abschnitt, Indoafrica, bezieht sich auf einen Urkontinent, aus dem sich später Afrika und der indische Subkontinent entwickeln. Das Konzert – und damit die Saison – beginnt in der Tat mit einem „Splash“ des Solisten. Danach allerdings zieht sich die Musik kurzzeitig in verhaltene Rhythmen zurück, um dann alsbald ein polyrhythmisches Feuerwerk zu entzünden, das periodisch aufflammt, sich dazwischen aber immer wieder auf leise, fast nur angedeutete Klänge auf Metallophonen besinnt.

In den Ausbrüchen entfaltete Grubinger eine Klanggewalt und faszinierende rhythmische Vielfalt, dass einem Hören und Sehen vergeht: in ihrer Gesamtheit erfassen kann man die Rhythmen nicht. Dabei fällt dem Orchester im ersten Teil kaum mehr als die Rolle eines Statisten zu, Begleitung wäre schon fast zu viel gesagt. Erst gegen Ende, in einer Sequenz, die an Arvo Pärt erinnert, tritt das Solocello kurz als gleichwertiger Partner auf, und in der Schlusspassage endlich darf auch das restliche Orchester für einen Moment mitgestalten. Der Solopart ist von afrikanischen und indischen Rhythmen geprägt, zeitweilig von Gamelan-Musik inspiriert.

Lionel Bringuier © Jonathan Grimbert-Barre
Lionel Bringuier
© Jonathan Grimbert-Barre
Der zweite Teil, Eurasia, handelt von der kalten, nördlichen Welt dieses Kontinents: sanfte, gehauchte, ätherische Klänge auf dem Vibraphon, mit zarter Streicher-Begleitung, manchmal fast wie leise Orgelmusik oder Glasharfe, dann wieder Naturlaute, Nachtruhe, Sternenhimmel, eine beinahe verträumt-kosmische Atmosphäre. Die Melodien allerdings sind von Mozart inspiriert, wenn nicht teils gar entlehnt, und diese Melodik hat für mich so viel Gefühlswärme durchscheinen lassen, dass ich kaum an kalte, nordische Klimata denken mochte (abgesehen von den allerersten Takten, die wieder an Pärt gemahnen). Der letzte Satz, The Americas, nutzt das volle schlagzeugerische Spektrum und weist endlich auch dem Orchester eine prominente, rhythmisch oft sehr aktive Rolle zu – ein hinreißendes Großstadtgetümmel, durchmischt mit Sequenzen und Elementen aus den ersten beiden Sätzen.

Das Publikum war mehr als begeistert, vor allem natürlich vom Solisten, aber auch von der Leistung des Orchesters. Dieses war seinerseits offensichtlich genauso fasziniert von Grubingers Leistung. Für die Zugabe holte Martin Grubinger ein Ensemble von Perkussionisten des Orchesters mit afrikanischen Basstrommeln, Djembé, Cajón und anderem Schlagwerk auf die Bühne. Es folgte eine hinreißende, fünfminütige Improvisation mit rasenden Rhythmen.

Strawinskys Le Sacre du Printemps hat 1913 einen Skandal verursacht; dieser war aller Wahrscheinlichkeit nach aber vor allem auf Nijinskys Choreographie zurückzuführen. Jedenfalls ist die Musik längst eine feste Größe im Konzertrepertoire geworden, ein stark rhythmisch geprägtes Werk, virtuos und gekonnt gespielt von den Musikern des Orchesters. Bringuier bot mit seinen Leuten eine technisch ausgezeichnete Aufführung, mit sehr guter Präzision und Koordination. Das Ensemble erzielte ein fast erdrückendes Klangvolumen; die Musiker überzeugten durchweg, von den Streichern zu den gewohnt ausgezeichneten Bläsern (dem Fagottisten kommt eine besonders prominente Rolle zu).

Lionel Bringuier dirigierte klar und taktsicher, allerdings schien mir die Interpretation streckenweise eher technisch, was vielleicht auch an der etwas rigiden, schematischen Schlagtechnik des Dirigenten gelegen haben mag. Im ersten Teil, L'Adoration de la Terre, gab es Momente, in denen der Schwung teils verloren ging, gesamthaft schien das innere Feuer zu fehlen. Im zweiten Satz, Le Sacrifice, überzeugten mich besonders die durchweg sauber intonierenden Blechbläser, etwa die sordinierten Trompeten.

Ich fand in dieser Aufführung des Sacre kaum wunde Punkte, auf die ich den Finger hätte legen können. Dennoch war der Applaus am Schluss eher mäßig: kann Strawinskys Komposition mit Dormans Werk nicht mithalten? Fehlte nach der Bekanntgabe von Bringuiers vorzeitigem Abgang im Sommer 2018 bei Publikum, Orchester und Dirigent die Begeisterungsfähigkeit, der Elan, der absolute Wille zu einer vollends überzeugenden Leistung? Oder hätte einfach die Reihenfolge der Werke umgekehrt sein können? Der Gesamteindruck blieb etwas uneinheitlich, ließ Fragen offen.